Plötzlich haben die Phantome Namen und Gesichter

Seit zwölf Jahren suchen Kriminalisten der Region nach den Sparkassenräubern von Chemnitz, Zwickau und Stralsund

Chemnitz. Gunter Rechenberg, einer der erfahrensten Chemnitzer Kriminalisten, hatte die Hoffnung nie aufgegeben. Und das, obwohl er seit 1999 quasi einem Phantom hinterherjagte. Zehnmal überfielen bis ins Jahr 2006 zwei Männer Sparkassen- und Postfilialen in Chemnitz und Zwickau, ohne dass er sie zu fassen bekam. Der Chef des Kommissariats Bandenkriminalität kannte ihre immer gleiche Vorgehensweise. Es gab Aufnahmen von Überwachungskameras. Die Belohnung für Hinweise zur Ergreifung der Täter wurde ständig erhöht - zuletzt auf 22.000 Euro.

Doch die Polizei bekam die Räuber nie zu fassen. Im Gegenteil: Am 7. November 2006 und am 18. Januar 2007 meldete die Sparkasse Stralsund Überfälle auf ein und dieselbe Filiale. Sie trugen die Handschrift der Täter aus Sachsen. Die Chemnitzer wurden darauf aufmerksam, als die Kollegen an der Küste mit ihren Fällen in der MDR-Fahndungssendung "Kripo live" um Mithilfe baten. In Chemnitz waren sich die Kriminalisten schnell sicher, dass es hier einen Zusammenhang gibt.

Nicht nur ihr sächsischer Dialekt hatte die Täter verraten. Auch in Stralsund schlugen sie kurz vor Geschäftsschluss zu. Zur Einschüchterung der Angestellten und der zahlreichen Kunden gaben sie Warnschüsse ab. Wie auch schon bei vorangegangenen Überfällen zwangen sie die Anwesenden, sich auf den Boden zu legen. Einer der Täter hielt sie mit einer Waffe in Schach, der andere forderte alles Geld aus dem Tresor. Weit über 100.000 Euro hatten die Männer auf ihren Beutezügen so ergaunert.

"Sie gingen nie zimperlich vor. Da flogen auch gleich mal Computer durch die Gegend", hatte Rechenberg damals im Gespräch mit der "Freien Presse" berichtet. Fast immer waren die Räuber mit farbigen Tüchern vor dem Gesicht maskiert, trugen Basecaps, in mehreren Fällen auch dieselben Turnschuhe. Und sie gingen stets arbeitsteilig vor. Mehrmals wurden die Männer gesehen, wie sie auf Fahrrädern flüchteten. "Aber uns war klar, dass nicht weit entfernt ein Kleintransporter oder ein Pkw auf sie gewartet haben muss", so der Erste Kriminalhauptkommissar. War es Beate Z.? Ein System für die Überfälle sei nur insoweit zu erkennen gewesen, dass sie offenbar immer dann zuschlugen, wenn sie wieder Geld brauchten.

Rechenberg ist sich zu 99 Prozent sicher, dass die Männer, die sich vergangene Woche in einem Wohnmobil in Eisenach selbst erschossen haben sollen, "seine" jahrelang gesuchten Sparkassenräuber sind. Mehrmals seien die Leute in den Filialen mit einer Pumpgun in Schach gehalten worden. Zwei solche Waffen fanden sich in dem sichergestellten Wohnmobil. Auch ein Abgleich der Aufnahmen aus diversen Überwachungskameras mit den Fotos der beiden Männer dürfte die Ermittler voranbringen. Einmal waren die Bankräuber unmaskiert, trugen nur Basecaps. Auf einem Überwachungsbild ist von einem der Männer ein Ohr gut zu erkennen. Ein Anthropologe könne mit 90-prozentiger Sicherheit herausfinden, ob das Ohr zu dem auf dem Fahndungsbild passt, so der Kriminalist.

Nächste Woche werden die Chemnitzer Ermittler nach Zwickau fahren und alles unter die Lupe nehmen, was nach der Hausexplosion in der Muldestadt vor einer Woche an Gegenständen und Kleidung sichergestellt werden konnte. "Ich bin überzeugt, dass auch alle anderen Polizeidienststellen ihre ungeklärten Raubüberfälle dahingehend überprüfen", sagt Rechenberg.

 

Chronologie der 12 Überfälle

6. Oktober 1999: Chemnitz, Postfiliale Barbarossastraße 71

27. Oktober 1999: Chemnitz, Postfiliale Limbacher Straße 148

30. November 2000: Chemnitz, Postfiliale Johannes-Dick-Straße 4

5. Juli 2001: Zwickau, Postfiliale Max-Planck-Straße 1A

25. September 2002: Zwickau, Sparkasse Karl-Marx-Straße 10

23. September 2003: Chemnitz, Sparkasse Paul-Bertz-Straße 14

14. Mai 2004: Chemnitz, Sparkassenfiliale Albert-Schweizer-Straße 62

18. Mai 2004: Chemnitz, Sparkassenfiliale Sandstraße 37

22. November 2005: Chemnitz, Sparkassenfiliale Sandstraße 37

5. Oktober 2006: Zwickau, Sparkasse, Kosmonautenstraße 1

7. November 2006: Stralsund

18. Januar 2007: Stralsund, in beiden Fällen wurde dieselbe Sparkassenfiliale überfallen.

 
erschienen am 11.11.2011 ( Von Gabi Thieme )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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