Für missbrauchte Kinder ist es "die Hölle"
Pädophil veranlagte Männer müssen nicht zwangsläufig zu Tätern werden - Voraussetzung ist jedoch, dass sie sich helfen lassen
Leipzig. Jeder Fall sprengt die Vorstellungskraft. Kaum ein Monat vergeht ohne Schlagzeilen über Männer, die sich an Minderjährigen vergangen oder ihre Sexfantasien mit Kinderpornografie angeheizt haben. "Für die Opfer ist es die Hölle, körperlich und seelisch", sagt Henry Alexander, Sexualmediziner an der Uniklinik Leipzig.
Doch der Professor sieht sich nicht als Ankläger, sondern als Therapeut und Wissenschaftler. Nach mehrjährigen Bemühungen ist es ihm zusammen mit vielen Mitstreitern gelungen, Sachsen zum Standort des weltweit einmaligen Forschungs- und Präventionsprojektes "Dunkelfeld" zu machen, das 2005 an der Berliner Charité unter Regie von Klaus M. Beier gestartet worden war.
Henry Alexander: "Am schwierigsten war am Ende dann aber die Suche nach geeigneten Räumlichkeiten für unsere Dunkelfeld-Anlaufstelle." Gesucht war eine Adresse, die denen, die sie ansteuern, vollste Anonymität garantieren kann. Ein großes Haus etwa mit vielen Mietern, das täglich von Hunderten oder gar Tausenden passiert wird, sodass niemand Rückschlüsse auf das Ziel des Einzelnen ziehen kann. "Die Männer ahnen in der Regel ihr Problem. Betroffene spüren, dass sie Kinder mehr lieben, als ihnen lieb ist, und sie haben Angst vor ihrem Trieb", sagt Alexander. Ein großer Teil der Männer entwickle einen enormen Leidensdruck.
"Wir sprechen nicht die aktenkundig vorbestraften Pädophilen an, sondern die, die sich ihrer Veranlagung nicht ergeben wollen", sagt Alexander. Mitten in Leipzig, im Uniklinikum, werden sie ab Anfang nächsten Monats von erfahrenen Therapeuten und Medizinern Gewissheit über sich selbst erhalten können. Und Hilfe. Laut Alexander handelt es sich bei der Pädophilie nicht etwa um eine dumme Angewohnheit, sondern um eine sexuelle Neigung, die sich im Laufe des Lebens nicht einfach verändern lasse. Sie sei aber kontrollierbar. Ziel ist laut Alexander die Prävention und der Kinderschutz. Die Männer dürften nicht zu Tätern werden.
Hauptproblem ist, dass die pädophil Veranlagten von sich aus den Weg in die Spezialambulanz gehen müssen. "Das Problembewusstsein und der Leidensdruck müssen hoch sein", sagt Alexander. Es dauere oft Jahre, bis sich Betroffene ihrer selbst und ihrer Neigung bewusst werden.
Das Unfassbare wird von den Männern meist total verdrängt. Oft sind sie Familienväter, Ehemänner und stehen im Job ihren Mann. Der Hausarzt werde nicht selten wegen ganz anderer Leiden konsultiert: Kopfschmerzen, Impotenz, sexuelles Desinteresse, psychosomatische Störungen. "Wichtig ist bei aller Diskretion deshalb auch die Sensibilisierung der niedergelassenen Kollegen für das Thema", sagt Alexander.
Er verweist in dem Zusammenhang auf die Erfahrungen der Berliner Charité, wo das Dunkelfeld-Projekt 2005 begonnen wurde. Mit den dortigen Experten gebe es eine enge Kooperation. Allein bis März dieses Jahres wandten sich 1410 Betroffene - davon 32 mit Wohnsitz in Sachsen - telefonisch oder übers Internet an das Projektbüro in der Bundeshauptstadt. Davon reisten 607 Personen für eine mehrstündige Diagnostik nach Berlin. 90 haben letzten Endes eine Therapie begonnen oder bereits beendet.
Alexander: "Unser Projekt baut auf das der Berliner Kollegen auf." Hat ein Interessent anonym mit dem Ambulanz-Team Kontakt aufgenommen, werden weitere Termine mit ihm vereinbart.
Schließlich kommt es zur Therapie, wenn der Betroffene einwilligt. Sie stehe unter dem Grundprinzip: "Du bist nicht schuld an deiner sexuellen Neigung, aber du bist dafür verantwortlich, dass aus Fantasien keine Taten werden!" Es sind einzel- und gruppentherapeutische Sitzungen geplant. Nachsorge inklusive. Ein mehrwöchiges Mammutprogramm, das für Betroffene kostenlos ist. Begleitet wird das Projekt von der wissenschaftlichen Forschung. In Leipzig werden die Experten schließlich Einblick in eine Seelenwelt erhalten, die normalerweise geheim und abgeschirmt ist. Eine Art sexuelle Parallelwelt, in die sich jene, die eine normale Sexualität leben, nicht hineindenken können. Alexander: "Das Thema ist tabu, und genau das macht es schwer, potenzielle Täter zu erkennen."