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Hoheneck lebenslang
Bundespräsident Christian Wulff besuchte das ehemalige Frauengefängnis Hoheneck - Für politische Gefangene ein lang erwartetes Zeichen
Stollberg. Carla Ottmann war seit ihrer Entlassung nicht mehr hier. Hier in Hoheneck. Als der Besuch des Bundespräsidenten näher rückte, begann sie, sich Bilder anzuschauen. Wie sieht Hoheneck heute aus? Sie las, dass ein Investor ein Hotel in dem Knast unterbringen wollte. Sie erfuhr, dass ein Film gedreht worden war. Sie tastete sich heran. "Bisher hatte ich kein Bedürfnis, hinzufahren", sagt die Berlinerin. Was ist ihr Bedürfnis, jetzt, über 30 Jahre nach ihrer Entlassung?
Festakt am Freitag in Hoheneck. "Ich möchte Ihre Arbeit ehren durch meine Anwesenheit", sagt Bundespräsident Christian Wulff. "Es ist wichtig, dass Sie Ihre Stimme erheben zu einem lauten: Nie wieder! Dass Sie über Ihre Erlebnisse hier in Hoheneck, in Bautzen, in Hohenschönhausen berichten." Es geschehe stellvertretend auch für jene, die nie die Kraft dazu finden konnten, über die Folter zu sprechen. Carla Ottmann besucht regelmäßig Schulen, um Jugendlichen zu berichten, wie es ihr ergangen ist in der DDR.
Der Festakt, zu dem sie angereist ist, findet im Kinosaal des ehemaligen Frauengefängnisses statt. Auf der Bühne, wo jetzt das Staatsoberhaupt spricht, hat sie einst ein Kulturprogramm mit organisiert. Sie wollte sich kooperationsbereit zeigen. Damit man ihr die Tochter nicht wegnahm.
Ihr Bedürfnis, nun doch nach Hoheneck zu kommen, entspringt dem Wunsch, der alle umtreibt, die wegen politischer Unangepasstheit eingekerkert waren. Dass das Staatsoberhaupt mit eigenen Augen sieht, erkennt, anerkennt und ausspricht, was hier für Leid geschehen ist. Ottmann nicht und auch kaum eine ihrer Kameradinnen wurden je um Verzeihung gebeten. Dies wäre ihnen vielleicht wichtiger als der Besuch eines Bundespräsidenten gewesen. Aber Ottmann hat die Hoffnung auf das Wort "Entschuldigung" verloren.
Beihilfe zur Republikflucht - so lautete der Vorwurf gegen sie 1978. Ihre Schwester hatte sie von der einen auf die andere Stunde gebeten, sie und ihre Kinder an die Transitstrecke Nähe Kyritz zu fahren. Die drei wollten im Kofferraum eines Pkw flüchten. In den Westen, zu den kranken Eltern. Zuvor waren über Jahre offizielle Ausreiseanträge abgelehnt worden. Doch die Stasi - sie wusste längst von dem Fluchtvorhaben. Der Mann der Schwester, also Ottmanns Schwager, war gezielt in die Familie eingeschleust worden. Als "Romeo", wie es im Jargon heißt, als Ehepartner, der seine Frau bespitzelt.
Carla Ottmann, die man drei Tage nach ihrer Schwester am 8. Mai 1978 festnahm, erhielt ein höheres Strafmaß als diese. Eben weil sie ihre Schwester nicht denunzierte. Ottmann wurde zu zweieinhalb, die Schwester zu zwei Jahren verurteilt. Sie saßen beide in Hoheneck, ohne sich sehen zu dürfen. Nur einmal gab es ein Treffen: auf schriftlichen Antrag und in der Besucherzelle.
Die beiden wurden gemeinsam entlassen. Ottmann ist froh, dass die Telefonzelle noch steht, von der aus sie nach der Entlassung im Kindergarten ihrer Tochter angerufen und sich ein Taxi bestellt haben - und nach Berlin gefahren sind. Jetzt fällt ihr Blick auf einen Ahornbaum. Groß und mächtig steht er vor der Burg. "Wenn ich in den Baum schaute, wenn die Sonne mit den Blättern spielte, konnte ich mir immer gut eine Theaterszene vorstellen. Dieser Baum gab mir geistige Immunität." Später, als sich die Frauen zum Gruppenfoto mit dem Bundespräsidenten versammeln, blickt auch er zu dem Baum. "Wollen wir uns nicht vor ihm aufstellen?! Er wirkt doch wie ein Baum des Lebens."
Als die einstigen Leidensgefährtinnen im Kino nebeneinandersitzen, fallen Namen. Namen der Aufseherinnen, die ihre Opfer quälten. Der Bundespräsident hatte sich bei seinem Rundgang in den Keller führen lassen, wo sich die Dunkelzellen und eine Wasserzelle befinden. "Beklemmend", sagte er. Beklemmend empfinden Ottmann und die anderen noch etwas Anderes. Und Wulff hat ihnen aus der Seele gesprochen, als er sagte, "zu viele von denen, die Verantwortung trugen, sind ungeschoren davongekommen oder mussten nur geringe Buße tun. Manche verharmlosen und beschönigen bis heute. Und dass es vielen, die dem Regime zu Diensten waren, heute besser geht als den meisten ihrer Opfer, ist in der Tat empörend."
Was Ottmanns Fall heraushebt, ist die Tatsache, dass schon der Vorläufer des Ministeriums für Staatssicherheit unmittelbar nach dem Krieg begonnen hat, die Familie zu "bearbeiten". Lange bevor sie bewusst agierte, sich eine Meinung bilden konnte, befanden sich Vater und Mutter, die Schwester und sie im Visier der Stasi. Der Vater, selbstständig als Taxifahrer im Berlin der Nachkriegszeit, sollte angeworben werden als Spitzel. Als er das ablehnte, hörten die Repressalien nicht wieder auf.
Ottmann wurde der Besuch der Erweiterten Oberschule verwehrt, wohl auch, weil sie weder in die Pionierorganisation noch in die FDJ eingetreten war. Sie lernte in einem Gymnasium im Westteil Berlins, pendelte in den Osten. Bis zum Mauerbau. Danach musste sie die Schule abbrechen, sie wurde als Telegrafistin angelernt. Erst über Umwege konnte sie das Abitur ablegen.
Ihr gesamtes Leben stand unter dem Einfluss der Stasi. Ihr Mann, Schauspieler, wurde mit beschattet. Als sie in Hoheneck saß, bekam er zunächst keine Rollen - und dann plötzlich, wie aus heiterem Himmel, gleich eine Hauptrolle. "Seine Partnerin war Maria Mallé. Ich saß in der Zelle, sah beide auf einem Bild im Neuen Deutschland. Da wusste ich, was geschehen würde", erinnert sich Carla Ottmann. Wochen später drängte ihr Mann, sie solle der Scheidung zustimmen und auf ihre Tochter verzichten. Im Gefängnis wurde ihr bedeutet: Sie könne sofort ausreisen, wenn sie die Scheidung einreiche und ihr Kind zurückließe.
Dass Ottmanns Schwester am Freitag nicht in Hoheneck war, zeigt, wie weit der Schatten der Stasi reicht - auch nach Ende ihres Bestehens. Die Schwester ist ihrem Sohn nach Amerika gefolgt. Dieser musste in den 1970er Jahren nicht nur den Fluchtversuch und die Folgen erleben. Er musste auch das Doppelleben seines Vaters erkennen, der seine Familie mit der Stasi betrogen hatte. "Mein Neffe will kein Wort deutsch mehr sprechen. Wenn wir telefonieren, reden wir englisch."