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Ein Graf namens Ortho

Warum ein scharfes Auge für Rechtschreibung ebenso wichtig ist wie eine gewisse Gelassenheit im Umgang mit ihr

"Die Sprache ist der Leib des Denkens" - das wusste schon der alte Hegel: Selbst produzierte Texte sind ein Ausdruck der Persönlichkeit. Sei es nun die sachliche E-Mail an den Vermieter, die offizielle Zeitungsannonce, der feurige Brief an die Liebste oder die schnelle SMS an den Kumpel: Alles Geschriebene ist eine stilistische Verewigung des Selbst. Dazu gehört die korrekte Schreibung: Sollte der "Leib" nicht auch schön und frei von orthographischen Makeln sein? Wäre es um gute Gedanken denn nicht schade, wenn sie sich in schlechter Sprache äußern würden?


Eine Frage des Stils

Sowie der eigene Text einen persönlichen Wert bekommt, sollte man sich um korrekte Schreibung bemühen. Denn mit den "Beulen" in der Sprache ist es wie mit den Beulen am Auto: Sie zeigen mitunter besonderen Charakter, gehen aber auch mit schmerzhaftem Wertverlust einher. Ein flüchtiger Vertipper, das klein geschriebene Substantiv oder falsche Worttrennungen können zu wahren "Schandflecken" mutieren.

Sicher bleibt ein Brief auch mit Fehlern lesbar und erfüllt seinen Zweck. Und natürlich wird der 160-PS-Motor auch mit einer kleinen Beule am Kotflügel noch immer rassig schnurren. Das runde Gesamtbild ist jedoch dahin - ärgerlich vor allem dann, wenn es, wie in einer Bewerbung etwa, eben nicht nur um den Inhalt geht.

Ein persönlicher Ausdruck ist es aber auch, wenn trotz aller Mühe Fehler passieren. Nur ein "Nobody" ist perfekt - und wo gehobelt wird, da fallen auch Späne. Wenn man also doch einmal von einem Sprach-Pedanten erwischt wird und dieser mit seinem Rohrstock zuschlägt, ist es wichtig, ihn nicht allzu ernst zu nehmen. Schließlich ist man auch nur ein Mensch. Im besten Falle lernt man dazu - oder lacht darüber, dass aus dem Eislaufen ein Eilsaufen wurde.


Eine Frage des Respekts

Klar ist aber auch: Einen fehlerlosen Text mit klarer Struktur liest man lieber als einen wild zusammengewürfelten Buchstabensalat. Oder, überspitzt gesagt: Im Grunde ist jeder Fehler eine Zumutung für das Gegenüber. Es ist somit auch eine Frage des Respekts, seinen Adressaten nicht mit ungewollten Worträtseln zu belästigen oder ihn durch einen ellenlangen Wortparcours ohne Punkt und Komma zu schicken.

Andererseits: Die Tugend der rechten Schreibung sollte nur so viel Aufwand rechtfertigen, wie es der Anlass wert ist. Nicht jede kleine Kühlschrank-Randnotiz an den Kollegen muss gleich einer intensiven Rechtschreibprüfung unterzogen werden!


Eine Frage der Einstellung

Ob man überhaupt korrekt nach aktueller Regelung schreibt, ist indes gar nicht so leicht zu beantworten. Denn die Rechtschreibreform im Jahre 2006 hat so große Verwirrung gestiftet, dass viele Zeitgenossen gar nicht mehr wissen, welche Schreibung überhaupt richtig oder falsch, empfohlen oder veraltet ist. Oder sie weigern sich, Gewohntes zu ändern.

Helfen kann nur ein Blick in eines der Nachschlagewerke: Aktuelle Ausgaben des Dudens oder Wahrigs können darüber Aufschluss geben, dass das Känguru jetzt ohne Dehnungs-h durch die Gegend hoppeln muss und dass Charme jetzt durchaus auch scharmant sein darf. Wem diese Schreibung einer gefühlten Kastration gleichkommt, kann dies mit der Rückkehr zur alten Regelung quittieren. Dann aber bitte mit Konsequenz! Guter Stil ist, wenn man die Regeln kennt und sich an sie hält.

 
erschienen am 19.03.2010 (Von Sebastian Steger)
 
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