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Eine Stadt wird zur Karnevals-Kneipenmeile

In Wittichenau lassen die Einwohner fast 20 private Faschingsbars entstehen

Wittichenau (dapd-lsc). Den guten Vorsatz, abnehmen zu wollen, brauchen sich Klaus Dupka und Thomas Marschner zu Neujahr selten machen. Die beiden Wittichenauer müssen nur bis zum Höhepunkt der Karnevalszeit warten. Dann purzeln bei ihnen ganz von selbst die Pfunde.

"Drei bis vier Kilo nehmen wir allein durch den Stress ab", sagt der 55-jährige Dupka. Denn über das Faschingswochenende sorgen sie jeden Tag bis zu acht Stunden lang bis spät in die Nacht als DJs für Musik in der Faschingsbar "VIP-Lounge".

Die "VIP-Lounge" ist eine von in diesem Jahr insgesamt 19 Faschingsbars, die bis Aschermittwoch in dem knapp 6.000 Einwohner zählenden Ort im Landkreis Bautzen für die jecken Gäste öffnen. Und die kommen gerne zum Wittichenauer Fasching. "Bei gutem Wetter rechnen wir in diesem Jahr an Rosenmontag mit etwa 15.000 Besuchern in der Stadt", sagt der Präsident des Wittichenauer Karnevalsvereins, Herbert Kobalz.

Mit den Faschingsbars hat sich in dem Ort eine Tradition etabliert, die in den 1970er Jahren ihren Anfang nahm. Damals konnten die Lokale der Stadt den Andrang in der Hochzeit des Karnevals nicht mehr auffangen, erzählt Dupka. Also fingen die Bewohner kurzerhand an, selbst während der Karnevalstage kleine Bars zu eröffnen. "Anfangs hatte man die Idee, sich neben den Gaststätten zu treffen, ein bisschen Feuer zu machen und ein wenig Musik dazu zu spielen", sagt Dupka. "Das hat ganz klein angefangen."

Zwtl.: Gefeiert wird in Scheunen, Garagen und leeren Geschäften

Im Laufe der Jahre entwickelte sich die Idee weiter. Als Räumlichkeiten nutzen die Wittichenauer Scheunen, Garagen oder, wie im Fall der in diesem Jahr von der Altenliga des Fußballclubs DJK Blau-Weiss Wittichenau veranstalteten "VIP-Lounge", einen leer stehenden Lebensmittelmarkt. "Manchmal brauchen wir dann Sicherheitskräfte, damit die Leute schubweise reingelassen werden und auch wieder rauskommen", sagt Dupka.

"In den 90er Jahren wurden es immer mehr Bars", weiß Marschner. Ende der 90er Jahre sei aber Schluss mit dem Wildwuchs gewesen, sagt Dupka. Heutzutage werden die Faschingsbars regulär angemeldet. "Die Betreiber müssen natürlich die üblichen Auflagen erfüllen", sagt eine Mitarbeiterin des Rathauses. Neben hygienischen Bestimmungen müssten Versicherungsfragen geklärt, Preise abgestimmt und natürlich auch die Öffnungszeiten geregelt werden, sagt Dupka.

In der Woche vor dem Faschingsfreitag gingen die Vorbereitungen für die Bars in Wittichenau richtig los. Dann wurden in dem Ort die einzelnen Bars geschmückt und ausgebaut. Neben der fußballaffinen "VIP-Lounge" gibt es etwa eine Rockscheune oder eine orientalische Bar.

Bei der Vorbereitung der "VIP-Lounge" packen immer etwa 20 Wittichenauer Paare mit an. "Es gibt viele Bau- und Handelstreibende, die dann uneigennützig mit ihren Möglichkeiten den Bau unterstützen", sagt Dupka. Der eine bringe das Holz mit, ein anderer die Lampen. "Das ist auch das Schöne", sagt Dupka. "Sonst würde der Fasching auch gar nicht funktionieren." Und natürlich müsse man auch faschingsverrückt sein, um das zu machen, fügt Marschner hinzu. Das treffe aber auf viele Wittichenauer zu.

Besondere Ereignisse hat es im Laufe der vergangenen zehn Jahre, in denen der DJK bereits eigene Faschingsbars betreibt, einige gegeben, sagt Dupka. So habe etwa ein Mann seiner Zukünftigen einen Heiratsantrag gemacht. Ein Jahr später kam das Paar wieder und berichtete von dem immer noch andauernden Glück. Ein anderes Mal mussten Dupka und Marschner schnell die Musik abdrehen. Etwa 70 Personen hatten im Gleichschritt zu Dschingis Khans "Moskau" getanzt und damit den Boden im Obergeschoss einer Scheune in bedrohliche Schwingungen versetzt.

Pünktlich um 24.00 Uhr in der Nacht zum Aschermittwoch wird die Musik aber abgedreht, und es kehrt wieder Ruhe ein in Wittichenau. Dann beginnt wie im übrigen Deutschland auch hier die Fastenzeit, die auch Kupka und Marschner ernst nehmen. Sie versuchen, in den knapp sieben Wochen auf Alkohol zu verzichten. So nimmt man ja auch wieder ab.

dapd

 
erschienen am 18.02.2012
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