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"Rabenliebe-Autor Wawerzinek auf Spurensuche in seiner Geburtsstadt Rostock
1956 begann nach Flucht der Mutter Heimkarriere des damals Zweijährigen
Rostock (dapd). Für den Schriftsteller Peter Wawerzinek bedeutet die Reise nach Rostock die erste Rückkehr an den Ausgangspunkt seines Lebenstraumas. 1954 kam er in der Hansestadt zur Welt, nur zwei Jahre später verließ die Mutter ihn und seine jüngere Schwester und zog dem Vater in den Westen nach. Die Kinder blieben alleine in der Wohnung zurück und wurden gerade noch rechtzeitig gefunden. Für Wawerzinek begann eine Heimkarriere mit zwei gescheiterten Adoptionsversuchen. Erst vor wenigen Jahren suchte und fand er seine Mutter - und wurde erneut enttäuscht. Seine Geschichte schrieb er in dem Buch "Rabenliebe" nieder. Am Dienstagabend hat Wawerzinek daraus in einer Rostocker Buchhandlung gelesen, am Tag darauf geht die Aufarbeitung seiner Kindheit weiter: Wawerzinek will zurück zu dem Haus, in dem alles begann.
"Ich habe erst vor drei Tagen die Adresse erfahren", sagt der Autor. "Ich will mal sehen, ob noch alte Nachbarn da sind, die meine Eltern noch kannten." Rückendeckung für seine Spurensuche in die Vergangenheit erhält Wawerzinek nach der Lesung. In der langen Reihe von Zuhörern, die nach der Veranstaltung noch eine Widmung für ihre Ausgabe der "Rabenliebe" ergattern wollen, sind viele frühere Mitschüler, mit denen er sich lange unterhält, Adressen austauscht. Auch Lehrer sind gekommen, um ihren ehemaligen Schüler zu sehen. Darunter Wawerzineks alter Deutschlehrer, der die Klasse auch mal statt Goethe und Schiller Ulrich Plenzdorfs "Die neuen Leiden des jungen W." lesen ließ.
Für Wawerzinek schließt sich damit ein Kreis: Im Juni gewann er - wie zuvor auch Plenzdorf im Jahr 1978 - den renommierten Ingeborg-Bachmann-Literaturpreis. "Es ist natürlich toll, dass ich jetzt mit ihm in einer Reihe stehe", sagt er stolz. Jeder in der Schlange bekommt zur Widmung in sein Exemplar des Buches auch eine kleine Karikatur: immer wieder Raben in verschiedenen Darstellungen. Eine davon zeigt die Vögel beim angedeuteten Liebesspiel: "Raben, die Liebe haben", schreibt der 55-Jährige dazu.
Wawerzinek selbst musste als Kind auf echte Liebe verzichten, stattdessen baute er sich eine Traumwelt auf, in der er mit Vögeln sprechen konnte. Davon erzählt auch eine der Passagen aus seinem Buch, die er vorliest. Viele Erlebnisse sind darin so detailliert wiedergegeben, dass seine frühere Heimleiterin konstatiert, es sei erstaunlich, wie gut er sich erinnern könne. Das gute Erinnerungsvermögen könnte damit zusammenhängen, dass er das Erlebte lange nicht verarbeitet hat und sich erst so spät auf die Suche nach der Mutter machte. "Ich habe lange gezögert, weil ich daran gezweifelt habe, ob es überhaupt noch nötig ist. Aber meine Freunde haben gesagt: 'Dir fehlt etwas, du bist innerlich nicht ruhig.'" "Trunken von der Nichtbewältigung", nennt Wawerzinek heute diesen Zustand.
Mit "Rabenliebe" wollte er nicht nur sich helfen, sondern auch anderen, die unter ähnlichen "Altlasten" litten: "Das Buch sollte ein Tor aufmachen, damit so viele wie möglich auch in meinem Alter sagen: 'Da lastet noch etwas auf meinem Herzen.'" Tatsächlich melden sich inzwischen viele Leidensgenossen bei ihm, darunter besonders viele Männer. Die Suche nach den Spuren der Vergangenheit soll auch für Wawerzinek weitergehen. Von den anderen Kindern, die mit ihm damals in den Kinderheimen in Rerik und Nienhagen lebten, hat er seitdem nichts mehr gehört. "Eine ehemalige Erzieherin sammelt derzeit die Adressen, damit wieder Kontakt hergestellt werden kann", sagt er. Eine erste Erinnerung an diese Zeit hat er dank seiner durch "Rabenliebe" gewonnenen Popularität schon erhalten: "Ich habe jetzt ein Foto bekommen, auf dem ich mich erstmals als Heimkind sehe."
dadp