Der grüne Salon: Die Natur hat eine Montagehalle im verlassenen Teil der Leipziger Olbrichtkaserne zurückerobert.
Foto: Stefan Dietze
Geliebter Verfall
Mit seinen verwaisten Industriebrachen ist Sachsen das Disney-Land der "Urban Explorer" - Abenteurer dokumentieren, was bleibt, wenn der Mensch verschwunden ist
Leipzig. Es dauert eine Weile, bis sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben. Aus der Schwärze schälen sich die Umrisse einer Tür: Zehn Zentimeter dickes Metall und ein Guckloch. Darunter rostet ein Schild mit kyrillischen Buchstaben. "Ich hatte nur Französisch in der Schule", sagt der Mann mit der Taschenlampe und lacht leise. Lachen klingt seltsam im Keller einer alten Kantine, die überhaupt nicht mehr wie eine Kantine aussieht. Wie lange sind wir schon hier drin?
Drei Stunden zuvor. Stefan Dietze holt Rucksack und Stativ aus dem Kofferraum seines alten VW Polo. Er trägt abgewetzte Turnschuhe und eine verspiegelte Pilotenbrille, wegen der tiefstehenden Herbstsonne und der Spätschicht letzte Nacht. Stefan ist Urban Explorer. In seiner Freizeit durchstreift er mit seiner Kamera verlassene Wohnhäuser, salpeterzerfressene Industrieruinen und andere Relikte des modernen Lebens - fotografiert das, was bleibt, wenn der Mensch gegangen ist.
Ein prüfender Blick die Straße hinunter. Als niemand zu sehen ist, windet er sich durch ein Loch im Maschendrahtzaun. Nach kurzem Kampf mit einer mannshohen Brombeerhecke ist der Weg frei zur "Russenkaserne". So nennen die Leipziger das verlassene Militärgelände im Norden der Stadt. Die kaiserliche Armee war hier stationiert, später die Reichswehr. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurden Teile durch die Sowjets genutzt, die hier Panzer- und Turbomotoren warteten. 1991 zogen die Soldaten ab. Jetzt gibt es viel zu entdecken.
04:10 Uhr
prinzparsiphal: Sehr schoene Reportage.-
Beste Gruesse an den groessten Sachsen aller Zeiten,Johann Sebastian Bach !
Michael Gnaedig-Fischer
Mexico City