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Zweifel und Kritik am Pflege-Tüv
Verbände und Patientenschützer: Bewertung der Pflegeeinrichtungen sei sinnlos und bilde nicht die Realität ab
Dresden/Berlin. Alle 1000 ambulanten Pflegedienste und 716 Pflegeheime im Freistaat Sachsen haben ein erstes Zeugnis erhalten. Die Prüfungen durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) im Auftrag der Pflegekassen hat die Durchschnittsnote 1,9 ergeben. Wie die Kassen und der MDK am Freitag mitteilten, entspreche dies exakt dem Bundesdurchschnitt. Speziell bei Sachsens Pflegeheimen sei mit der Note 1,4 auf der von 1 bis 5 reichenden Zensurenskala sogar ein besserer Wert als republikweit (1,5) erzielt worden. Mit der Benotung ist es laut AOK-Plus-Vorstand Rolf Steinbronn "gelungen, die Pflegequalität transparent zu machen". Dies sei beispielhaft auch für andere Bereiche im Gesundheitswesen.
Der Verband Deutscher Alten- und Behindertenhilfe kritisiert die "Hurra-Bewertung". "Aus den Noten ist gar nichts abzulesen, da könnte man auch würfeln", sagte Petra Schülke, stellvertretende Bundesvorsitzende des Lobby-Verbandes für private Pflegeeinrichtungen, auf Anfrage. Sie seien nicht vergleichbar, leiteten sich weitgehend aus Dokumenten ab, und auch die separate Patienten- oder Kundenbefragung sei nicht repräsentativ. Statt des Notensystems, das auf Stichproben basiere, sollten Qualitätssicherungssysteme nach dem Vorbild von Kliniken etabliert und vergleichbare Daten von unabhängigen Prüfern bewertet werden.
Auch die Deutsche Hospiz-Stiftung lehnt den Pflege-Tüv in seiner derzeitigen Form ab. Die Patientenschützer bemängeln eine fehlende Aussagekraft der "Traumnoten vom Fließband". Bei der Bewertung könnten Kern-Noten etwa bei der Prophylaxe gegen Wundliegen oder Mangelernährung mit Nebensächlichkeiten wie "jahreszeitlichen Festen" ausgeglichen werden.
Der MDK Sachsen hat dieses Problem erkannt. Geschäftsführer Ulf Sengebusch rät im Abschlussbericht: "Wer einen Pflegedienst oder ein Pflegeheim sucht, sollte nicht nur auf die Gesamtnote achten. Sie allein ist wenig aussagefähig." Interessierte sollten sich die Einzelbewertungen ansehen, vor allem pflegerisch wichtige Punkte oder die Kommunikation mit dem Arzt.
Für Roland Jopp, Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums, ist der Pflege-Tüv "ein lernendes System, das es vorher nicht gab". Die Benotung müsse den Versicherten und ihren Angehörigen dienen. Jopp sieht noch Verbesserungspotenzial.
Die Prüfung aller Pflegeeinrichtungen wurde 2009 begonnen und erfolgt ab 2011 jährlich.