Die Schriftstellerin Christa Wolf ist im Alter von 82 Jahren gestorben. Sie galt in der DDR als eine der renommiertesten Schriftstellerinnen. Die Schriftstellerin Christa Wolf ist im Alter von 82 Jahren gestorben. Sie galt in der DDR als eine der renommiertesten Schriftstellerinnen.

Foto: dapd

Christa Wolf ist tot

Mit der Autorin stirbt die Ära der Autoren, die ihren Lesern mehr waren als nur Verfasser von Büchern

Chemnitz. Immer öfter treffen wir uns auf Friedhöfen. Franz Fühmann, Klaus Renft, Carlfriedrich Claus, Gerhard Gundermann - nun also Christa Wolf. "Wie sind wir so geworden, wie wir heute sind? Eine der Antworten wäre eine Liste mit Buchtiteln." Schreibt Christa Wolf in ihrem wohl berühmtesten, anrührendsten Buch "Kindheitsmuster". Christa Wolfs Werke würden nicht fehlen in der Liste der Bücher, die sehr vielen Menschen geholfen haben, so zu werden, wie sie heute sind.

Noch einmal blättern in diesen Büchern, die verziert sind mit kleinen Zettelchen, Seitenzahlen, Anmerkungen im Abspann, die zitiert wurden in unzähligen Briefen, mit denen sich Menschen gegenseitig Mut gemacht haben - selbst, wenn sie von der Mutlosigkeit sprachen.

Noch einmal die Augen, die sich tapfer gegen die Tränen wehren, über die Zeilen schweifen lassen, die damals wichtig waren und wichtig geblieben sind. "Du weinst um alles", hatte sie geschrieben, "du weinst um alles, was einmal vergessen sein wird - nicht erst nach dir und mit dir zusammen, sondern solange du da bist und von dir selbst. Um das Schwinden der hoch gespannten Erwartungen. Um den allmählichen, doch unaufhaltsamen Verlust jener Verzauberung, die Dinge und Menschen bisher gesteigert hat und die das Älterwerden ihnen entzieht. Um das Nachlassen der Spannung, die aus Übertreibung kommt und die Wahrheit, Wirklichkeit, Fülle gibt. Um das Schrumpfen der Neugier. Die Schwächung der Liebesfähigkeit. Das Nachlassen der Sehkraft. Die Erdrosselung der heftigsten Wünsche. Das Ersticken ungebändigter Hoffnung. Den Verzicht auf Verzweiflung und Auflehnung. Die Dämpfung der Freude. Die Unfähigkeit, überrascht zu werden. Um das Versagen von Geschmack und Geruch und, so unglaublich es sein mag, um den unvermeidlichen Verfall der Sehnsucht."

Mit solchen Sätzen konnte man leben; da schrieb eine Frau, die ihren Leserinnen und Lesern nah war und nahe bleiben wollte. So nahe, dass sie auch nicht auswanderte, als sie längst selbst zum Objekt staatssicherheitlicher Beobachtung geworden war, als sie als SED-Mitglied für ihre Mitunterzeichnung eines Briefes gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann streng gerügt worden war, als sie auch im Westen Deutschlands anerkannt und berühmt war.

Christa Wolf, geboren 1929 in Landsberg an der Warthe, vereinte in ihrer Biografie all die Sehnsüchte, Ängste und Konflikte der deutsch-deutschen Geschichte. Sie wuchs hinein in dieses zweifache Deutschland, in dem die Hoffnungen nicht allzu hoch in den "Geteilten Himmel" wuchsen - wie Christa Wolf 1963 in der gleichnamigen Erzählung beschrieb. Geschult an der großen Erzählerin Anna Seghers, war für Christa Wolf Schreiben das Mittel, "sich mit der Zeit zu verschmelzen", wie sie in einem Essay über Georg Büchner notierte, und es lag vielleicht manchmal sogar eine gewisse Tragik darin, dass ihre Bücher oft auch oder sogar in erster Linie als politische Meinungsäußerung wahrgenommen wurden. Das geschah ihren frühen Werken - etwa der "Moskauer Novelle" (1961) und "Nachdenken über Christa T." (1968) - so und erst recht ihren späteren. Dies teilte auch ihr Publikum im geteilten Deutschland. Und dennoch: Christa Wolf war vor allem eine Dichterin, eine der wenigen deutschen Dichterinnen in Prosa, eine der wenigen, die sich nicht zu schade dafür war, ihre Kunst in den Dienst einer Vision zu stellen, die im Laufe der Jahre immer klarere Züge annahm und immer mehr bedroht wurde. Am deutlichsten mochte sie dies in den 1980er-Jahren gespürt haben, als ihre Erzählung "Kassandra" in der DDR nur um einige Seiten gekürzt erscheinen konnte. Dem Text waren vier Vorlesungen vorangestellt, in denen Christa Wolf den antiken Stoff mit der Gegenwart verband. Die Gegenwart - das waren damals, 1983, die Diskussionen um den Rüstungswettlauf zwischen den Blöcken im Kalten Krieg nach dem Nato-Doppelbeschluss. Und es war mutig von Christa Wolf, die sowjetischen SS-20-Raketen ebenso als Vernichtungswaffen zu sehen wie die Nato-Raketen. "Ich aber bin Europäerin", schrieb sie, "Europa ist gegen einen Atomkrieg nicht zu verteidigen. Es wird nur als Ganzes überleben oder als Ganzes zugrunde gehen." Und: "Wenn die atomare Gefahr uns an die Grenze der Vernichtung gebracht hat, so sollte sie uns doch auch an die Grenze des Schweigens, an die Grenze des Duldens, an die Grenze der Zurückhaltung unserer Angst und Besorgnis und unserer wahren Meinungen bringen." Solche Sätze machten auch der argwöhnisch beobachteten Friedensbewegung in der DDR Mut - Mut, den sie dringend brauchte und der letztendlich die Wende mit vorbereitete.

