Lukas Hoffmann im Anton-Fingerle-Bildungszentrum in München. Er spricht offen mit Schülern über Homosexualität. 
Lukas Hoffmann im Anton-Fingerle-Bildungszentrum in München. Er spricht offen mit Schülern über Homosexualität.

Foto: Uwe Lein/dapd

"Du könntest auch schwul sein"

Vertreter der evangelischen Kirche sind in der Frage über den Umgang mit Homosexualität entzweit

Markersbach/München. Die Natur kann man zu nichts zwingen. Schon Cicero, der bekannte Philosoph und Politiker des vorchristlichen Roms, formulierte diese Weisheit. Mehr als 2000 Jahre später streitet die Christenheit noch immer über das, was der große Denker gesagt und was die Natur längst bewiesen hat. Homosexualität ist dabei das Schlagwort, das die Gläubigen entzweit. Vor allem die Ankündigung der evangelischen Kirche in Sachsen, Pfarrhäuser für Homosexuelle in Ausnahmefällen zu öffnen, birgt Sprengstoff. Denn viele Christen meinen - ungeachtet wissenschaftlicher Erkenntnisse - Gleichgeschlechtlichkeit sei "wider die Natur" und könne therapiert werden.

Lukas Hoffmann, Christ aus Markersbach, benutzt das Wort "Kokon", beschreibt er, wie er spürte, dass er sich nicht zu Frauen, sondern zu Männern hingezogen fühlt. Gleichaltrige lernten ihre erste Freundin kennen, redeten davon, was sie an Frauen anziehe. Er fühlte sich bei solchen Gesprächen seltsam außen vor. Doch als im Alter von 19, 20 Jahren der Gedanke wuchs, du könntest auch schwul sein, empfand er, als hätte er sein Lebensrätsel gelöst. Sich "entpuppt", könnte man auch sagen.

Er zögerte einige Monate, der Erkenntnis ein Bekenntnis folgen zu lassen. Das Wort "schwul" konnte er dabei nicht aussprechen. Es war, für ihn und sein Umfeld, zu ungeheuerlich. Drum druckste er den Satz: "Mit einer Freundin wird das wohl nichts." In seinem christlichen Umfeld wurde das mit der Frage erwidert, ob er also Pfarrer werden wolle.

Sorgen in seiner Familie. Was wird aus dem Jungen? Was tut er sich an? Wird er je glücklich? Seine Mutter und sein Bruder reagierten zwar entspannt, nahmen nie Anstoß, aber der Vater war verunsichert. Hoffmann erinnert sich noch, wie seine Familie in dieser Situation Hilfe beim Pfarrer in Markersbach suchte. Der übergab ein Buch. In dem wurde Homosexualität nicht nur als heilbar beschrieben. Als eine Ursache wurde zudem eine gestörte Vater-Sohn-Beziehung ausgemacht. "Statt fürsorglich zu wirken, verunsicherte er uns weiter", sagt Hoffmann. Gerade wegen seiner konservativen Haltung habe der Pfarrer seiner seelsorgerischen Pflicht nicht nachkommen können.

Hoffmann will und kann sich nicht verstellen. Der junge Mann hat sich geschworen, dass er sich "nie auf die Zunge beißen wird". "Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten", zitiert er das 9. Gebot. In seinen Augen kann auch eine Nicht-Aussage, ein Verschweigen ein falsches Zeugnis sein. Und verlogen wäre, wenn er seinen Partner als solchen verleugnete, wenn er nicht mit ihm auf Partys gehe, wenn er sich scheute, ihn zu küssen.

Hoffmann lebt seit 2005 in München. Hier hat er auch von der "Markersbacher Erklärung" erfahren. Die haben die St.-Barbara-Kirche seines Heimatortes und jener Pfarrer von damals mit initiiert. Mehr als 120 Vorstände anderer Kirchgemeinden haben sie unterschrieben. In ihr wird die Synode der evangelischen Kirche "inständig gebeten", an der bisherigen Art des Umgangs mit Homosexuellen festzuhalten. Am Ende der Erklärung wird der Vater im Himmel angebetet: "Du bist der Schöpfer der Welt. ... Alle Dinge hast du weise geordnet. Du hast Mann und Frau füreinander geschaffen. Wir danken dir für deine guten Ordnungen und bitten dich: Hilf uns, dass wir in deinen Ordnungen leben. Leite deine Kirche, dass sie deine Schöpfungsordnungen zum Wohl der Menschen verkündet, in ihnen lebt und dich damit lobt und preist." Hoffmann stimmt traurig, dass in Kirchenkreisen - evangelischen wie katholischen - solcherart Ausgrenzung stattfindet. Wenn der Herrgott "alle Dinge weise geordnet" hat, hat er auch Homosexualität geschaffen. Menschen wie Hoffmann - sie wollen nämlich nicht glauben, dass sie nicht gottgewollt sind. Wenn der Allmächtige Gleichgeschlechtlichkeit, die es auch im Tierreich gibt, für so verdammungswürdig hält, wie es manche Menschen tun, hätte er sie nicht zugelassen.

