Franco Warkentien.Foto: dapd
Der Bauer aus Paraguay
Franco Warkentien wollte das Leben in Deutschland ausprobieren - Aus zwei sind neun Jahre geworden
Kirchdorf (dapd-lsc). Franco Warkentien hat sich vor allem eine unendliche Gelassenheit aus seiner südamerikanischen Heimat nach Deutschland mitgebracht. Mit stoisch anmutender Ruhe lenkt der 40-Jährige aus Paraguay seit Wochen seinen Traktor immer und immer wieder im Schritttempo über riesige Felder in Sachsen, Thüringen und Brandenburg. Hinter ihm auf einer Bank sitzen Helfer und stecken junge Erdbeerpflanzen in die Erde unter sich. "Das kann man nicht schnell machen, das braucht eben seine Zeit", sagt Warkentien, der ungezählte Erdbeerfelder angelegt hat.
Dass er dies mit der immer gleichen Ruhe tut, erklärt sich der 40-Jährige selbst mit seinem früheren Leben in den unbesiedelten Weiten des Gran Chaco im Norden Paraguays. "Dort war ich mit dem Lkw oft tagelang unterwegs und hab niemanden getroffen. Im Vergleich dazu ist das hier doch alles noch sehr übersichtlich", sagt er und ein Lächeln huscht über das sonst ernste Gesicht.
Im vergleichsweise kleinen Sachsen wollte Warkentien eigentlich nur zwei Jahre bleiben. Einfach ausprobieren, wie es sich hier lebt und ob er seine Familie ernähren kann. "Aus dem Versuch sind bisher gut neun Jahre geworden", sagt Warkentien, der seit 2002 mit seiner russischstämmigen Frau Hedwig, Sohn Mirco und Töchterchen Joanne im sächsischen Dorf Kirchberg lebt.
Warkentien hat 2002 mit seiner Familie einen ungewöhnlichen Schritt gewagt. Zu einer Zeit, in der die europäische Wirtschaft auf eine große Wirtschaftskrise zusteuerte und viele Deutsche dem Auswanderungsfieber verfielen, haben sich die Warkentiens für die umgekehrte Richtung entschieden. "Die Wirtschaft in Südamerika lag damals auch am Boden und wir standen kurz davor, alles zu verlieren", sagt Warkentien, der sein Geld als Spediteur verdiente.
Als der Entschluss zum Auswandern feststand, gab er sich in seiner Heimat mit vielen Deutschen die Klinke in die Hand. "Manche kamen mit einem paar Euro und unglaublichen Vorstellung dort drüben an. Da wurde mir schwindelig", sagt er. Warkentien selbst hat seine Auswanderung indes bis ins Detail geplant und es so binnen kürzester Zeit geschafft, sich in Deutschland eine neue Existenz aufzubauen.
Er heuerte nach langen Recherchen bei jener Firma an, für die er bis heute arbeitet. Und für Firmenchef Harald Funk, selbst vor fast 20 Jahren aus Bayern nach Sachsen gekommen, ist Warkentien mittlerweile fast unersetzbar. "Er hat ein Ziel vor Augen und zieht alles konsequent durch. So etwas findet man heutzutage nur noch selten", lobt Funk die Willenskraft des 40-Jährigen.
Der wiederum nimmt die Worte mit einem schüchternen Lächeln hin und verweist auf seine deutschen Wurzeln. So stammt er aus einer ostpreußischen Familie, die nach Kriegsende 1945 in Südamerika ihr Glück gesucht hatte. Seinen deutschen Pass hat Franco ebenso wie die deutsche Sprache nie aufgegeben.
Und so schnell wird es ihn nun auch nicht wieder aus Deutschland wegziehen. "Vielleicht wenn ich Rentner bin. Jetzt bin ich aber hier zu Hause und das kann auch erstmal so bleiben", sagt er. Nur die beiden Kinder vermissten manchmal die urwüchsigen Weiten Paraguays, erzählt der Erdbeerbauer und fügt hinzu: "Deutschland finden sie toll und dass es ihnen hier besser geht, wissen sie. Sie sehnen sich aber oft nach dem unendlichen Platz zum Spielen".
dapd