Auf dem Baum über einem Spielplatz auf dem Chemnitzer Kaßberg hatte ein Waschbärpärchen es sich vor Wochen gemütlich gemacht. 
Auf dem Baum über einem Spielplatz auf dem Chemnitzer Kaßberg hatte ein Waschbärpärchen es sich vor Wochen gemütlich gemacht.

Foto: Härtelpress

Possierliches Problem

Eingewanderte Tierarten wie Waschbär und Marderhund drängen aus dem Wald in die Stadt

Chemnitz/Crimmitschau. Die Dämmerung war hereingebrochen, da schwang sich das pelzige Hinterteil durch die Brennnesseln. Die Schnauze am Boden, den geringelten Schwanz hinter sich gestreckt, so lief Klaus Pinther vor einigen Wochen sein erster Waschbär vor die Flinte. "Ich saß auf dem Ansitz am Sahn-Park und dachte zuerst, der setzt der Ricke mit ihren zwei Kitzen nach, die eine Viertelstunde vorher vorbeigekommen waren", erzählt der Crimmitschauer Jäger. Schon wollte er anlegen, als der Bär die Fährte verließ und sich in andere Richtung trollte. "Es gibt keine Schonzeit für Waschbären, aber ich dachte, zu der Zeit hat er vielleicht auch Nachwuchs, und ließ ihn laufen", berichtet der 75-Jährige, der seit über 50 Jahren jagt.

2241 abgeschossene Waschbären

Pinthers erster Waschbär hatte mehr Glück als viele seiner Artgenossen. Beim Umweltministerium bilanziert man in der Jagdsaison 2010/11 bislang 2241 in Sachsen abgeschossene Waschbären, 787 mehr als im Vorjahr. Seit 1993, als gerade mal drei geschossen wurden, stieg die Zahl stetig. "Wenn die Jäger mit Fallen aufrüsten, werden es noch mehr", sagt Pinther.

Seit 1934 in Nordhessen zwei Exemplare ausgewildert wurden und im Krieg aus einem Gehege bei Berlin weitere der aus Amerika stammende Kleinbären ausbüxten, haben sich Waschbären in weiten Teilen Deutschlands ausgebreitet, in Ermangelung natürlicher Feinde. "Zur Größe der Population in Sachsen gibt es keine genauen Erkenntnisse", sagt Mechthild Roth. Die Professorin am Institut für Forstbotanik und Forstzoologie in Tharandt befasst sich mit eingewanderten Tierarten, sogenannten Neozoen.

Obwohl der Waschbär in Sachsen nicht den Plagegeist-Status erreicht hat wie in Deutschlands Waschbären-Hauptstadt Kassel in Hessen, wo bis zu 150 Tiere pro Quadratkilometer leben, kommt es auch im Freistaat immer wieder zu kleineren Zwischenfällen. Leipzig ist zu Sachsens Waschbären-Hochburg avanciert. 2008 gruben die Tiere den Rasen im Schloss Moritzburg um. Auch im Raum Werdau und Crimmitschau machen Waschbären Menschen gelegentlich ihre Gartenlaube oder den Dachboden streitig. "Ich bin einmal zum Behindertenheim in Crimmitschau gerufen worden, wo ein Waschbär angeblich jemanden angegriffen hatte", berichtet Klaus Pinther. Als der Jäger kam, war der Eindringling längst weg. Angriff? Er winkt ab. Es stellte sich heraus, dass das Tier dem Heimbewohner aus einem Textiliencontainer entgegengesprungen war. "Wahrscheinlich hat der Bär da drin was zu fressen gesucht. Als jemand kam, wollte er flüchten", sagt Pinther.

Komposthaufen, überquellende Mülleimer, Essensreste - solche Nahrungsquellen locken die Allesfresser sogar in Großstädte. In der Stadt kommt als Standortfaktor hinzu, dass die Gefahr, einem Jäger vor die Flinte zu laufen, am geringsten ist. Trotz starker Ausbreitung sieht Forstexpertin Roth den Waschbären im Vergleich zu anderen tierischen Invasoren als unproblematisch. Ebenso seinen Doppelgänger, den Marderhund, der von der anderen Seite in Europa einfiel. Er kam über die Ostroute von Sibirien her. Mit Riesenschritten übrigens, wie eine jüngst erstellte Doktorarbeit belege, sagt Forstexpertin Roth. "Der Marderhund wandert in zwei Wochen bis zu 80 Kilometer." Zwar stehe er im Verdacht, manche heimische Vogelart in Bedrängnis zu bringen, aber Belege darüber stehen aus, sagt Roth. Wie der Waschbär wird dessen laufstarker Doppelgänger gejagt, was aber selbst Umweltschützer akzeptieren, da es ihm in Deutschland an natürlichen Feinden wie Wölfen, Luchsen, bei Jungtieren auch Uhus, mangelt. Wie Waschbären oder heimische Arten, etwa der Fuchs, haben Marderhunde die Vorzüge städtischer Reviere erkannt. In Zwickau wurden sie mehrfach im Stadtgebiet gesichtet.

 
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erschienen am 19.07.2011 ( Von Jens Eumann )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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