Christa Wolfs Mut war nicht so ungestüm wie der eines Wolf Biermann etwa, war nicht so selbstzerstörerisch wie der des Franz Fühmann; ihr Mut war hart erkämpft, und sie hat ihre Leserinnen und Leser an diesem Kampf in ihren Büchern teilnehmen lassen - mit allen Höhen und Tiefen, auch mit der Schere im Kopf, die manche Spezifik der Literatur hinter der Mauer begründete. Christa Wolf kannte die allgegenwärtige, subtile Angst, die das DDR-Regime verbreitete, diesen "chronischen Hang zum schlechten Gewissen", wie es in "Kindheitsmuster" heißt. Und sie warb mit Erfolg dafür, sich dieser Angst nicht zu unterwerfen. "Anscheinend brauchen wir für unser Leben die Zustimmung und Unterstützung der Phantasie ... das Spiel mit offenen Möglichkeiten", hatte sie geschrieben, und sie warb in all ihren Büchern für diese "offenen Möglichkeiten" in der sich verschließenden DDR.

Die "Wende" - ein Wort, das Christa Wolf nicht mochte, weil es ihr nach "Kehrt-Wende" klang - war der Autorin dennoch eine Befreiung, in der sie vor allem Möglichkeiten für eine "bessere DDR" sah, einen "besseren Sozialismus", wie sie es in der Unterstützung des Aufrufs "Für unser Land" 1989 dokumentierte. Auch dies eine Form des Erinnerns - an ein Ideal, eine Utopie, die keine realistische Chance hatte: "Sich erinnern ist gegen den Strom schwimmen, wie schreiben - gegen den scheinbar natürlichen Strom des Vergessens." Ihre Ideale mochte Christa Wolf nicht vergessen. Doch sie selbst geriet nach 1989 in Vergessenheit - umso mehr, als Anfang der 1990er-Jahre bekannt wurde, dass sie von 1959 bis 1962 als IM der Staatssicherheit geführt worden war. Ihre Akte hat sie selbst später veröffentlicht, um den teilweise sehr heftigen medialen Angriffen zu begegnen. Christa Wolf wollte ihre Träume nicht unter den Trümmern der Mauer begraben sehen, hat weiter geschrieben, wenn auch mit zunehmender Enttäuschung.

Mit Christa Wolf stirbt eine der letzten großen Autorinnen, die ihren Leserinnen und Lesern mehr war als die Verfasserin von Büchern. Die letzten Worte in ihrem letzten, 2010 erschienenen Roman "Stadt der Engel" sind: "Wohin sind wir unterwegs? Das weiß ich nicht." Ihr Leben und Schreiben war ein "fortgesetzter Versuch" (so der Titel einer Essay-Sammlung aus dem Jahre 1979), diesem Unterwegssein dennoch eine Richtung zu geben, mit den Mitteln der Kunst zu zeigen, wie man leben kann in den Brecht'schen "finsteren Zeiten", in denen die meisten, die den Boden bereiten wollen für Freundlichkeit, selbst nicht freundlich sein können. Christa Wolf konnte es: Ihr Schreiben war der Versuch, mit ihren Mitteln, die sie selbst durchaus als bescheiden empfunden haben mag, zu helfen, dass die Erde ein etwas besserer Ort wird. Diese moralische Integrität ist ihr nicht immer honoriert wurden.

Ihrem langjährigen Briefpartner Franz Fühmann, der schon 1984 starb, schrieb Christa Wolf: "Monsieur - wir finden uns wieder." Vielleicht hat sie dies auch ihren Leserinnen und Lesern vor dem Tod noch einmal zugerufen - sie werden es sicher hören.
 

 
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erschienen am 01.12.2011
 
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