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Systemkritik der DDR-Rockstars
Am 18. September 1989 verfassten die Spitzen der Musikszene im SED-Staat ihre "Rockresolution"
Berlin (ddp-bln). Die DDR im September 1989: Während sich Staatschef Erich Honecker mit seiner Einheitspartei SED politisch fest im Sattel wähnt und gleichzeitig Tausende Bürger in Richtung Westen flüchten, erste Demonstrationen beginnen, geht in Ost-Berlin ein unerhörtes Papier von Hand zu Hand: die "Resolution der Rocker und Liedermacher".
"18/9/89" steht über der hauchdünnen Schreibmaschinenseite - Tamara Danz, die "Rockröhre" des Ostens und Frontfrau der Band Silly hatte das Datum hastig hingekritzelt. Adressaten sind die einzige DDR-Nachrichtenagentur ADN, das "Neue Deutschland" als Parteizeitung der SED, das FDJ-Blatt "Junge Welt". Dazu Rundfunk und Fernsehen der DDR, das Zentralkomitee der SED oder auch der Staatsrat und auch "MfS", das Ministerium für Staatssicherheit.
"Absichtlich nicht die Westmedien", erinnern sich die Silly-Mitglieder Uwe Hassbecker, Ritchie Barton und Jäcki Reznicek. "Damit wollten wir den Staatsoberen den Wind aus den Segeln nehmen." Für den Westen zu arbeiten oder von dort benutzt zu werden, seien immer beliebte Totschlag-Argumente gewesen. Dabei ist der Text "kaum ´anti´ und regelrecht diplomatisch formuliert", zeigt sich Reznicek noch rückblickend überrascht.
Tatsächlich aber war das Papier revolutionär. Einleitend heißt es: "Wir, die Unterzeichner dieses Schreibens, sind besorgt über den augenblicklichen Zustand unseres Landes, über den massenhaften Exodus vieler Altersgenossen, über die Sinnkrise dieser gesellschaftlichen Alternative und über die unerträgliche Ignoranz der Staats- und Parteiführung, die vorhandene Widersprüche bagatellisiert und an einem starren Kurs festhält." Solch ein Standpunkt - von DDR-Bürgern öffentlich vorgetragen - war riskant, auch noch im September 1989.
Natürlich erscheint in der DDR keine Zeile davon, "BRD-Medien" drucken es Tage später ab. "Da befanden wir uns gerade auf einer Konzertreise durch den Westen und dachten daraufhin, jetzt lässt man uns nicht wieder zurück", erzählt Bassist Recznizek. Schließlich standen seit 1976 die Folgen für jene DDR-Künstler im Raum, die einst die Resolution gegen die Ausbürgerung des Lyrikers Wolf Biermann unterzeichnet hatten. Viele bekamen Berufsverbot, mussten ihre Signatur zurückziehen oder wurden so konsequent ignoriert, dass sie "freiwillig" ausreisten.
"Aber keiner von uns hatte 1989 nur einen Moment gezögert", betont Komponist und Gitarrist Hassbecker heute. "Uns war klar, dass da etwas gemacht werden musste. Denn immer mehr Leute gingen über Ungarn weg." Allen sei klar gewesen: "Schlimmer konnte es im Land nicht mehr werden. Es hatte keine Perspektive mehr, wenn die Leute weggehen."
Die Initialzündung zur Resolution sei unter anderen von Liedermacher Gerhard Schöne, dem Erstunterzeichner, und durch Kontakte von Tamara Danz mit dem Neuen Forum gekommen. Federführend waren zugleich Toni Krahl von City und André Herzberg, Sänger der Band Pankow. Andere prominente Kollegen kniffen. Vervielfältigt wurde das Original bei Liedermacher Schöne, der über den einzigen Westkopierer verfügte.
Das Papier schlug in der DDR-Unterhaltungsszene trotz der Vorbehalte ein. Bis Ende September 1989 meldeten sich mehr und mehr Künstler, um auch noch zu unterzeichnen. Dem Vorbild Frank Schöbels beispielsweise folgte Schlagersänger Thomas Lück, Dagmar Gelbke, Texterin Helga Hahnemanns, bekannte sich für die Humoristenfraktion. Parallel durfte Silly überraschend wieder in den Osten einreisen.
Auch die Fans in der DDR erfuhren jetzt von der Resolution. "Wir und andere Bands haben den Text einfach auf Konzerten verlesen", berichtet Hassbecker und Keyboarder Barton ergänzt: "Vor einem Konzert im Leipziger Clara-Zetkin-Park fing uns die Stasi am Eingang ab. Tamara sollte aufs Verlesen verzichten. Rundum, auch hinter der Bühne, stand massenhaft Stasi und Polizei." Als die Sängerin dann doch Auszüge las, hätte man ein Stecknadel fallen hören, erinnert sich Reznicek.
Während das Publikum in Leipzig anschließend vor Begeisterung tobte, kam es anderswo erst gar nicht so weit. Musiker wurden verhaftet oder Konzerte fielen aus fadenscheinigen Gründen aus. Demgegenüber unterschrieben erstaunlicherweise auch Stasi-Zuträger, wie sich später herausstellte.
Bezüglich der Resolution üben sich die Silly-Leute heute in Bescheidenheit. "Wenn wir erreicht haben, dass ein paar Leute aufstehen, wenn wir ihnen ein bisschen Mut gemacht haben, zu den Demonstrationen zu laufen, dann hat es sich gelohnt", sagt Uwe Hassbecker. "Die Resolution war nur ein Stück des Weges."
(ddp)