Der neue Sandmann übernimmt vom alten Sandmann aus dem Jahre 1959 den Staffelstab.
Foto: Archiv
Lebenswerk Sandmann
Sandmännchen der DDR hat all seine Väter überlebt - Einer war Erich Schönherr aus Herold im Erzgebirge
Herold. Das Sandmännchen - es hat all seine Väter überlebt. Sein eigentlicher Erfinder, der Regisseur und Puppengestalter Gerhard Behrendt, starb 2006 in Berlin. 2005 und 2004 waren bereits der Trickszenebildner Harald Serowski und der Sandmannlied-Komponist Wolfgang Richter für immer eingeschlafen. Nun starb Erich Schönherr in Herold im Erzgebirge. Und mit Fug und Recht kann man sagen: Ohne ihn hätte das Sandmännchen nicht die erfolgreiche Laufbahn eingeschlagen, auf der es bis heute unterwegs ist.
24 Zentimeter hoch
"Das Sandmännchen war das Lebenswerk meines Mannes", wiederholt Witwe Ingrid Schönherr mehrfach. Auf dem Tisch in der Stube steht neben einem großen Holz-Sandmann ein Männchen im blauen Habit, Cordhosen und Stiefelchen aus feinstem Leder. 24 Zentimeter hoch. "Das ist aber nicht das Ur-Männchen. Das sah viel hässlicher aus und wäre nie bei den Kindern angekommen", erzählt Witwe Schönherr.
Hässlich? Nun ja. Das Ur-Sandmännchen, das erstmals 1959 auf dem Bildschirm erschien, sah tatsächlich anders aus. Erich Schönherr ist es - neben Behrendt - zu verdanken, dass die Figur ihr unverwechselbares Gesicht erhielt. "Behrend und mein Mann haben lange zusammengesessen und getüftelt, ehe sie sich auf diese Version festlegten." Der Geniestreich, der den beiden Schöpfern gelungen war, ist wohl noch nie beschrieben worden. Man blicke in sein Gesicht: kindliche, große Augen, Stupsnase, Pony, sodass jeder es zwingend liebhaben muss, evolutionsbiologisch gesehen. Dazu der weiße Bart, der der Figur Weisheit verleiht.
1962 hatte Gerhard Behrendt an die Tür von Erich Schönherr geklopft. Dieser war Inhaber einer Kunstwerkstätte, die vorwiegend Pyramiden herstellte. Hier sollte das Männchen in Serie für das Fernsehen der DDR hergestellt werden; etwa 2000 Figuren verließen jährlich die Werkstatt. Die heimische Bevölkerung sah davon fast nichts. "Bückware", so Ingrid Herold. Doch das war nicht Schuld ihres Mannes.
Sein Verdienst aber ist, der Figur eine Ausstrahlungskraft verliehen zu haben, die mit Grundlage ihres dauerhaften Erfolges ist. Sandmann ist der dienstälteste Akteur nicht nur des Kinderfernsehens, sondern des deutschen Fernsehens überhaupt: Phänomen und Wirkung dieser wohl am häufigsten und längsten ausgestrahlten Fernsehserie sind einzigartig - Generationen von Kindern wurden mit seinen Geschichten gespeist, und Eltern reiben sich mit den Großeltern noch immer die Augen, wenn die wohl bekannte Melodie erklingt.
Erich Schönherr, Sandmann-Hersteller aus HeroldFoto: Brigitte Streek
Anfrage aus dem Westen
Von Beginn an war dieser Fernsehstar übrigens in Gesamtdeutschland beliebt. So wandte sich 1966 das 3. Programm des Westdeutschen Rundfunks mit seinem damaligen Chef, dem bekannten Fernsehjournalisten Werner Höfer, an den Deutschen Fernsehfunk (DFF), um 50 Folgen des in kurzer Zeit populär gewordenen Sandmännchen-Sendung anzukaufen. Wie Volker Petzold, der unter anderem "Das große Sandmann-Lexikon" veröffentlicht hat, habe der damalige Ost-Programmdirektor Hans Höschel jedoch abgewehrt. "Diese Sendereihe inklusive Figur", so sagte Höschel, "ist eine ureigene Sache des Deutschen Fernsehfunks der Deutschen Demokratischen Republik." Wobei Chronist Petzold hier widerspricht: "Gerade diese europäische Fabelfigur und ihre zeitgemäße mediale Erfindung waren eben nicht allein auf dem ,ureigenen' Boden der DDR gewachsen, sondern Produkt eines langjährigen Prozesses des Schlagabtausches ost- und westdeutscher Medieneinrichtungen, der sich beim genaueren Hinsehen eher als gegenseitiges, uneingestandenes Geben und Nehmen entpuppt." Oder einfach: In der noch jungen Phase des deutschen Fernsehens gab es einen Wettlauf: Wer hat den ersten Schlafsandstreuer?
Allein, trotz permanenter DDR-Devisenknappheit wollten die Chefs des DFF die Kreation mitnichten in den anderen Teil Deutschlands verhökern, obgleich wenige Jahre später der ostdeutsche Schlafbringer zu einem Exportschlager auch in westlichen Ländern werden sollte; den Beginn machten Zypern und Schweden.
In Herold schneiderten derweil die Frauen die Kostüme für die Puppen in Heimarbeit, die Köpfe kamen aus Thüringen, montiert wurde in Schönherrs Werkstatt. Weder von den westlichen Anfragen erfuhren Erich Schönherr und seine Frau etwas, noch beteiligte man sie angemessen an der Vermarktung des Sandmännchens. Im Gegenteil: Der Betrieb wurde 1972 enteignet, weil er privat geführt war. Seit 1665.
Buchtipps
Volker Petzold. Das große Ost-West-Sandmännchenlexikon. vbb. ISBN 978-3-86650-475-2. 19,90 Euro.
Volker Petzold, Peter Hoff. Sandmann auf Reisen. Vistas. 978-3891581032 , 22 Euro.
Rüdiger Steinmetz/ Reinhold Viehoff (Hrsg.). Deutsches Fernsehen Ost: Eine Programmgeschichte des DDR-Fernsehens. vbb. ISBN: 978-3866504882. 39,90 Euro.