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Unbekannt, unbeherrschbar, undurchschaubar
Das Festival "Politik im Freien Theater" beschäftigt sich in Dresden mit dem Fremden
Dresden (dapd-lsc). "Fremd" ist das Thema des Festivals "Politik im Freien Theater", das am Donnerstag (27. Oktober) in Dresden beginnt. An vielen Orten in der Stadt werben seit einigen Wochen Plakate für das Theaterfest der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), auf denen die fünf Buchstaben "Fremd" in fett gedrucktem Schwarz so eng aufeinander gedrängt zu sehen sind, dass man das Wort nicht mehr erkennt. Geweckt wird beim Betrachten des düsteren Gebildes vielmehr nur ein Eindruck von Fremdartigkeit und Undurchschaubarkeit.
Das Festival, auf dem bis 6. November 16 aktuelle Stücke aus der internationalen freien Szene jenseits der Stadt- und Staatstheater gezeigt werden, wird in diesem Jahr zum achten Mal ausgerichtet. 1988 habe die bpb es initiiert, um in "neue Felder der politischen Bildung" vorzustoßen, die sich anders mit gesellschaftspolitischen Themen auseinandersetzten als es rein diskursive Formen wie Podiumsdiskussionen täten, sagt Festivalleiterin Milena Mushak von der bpb. Die Erfahrung habe gezeigt, dass man über das Theater ganz andere Gruppen ansprechen könne: "Schüler kommen so oft erstmals mit uns in Kontakt."
In Dresden ist das Festival in diesem Jahr zum zweiten Mal nach 1993 zu Gast. Eigentlich sei die Chance, erneut den Zuschlag zu erhalten, nicht groß gewesen, erklärt Mushak. Aber das Konzept, mit dem sich das Europäische Zentrum der Künste Dresden in Hellerau und das Staatsschauspiel Dresden beworben hätten, habe überzeugt. Für das städtische und das staatliche Haus sei es die erste Zusammenarbeit, und das von ihnen vorgeschlagene Thema sei sehr spannend.
"Fremdheit ist für Dresden ein wichtiges Thema, weil hier die Abwesenheit des Fremden zu spüren ist", erklärt Christof Belka vom Staatsschauspiel, der zusammen mit Mushak und mit Carmen Mehnert von Hellerau die Festivalleitung stellt. Der Ausländeranteil liegt bei gerade einmal vier Prozent, zugleich ist Fremdenfeindlichkeit seit Jahren ein viel diskutiertes Thema. Da sei es besonders reizvoll, das Fremde in die Stadt hineinzutragen, sagt Mushak.
Unter dieses Motto falle einerseits das "Augenfällige", sagt Belka: "Verrücktes Blut" von Nurkan Erpulat und Jens Hillje und in "Arab Queen" von Nicole Oder etwa handeln von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. In den Inszenierungen, die die Jury aus den drei Festivalleitern und drei weiteren Theaterexperten ausgesucht hat, gehe es aber nicht nur um das kulturell Fremde, betont Mushak. Die Stücke handelten auch vom Unbeherrschbaren wie dem Finanzmarkt ("Money - It Came From Outer Space" von Chris Kondek und Christiane Kühl), vom Undurchschaubaren wie dem Darfur-Konflikt ("Darfur - Mission Incomplete" von Hans-Werner Kroesinger) oder von der Fremdheit zwischen den Generationen ("Testament" von She She Pop).
"Archetypisch" für das Thema ist nach Belkas Ansicht "Via Intolleranza II", die letzte Inszenierung des Regisseurs und Autors Christoph Schlingensief, der im vergangenen Jahr an Krebs starb. "Das Stück arbeitet sich durch alle Aspekte des Fremden durch", erklärt Belka. Deshalb habe die Jury es ausgewählt - und nicht als Hommage an Schlingensief, "auch wenn er das verdient hätte". Es sei zudem wahrscheinlich das letzte Mal, dass diese Inszenierung zu sehen sei, sagt Belka. Allein zehn Darsteller aus Burkina Faso flögen für sie ein. Es sei ein Glücksfall, dass das geklappt habe.
Generell sei das Festival seiner Ansicht nach eine große Chance für Dresden: "Wann hat man schon einmal 16 hochkarätige Gastspiele auf engstem Raum?" Mushak von der bpb hofft, dass sie Lust darauf machen, sich mit dem Fremden zu beschäftigen - auch wenn einige Produktionen wie "Cinderella" von der für ihre Zuschauerattacken berüchtigten New Yorkerin Ann Liv Young alles andere als leicht verdaulich sind. "Wenn Sie mit Theater im Publikum etwas hervorrufen, haben Sie schon Ihr Ziel erreicht", findet Belka.
(http://www.politikimfreientheater.de/)
dapd