Die Argumente, die Schwule häufig hören, schmerzen Hoffmann. Herzlos wird verwiesen auf die fünf Bücher Mose, in denen Regeln stehen, die sich längst überholt haben. So hält sich kein Mensch mehr an die Vorschrift, nach der menstruierende Frauen nicht berührt werden dürfen. Auch tötet man Menschen nicht, die am Sabbat arbeiten. In diesem Kontext ist auch der Umgang mit Homosexuellen beschrieben. Der aber soll noch gültig sein; ein bisschen jedenfalls: "Wenn ein Mann bei einem Manne liegt, wie man bei einem Weib liegt, so haben beide einen Gräuel verübt; sie sollen gewisslich getötet werden."

In Hoffmanns Heimat existieren solche Homosexualität aggressiv ablehnende Gedanken. Aber nicht nur der Inhalt der "Markersbacher Erklärung" empört Hoffmann, sondern auch der Titel. "Er impliziert, der ganze Ort vertrete den Inhalt. Das Schreiben geht aber nur vom Vorstand einer Kirchgemeinde aus."

München ist weit weg. Hier fühlt sich Hoffmann wohl. Er weiß, im Gegensatz zur Großstadt herrscht in ländlichen Gemeinden Verklemmtheit. Aus Unwissenheit und Hass wachsen Angst und Stigmatisierung. Die verstetigen sich, je weniger Aufklärung erfolgt. Hier macht Hoffmann Defizite aus. "Ich hatte als Schüler nur zweimal etwas von Homosexualität gehört. Einmal im Zusammenhang mit der Verfolgung Schwuler während des Nationalsozialismus, das zweite Mal, als es um Aids-Prävention ging." Die Situation habe sich nicht geändert. Es gebe im Bildungswesen "eine Nullstelle". Sachlich und neutral existiere das Thema Homosexualität nicht.

Hoffmann setzt dem etwas entgegen. Der Lehrer für Englisch und Geschichte bietet einmal monatlich jeweils einer Klasse an, über Homosexualiät zu sprechen. Er sieht sich dabei 16- bis 20-Jährigen gegenüber. "In diesem Alter sind Abneigung und Hass gegenüber Schwulen am stärksten - aus Angst, selbst homosexuell zu sein", erläutert Hoffmann.

Doch er will nicht nur "aufklären", sondern der Homosexualität "ein Gesicht geben, eines von vielen in einer bunten Welt", wie er sagt. Es kommt ihm auch darauf an, jungen Menschen, die eine ähnliche Veranlagung bei sich feststellen, das Gefühl zu geben, nicht allein zu sein. "Ist jemand heterosexuell, gibt es für ihn zahlreiche Möglichkeiten, einen Freund oder eine Freundin kennenzulernen, die Disko, die Tanzstunde. Trotz Internet ist das bei Homosexuellen anders. Sie denken, o Gott, ich bin allein auf der weiten Welt."

Hoffmann wird für sein Engagement an der bayerischen Schule sehr geschätzt, auch im Lehrerkollegium. Zugleich spürt er, wie wichtig seine Arbeit ist. Wenn er mit den Schülern spricht, erschrickt er manchmal, wie klischeebehaftet die Vorstellungen von Gleichgeschlechtlichkeit sind. Woran erkennt man schwule Männer? So lautet meist seine Eingangsfrage. Stereotyp die Antworten. "In den Köpfen geistert immer noch das Bild eines auffällig gekleideten, femininen Typen, für den Treue ein Fremdwort ist. Die gibt es durchaus, aber eben noch hundert andere Typen auch", sagt Lukas Hoffmann.

Doch er ist guter Dinge, dass sich die Einsichten der Menschen mehr und mehr der Realität angleichen. Schließlich irren weder Gott noch die Natur, nur die Menschen. Oder wie Arthur Schopenhauer meinte: "Die Dogmen wechseln, und unser Wissen ist trüglich, aber die Natur irrt nicht. Ihr Gang ist sicher, und sie verbirgt ihn nicht. Jedes ist ganz in ihr, und sie ist ganz in jedem."

 
erschienen am 26.01.2012 ( Von Eva Prase )
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