Kaum sind Reisende in Dresden angekommen, schauen sie in den Abgrund. Kaum sind Reisende in Dresden angekommen, schauen sie in den Abgrund.

Foto: dapd

Riesige Baulücken verschandeln seit Jahren ostdeutsche Städte

Auch die Boomstadt Dresden betroffen - Keine Investoren in Sicht

Dresden (dapd-lsc). Kaum sind Reisende in Dresden angekommen, schauen sie in den Abgrund. Wenige Schritte vom Hauptbahnhof entfernt, direkt am Beginn der Einkaufsmeile Prager Straße, fällt der Blick in eine riesige Baugrube. Sechs Meter tief ist das Loch, das von rostigen Rohren durchzogen und durch Spundwänden eingefasst ist, die der Zahn der Zeit angenagt hat. Es hat beachtliche Ausmaße: 8.614 Quadratmeter misst die Grube; ein Fußballfeld fände darin locker Platz.

Fußball freilich sollte in der Baulücke am Wiener Platz, die offiziell als Baufeld MK5 bezeichnet wird, umgangssprachlich aber nur "Wiener Loch" heißt, nie gespielt werden. Ein Baustellenschild versprach einmal den Bau eines Schwimmbads. Das stellte sich freilich als Aprilscherz heraus. Als die Grube 1998 ausgehoben wurde, hoffte man auf die Errichtung von Läden, Cafés und Büros, so wie in heute benachbarten Gebäuden. Doch über dem "Wiener Loch" drehten sich Baukräne zum Verdruss vieler Dresdner nie. Von einem "Schandfleck" spricht SPD-Stadtrat Axel Bergmann. Dass ein solcher Makel direkt am Tor zur Stadt liege, "versteht kein Tourist".

Trost für die Dresdner verspricht indes womöglich der Umstand, dass sie mit ihrer Baugrube nicht allein sind. Im Gegenteil: Fast scheint es, als komme eine wirkliche Großstadt im Osten nicht ohne ein solches Loch aus. In Leipzig gähnt eine große Baulücke auf dem Burgplatz, direkt neben dem Rathaus. In Chemnitz wuchert im sogenannten "Conti-Loch", das wenige Schritte vom Hauptbahnhof entfernt liegt, üppiges Grün. Und in Halle im Nachbarland Sachsen-Anhalt erstreckt sich die Grube an der "Spitze" in Sichtweite vom Hallmarkt, direkt neben der Händelhalle.

Alle diese Baulücken sind Zeugen der Aufbau-Euphorie der 90er Jahre, die freilich vielerorts auch zu nicht realisierbaren Plänen führte. In Chemnitz, wo das Conti-Loch gerade 16-jähriges Jubiläum feierte, sollte ein "Büro-, Handels- und Dienstleistungszentrum" gebaut werden - an der Stelle, wo zuvor ein Rohbau für das DDR-Kombinat "Textima" abgerissen worden war. In Leipzig war an eine Erweiterung des "Petersbogens" gedacht, mit Läden, Hotel und Platz für ein Multiplex-Kino. Auch dort reichte es vor 16 Jahren nur zur Baugrube; Nutzer für den erhofften Bau fand der Investor nie. In Halle hatte man nach dem Bau von Händelhalle, MDR-Funkhaus und Stadtwerke-Zentrale an der "Spitze" gehofft, das wertvollste Grundstück zuletzt bebauen zu können. Was blieb, war ein Loch.

Bei den Bürgern und in den Rathäusern sorgen die Baulücken für Unmut. Von einer "immensen städtebaulichen Wunde" spricht Halles Chef-Stadtplaner Jochem Lunebach. Die bunte Bemalung der Brandmauer an der Händelhalle kaschiert diese nur notdürftig. Auch aus Leipzigs Dezernat für Stadtentwicklung heißt es, der Zustand sei "sehr unbefriedigend". Allerdings kann man mangels vertraglicher Regelungen nicht mehr tun, als den privaten Eigentümer der Baugrube zum Handeln zu drängen - was dieser trotz vieler Aufforderungen, zuletzt im April 2011, beharrlich ignoriert. In Chemnitz hat der Besitzer des Conti-Lochs immerhin die Böschungen angeschüttet und gesichert.

Hoffnungen darauf, dass sich die Löcher doch noch füllen, sind in den vier ostdeutschen Städten unterschiedlich ausgeprägt. In Halle platzte zuletzt der Traum von einem Uni-Zentrum an der "Spitze"; jetzt spekuliert man auf die Ansiedlung einer Landesbehörde. In Leipzig heißt es lapidar, es gebe "kein konkretes Vorhaben". In Chemnitz blühen, nachdem sich auch Pläne für eine Skihalle in der dortigen Lücke zerschlugen, keine Träume von großen Bauvorhaben mehr, dafür aber seltene Pflanzen: 175 Arten wurden bereits vor Jahren in der zugewucherten Grube gezählt.

Betriebsamkeit rund um das Innenstadtloch herrscht derzeit lediglich in Dresden, wo auch der Druck am größten ist: Anders als in den anderen Städten muss die Kommune dort für die Sicherung der Baugrube sorgen und unter anderem monatlich 30.000 Euro aufbringen, um zu verhindern, dass die Grube sich mit Wasser füllt und umliegende Gebäude beschädigt. Bisher hat das Offenhalten der Grube rund fünf Millionen Euro an Stadtgeldern gekostet.

Auf Antrag der SPD-Fraktion hat der Stadtrat deshalb ein Ultimatum gesetzt: Bis Oktober darf Finanzbürgermeister Hartmut Vorjohann (CDU) noch mit potenziellen Investoren verhandeln. Hat er keinen Erfolg, muss ein Konzept zum Zuschütten des "Wiener Lochs" vorgelegt werden, was etwa zwei Millionen Euro kosten dürfte. Der endgültige Abschied von den Bauplänen und den erhofften Einnahmen wäre eine "schwierige Entscheidung", sagt SPD-Mann Bergmann. Angesichts zunehmender Gefahren aus der Baugrube sei aber die Zeit gekommen, "einen harten Schnitt zu machen".

dapd

 
erschienen am 19.08.2011
© Copyright dapd Nachrichtenagentur GmbH
 
Kommentare
0
(Anmeldung erforderlich)
Das könnte Sie auch interessieren
 

 
 
 
Artikel weiter empfehlen
per E-Mail per Bookmark
 
Facebook Teilen   Twittern  
 
 
Shop-Tipp

Erlebnisreise Sächsische Weinstraße - Abfahrt Oelsnitz, Plauen, Reichenbach, Zwi

Mit den Weinbergen im Blick beginnt Ihre Reise auf einem Schaufelraddampfer, der Sie von Meißen aus nach Radebeul gleiten lässt. Mit Ihrem...
 
Shop-Tipp

Atempausen für den Alltag

Nach Feierabend ein bisschen ins Blaue fahren, am Wasser sitzen und die Seele baumeln lassen. Oder in der Mittagspause den Vögeln in den...
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Webtipps