Entfeuchter brummen in der Kreuzkapelle im Kloster St. Marienthal.Foto: dapd
Mit Gottvertrauen zurück in die Normalität
Das Kloster St. Marienthal ist ein Jahr nach dem Neiße-Hochwasser noch eine Großbaustelle
Ostritz (dapd-lsc). Entfeuchter brummen in der Kreuzkapelle im Kloster St. Marienthal. Die Wände sind fleckig, es riecht ein wenig muffig. Die Nischen aus Stuckmarmor sind leer, die Skulpturen in den Gang ausgelagert. Die Schäden hier seien vielleicht die schlimmsten, sagt Schwester Elisabeth Vaterodt, Priorin des Klosters in der Oberlausitz. Der Stuckmarmor sei gerade erst kunstvoll erneuert worden, als in der Nacht zum 8. August die Neiße unmittelbar hinter dem Kloster so hoch stieg wie nie zuvor seit dessen Gründung vor 777 Jahren.
Die barocke Anlage stand bis zu zwei Meter hoch unter Wasser. Sämtliche Räume im Erdgeschoss waren danach unbenutzbar, fast alle sind bis heute Baustelle. In den meisten Räumen wurde der Putz abgeschlagen, um die Wände trockenzulegen. 50.000 Liter Wasser hätten die Entfeuchter bislang aus den meterdicken Mauern gezogen, erzählt Schwester Elisabeth - "eine Phase der Geduld" nennt sie es.
Versorgt werden die Nonnen bis heute vom Lokal Klosterschenke
"Wir versuchen, ein normales Leben zu führen", sagt die Ordensfrau in der schwarz-weißen Nonnentracht. "Doch jedes Mal, wenn man durch das Kloster geht, wird man daran erinnert, dass nichts normal ist." Der Kreuzgang, Wandelgang und wichtiger Verbindungsweg, musste als Trockenkammer zweckentfremdet werden. Das Refektorium, in dem die Nonnen des Zisterzienserordens normalerweise essen, gleicht einer Rumpelkammer. Die Küche ist komplett entkernt; versorgt werden die Schwestern seit der Flut vom benachbarten Lokal Klosterschenke.
In der Feststube kann auf absehbare Zeit nicht gefeiert werden - sie dient als Depot und Werkstatt für die beschädigten Kunst- und Sakralgegenstände. Das Schwierigste für die 15 Schwestern aber sei, erzählt die Priorin, dass die Klosterkirche nicht mehr nutzbar sei. Die Gottesdienste werden nun in der ehemaligen Brauerei abgehalten. Schön daran sei aber, dass sie dort mit den Gläubigen zusammen säßen und ins Gespräch kämen.
Immer wieder betont die 55-Jährige ihre Dankbarkeit dafür, dass keine Menschen verletzt wurden bei der Katastrophe, die vor einem Jahr einen Großteil der fast abgeschlossenen Sanierungsarbeiten zunichtegemacht haben. Am 7. August, einem Samstag, sei die Neiße immer wilder geworden, erinnert sie sich. In 26 Jahren habe sie den Fluss noch nie so schnell steigen sehen. Die Nonnen beschlossen, den nach dem Elbehochwasser 2002 angeschafften Hochwasserschutz zu installieren, der Fluten abhält, wie sie statistisch alle 100 Jahre vorkommen.
Doch die Neiße stieg noch höher. Am Abend wurden die Gäste in Sicherheit gebracht, die Nonnen harrten in ihren Zellen im zweiten Stock aus - im Dunkeln, der Strom war abgestellt. Mit der Taschenlampe habe sie beobachtet, wie das Wasser weiter stieg, erzählt Schwester Elisabeth. "Gespenstisch war das."
Der Tag nach der Flut war sonnig und ruhig
Am nächsten Tag schien die Sonne. Das Kloster spiegelte sich auf der glatten Oberfläche des Wassers - eigentümlich schöne Bilder, die die Priorin mit ihrer Kamera festhielt. Bis zum Nachmittag ging das Wasser zurück. Es hinterließ eine stinkende Schlammschicht. Dann kamen die Helfer: mehrere Dutzend Bundespolizisten und noch mehr Freiwillige. Sie schafften den Schlamm weg, räumten auf, begannen mit Reparaturen. "Das war eine außerordentliche Gemeinschaft", erzählt die Priorin. "Diese Erfahrung möchte ich nicht mehr missen."
Auch die Spendenbereitschaft sei immens gewesen, eine Million Euro seien zusammengekommen. Damit habe das Kloster Sofortmaßnahmen finanzieren können, etwa die Wiederherstellung der Elektrik. Die Organisation des Wiederaufbaus nahm Schwester Elisabeth in die Hand. "Es ist unglaublich, an was alles gedacht werden muss", sagt sie. Der Schaden im Kloster und dem dazu gehörigen Internationalen Begegnungszentrum beträgt nach Angaben der Priorin 15,5 Millionen Euro. Zehn Millionen für die Arbeiten an den Gebäuden übernehmen Bund und Land, hinzu kommt die Förderung für die Restaurierung der Kunst- und Sakralgegenstände.
Mehr als eine Million muss das Kloster selbst aufbringen: für neue Waschmaschinen in der Wäscherei, neue Öfen in der Bäckerei, für Einrichtungsgegenstände und Utensilien. Fast alles musste neu angeschafft werden. Bis 2014, so hofft Schwester Elisabeth, wird die Normalität wiederhergestellt sein. Bis dahin muss weiter improvisiert werden. "Es ist eine Prüfung für uns", sagt sie. "Vielleicht sollte es so sein."
dapd