Seit 1969 nicht mehr ohne Vollbart anzutreffen: Yusuf alias Cat Stevens.Foto: ddp
Geh mir um den Bart...
Wie man mit oder ohne Haar im Gesicht auf dem schmalen Grat des guten Geschmacks balanciert
Manchmal sind es eben doch die simplen Dinge, welche die drastischsten Wirkungen haben. Sicher, auch Kleidung und Schmuck können sehr wesentlich die äußere Erscheinung eines Mannes prägen. Doch nichts ist so radikal und eindrücklich wie die Art, die natürliche Gesichtsbehaarung zu tragen oder wegzulassen.
Das mag damit zusammenhängen, dass der Bartwuchs beim Mann zu den wenigen äußerlich deutlich sichtbaren sekundären Geschlechtsmerkmalen zählt - was nebenbei auch den peinlichen Tanz erklärt, den heranwachsende Jungmännchen des homo sapiens gelegentlich um den ersten Flaum machen, der sich in der Pubertät am Kinn (hoffentlich!) bildet. Oder liegt es daran, dass man den Menschen letztlich doch zuerst ins Gesicht sieht und dabei den Rest eher ausblendet? Fakt ist: Wer sich einen Bart wachsen lässt oder einen bestehenden entfernt, darf sich fast hundertprozentig sicher sein, danach selbst von nahen Verwandten unerkannte allerlei unlautere Dinge tun zu können. Das öffnet diversen modischen Experimenten Tür und Tor: Bärte lassen sich nicht nur in die absonderlichsten Formen rasieren, sondern auch flechten, färben und trimmen. Und all das vor allem fast kostenlos: Der Bart ist das einzige Modebiotop eines Mannes, welches dieser ganz mühelos und allein vor dem Spiegel gestalten kann.
Allerdings begibt man sich damit auch schnell auf vermintes Gelände, denn der Bart ist recht störrisch, was sichere modische Vorgaben angeht. Zwar gibt es in gewissen Kreisen stets gewisse Vorstellungen - aber gerade die will man, vor allem auf der Suche nach einem Partner, ja nicht immer erfüllen müssen. Und da gehen die Geschmäcker schnell und weit auseinander. Findet der oder die eine Bartwuchs besonders romantisch, wild und verwegen, so wirkt er auf den nächsten Mitmenschen schon per se verlottert und ungepflegt.
An diesem Punkt kommt dankenswerterweise das schnelle Wachstum des Barthaares ins Spiel: Missfällt einem der Komplettkahlschlag im Gesicht, so tut Mutter Natur in der Regel ihr Möglichstes, diesen Zustand in nur wenigen Tagen mit wüsten Stoppeln zu beheben. Umgedreht ist ein missglückter Bart auch fix abgenommen - ganz oder teilweise. Das führt allerdings auch dazu, dass man sich als Mann mit seinem Bart so häufig beschäftigen muss wie mit keinem anderen Aspekt der Modewelt. Sofort auffällig sind dabei Mitmenschen, die aus Bequemlichkeit einen Vollbart tragen - oder sich ebenso bequem permanent gleich rasieren. Interessanter wird es schon, wenn man das Wechselspiel zwischen einer sorgsamen Rasur, einem gepflegten Ungepflegt-Look und der Geht-nicht-Mehr-Grenze zum Waldschrat auslotet. Wenn man sich Varianten traut, die keiner so recht erwartet. Kotletten sind out? Bei mir ab heute nicht mehr! Schnauzer geht in der In-Szene ab-so-lut nicht? Ich beweise euch allen das Gegenteil!
Dabei gilt es jedoch, sich nicht zu überschätzen: Es sieht nämlich auch nichts so doof aus wie ein gewollter, aber nicht gekonnter Bart...