Plauener Zeitung
Bagger reißen Getreidelager nieder
Gebäude früher auch Produktionsstätte für Cockpits der Messerschmitt-Flugzeuge - Abbruch kostet 180.000 Euro
Wehmut kommt bei Thomas Erhardt auf, wenn er den Abriss des ehemaligen Getreidelagers in Weischlitz verfolgt. Erhardt hat dort von 1975 bis 1979 gelernt, als er zum Facharbeiter ausgebildet wurde.
Weischlitz. Die Bagger kämpfen sich mit ihren eisernen Armen durch den Moloch aus Beton und Ziegeln. 29 Meter ist das Gebäude hoch, 68 Meter lang und 30 Meter breit. Dichte Qualmschwaden schießen nach oben, versperren den Baggerführern die Sicht. Die Mauern fallen. Stück für Stück. Und damit auch ein Stück spannender vogtländischer Industriegeschichte.
Das Getreidelager am Ortsrand von Weischlitz fällt seit dieser Woche den Abriss-Baggern zum Opfer. Die Industriebrache, die seit Mitte der achtziger Jahre ungenutzt dahindümpelt, wird dem Erdboden gleichgemacht. "Innerhalb der nächsten zwei Wochen werden Sie hier nur noch einen riesigen Schutthaufen sehen", sagt der Weischlitzer Bürgermeister Steffen Raab (parteilos). Wenn das Getreidelager gänzlich am Boden liegt, wird der Berg aus über 8000 Tonnen alten Beton- und Ziegelsteinen sowie Geröll bestehen, zum Teil mit Öl und Teer belastet. Spätestens im September soll er abgetragen sein.
Das alte, fünfstöckige Getreidelager, das nun nicht mehr zu retten ist. Hinter ihm liegt eine fast 100-jährige, wechselvolle Geschichte. 1912 wurde das Gebäude errichtet. Viele Jahrzehnte diente es als Textilfabrik, in dem Stoffe gebleicht und anschließend bedruckt wurden. Für viele Arbeiter gerade in den ersten Jahren der Produktion ein Job, der auf die Knochen und zu Lasten der Gesundheit ging. Dann warf der Zweite Weltkrieg seine Schatten voraus. Wie viele Betriebe in Deutschland wurde auch der vogtländische Textilbetrieb zu einem Rüstungsunternehmen umfunktioniert. In dem Gebäude stellten die Arbeiter plötzlich Flugzeugteile her. Cockpits für die Messerschmitt-Flugzeuge. Doch mit dem Ende des 2. Weltkrieges ging auch diese Ära zu Ende.
Ein Viertel des Gebäudes war am Mittwoch am frühen Nachmittag schon abgerissen, als ein Mann mit seinem Auto an der Industriebrache hält. Er zückt einen Fotoapparat, will noch schnell ein paar Bilder schießen. "Ich bin etwas wehmütig", sagt Thomas Erhardt, so heißt der Mann mit dem Fotoapparat, der heute in Syrau lebt. "Ich habe hier von 1975 bis 1979 gelernt, wurde in diesen Hallen zum Facharbeiter für Be- und Verarbeitung von Kornfrüchten ausgebildet. So hieß das damals ganz exakt." Da hatte die Geschichte des eigentlichen Getreidelagers längst begonnen. Seit den fünfziger Jahren brachten die Bauern das geerntete Getreide vom Feld hierher, trockneten es, verarbeiteten es zu Braugerste und Futtergetreide.
Jetzt also das Ende. "Denn aus den kühnen Plänen des letzten Besitzers, aus dem Lager ein Call-Center, ein Krankenhaus oder einen Knast zu machen, wurde nichts", so der Bürgermeister. Nur selten gewordene Paare von Mauerseglern und Dohlen machen hier noch Station. Jetzt werden für sie in der Nähe Brutkästen angebracht.
180.000 Euro kostet der Abriss, 90 Prozent davon kommen aus einem Fördermitteltopf, den Rest übernimmt die Gemeinde. Ist der Schutthaufen im September weg, kommt hier eine Grünfläche hin mit Sträuchern bepflanzt. Dann erinnert nichts mehr an die Geschichte.
Von Erik Kiwitter
Erschienen am 24.02.2010
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