Date Manchmal stellt sich der Online-Flirt auch im wahren Leben als Glücksgriff heraus. Wenn nicht, helfen nur klare Worte.

Foto: Andreas Truxa

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Wenn sich der Online-Flirt im Offline-Leben als Katastrophe herausstellt, hilft nur eins: Geschickt und zügig abblitzen lassen

Was waren die Zeiten einfach, als die Partnersuche noch auf dem Tanzboden stattfand. Wurde man von einem Männchen angesteuert, das mit dem Ideal vom Zukünftigen null Schnittmenge hatte, drehte man einfach bei und tauchte ab. Die Mutigen blieben stehen, wandten sich demonstrativ der besten Freundin zu und gaben dem Angreifer per Ignoranz zu verstehen, dass er sich diese Liebelei lieber aus dem Kopf schlagen sollte. Und die ganz Coolen atmeten einmal tief ein, drückten die Brust raus und schlugen die Entschlossenheit des Jägers und Sammlers mit den Worten "Nein, weder der nächste langsame Walzer noch der Rest meines Lebens gehören Dir" in Trümmer.

Heute finden Balz und erstes Beschnuppern eher im Internet als auf dem Tanzboden statt - jedenfalls bei denen, die jung sind oder sich dafür halten. Kaum einer zwischen 13 und 53 hat nicht wenigstens schon einmal versucht, in der Welten verbindenden Bit- und Byte-Flut Kontakte zu knüpfen. Doch neue Arten, Anschluss zu finden, bringen eben auch neue Probleme mit sich. Und zwar ganz elementare. Nämlich, wenn die Online-Bekanntschaft in ein Offline-Date mündet und sich der strahlende Held dabei als glanzlose Luftnummer herausstellt.

Bislang haben sich Tobi123, SchwarzerRitter4711 und Schmusekater0815 von ihrer besten Seite gezeigt, die richtigen Hobbys erwähnt, die schlechten Angewohnheiten verschwiegen und so geistreiche Mails verfasst, dass man sich schon ernsthaft gefragt hat, woher die Mär kommt, Männer würden nicht reden und wenn, dann nur, um Bier zu ordern oder ein japanisches Unternehmen zu verfluchen, weil der neue Plasmafernseher nicht richtig funktioniert. Man ist also an dem Punkt angelangt, wo man meint, jetzt könnte man sich die Jungs auch mal "in echt" angucken. Das rationale Bild durch so profane Angaben wie Stimmlage, Haarfarbe und tatsächliche Größe ergänzen.

Doch schon nach den ersten drei Minuten, spätestens nach einer halben Stunde in der Wirklichkeit steht fest, dass der Großstadt-Cowboy nicht zum Pferdestehlen, sondern zum Davonlaufen ist. Nur: Wie wird man IHN jetzt so schnell und schmerzlos wie möglich los?

Als Kontaktbörsen-Profi hat man fürs erste Treffen keine Kaschemme am anderen Ende der Stadt gewählt, sondern sich für den frühen Abend im Freisitz des aktuellen In-Restaurants verabredet. Das verhindert eine unanständige Annäherung, vereitelt aber auch unauffälliges Entkommen. Also hilft nur die Flucht nach vorn. Zum Beispiel indem man sich lang und breit über "Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives" von Apichatpong Weerasethakul auslässt. Im schlimmsten Fall weiß der Möchtegern-Gigolo, dass dies der Gewinnerfilm der diesjährigen Filmfestspiele in Cannes ist und der Regisseur aus Bangkok stammt. Dann hilft nur, das Thema geschickt auf Religion und/oder Politik zu lenken und genau die entgegengesetzte Position des Online-Kontaktes einzunehmen. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem man sich mit dramatischer Geste erheben und mit dem Satz "Unsere Standpunkte sind unvereinbar. Es ist wohl besser, die Unterhaltung hier abzubrechen" das Date beenden kann. Wichtig: Speisen und Getränke unmittelbar nach dem Servieren bezahlen. Dann muss man das stolze Davonschreiten nicht durch einen Zeit kostenden und entwürdigenden Zwischenstopp an der Theke unterbrechen. Hält der Offline-Normalo Apichatpong Weerasehakul aber für einen Verwandten Pocahontas oder versteht im besten Fall überhaupt nicht, wovon man spricht, kann aber auch nicht nachfragen, weil man ihm keine Lücke dafür lässt, rollt er bald entnervt die Augen und nimmt nach einer halben Stunde erleichtert den beim besten Kumpel bestellten Anruf entgegen, um mit einem "Sorry, aber mein Lieblingsgoldfisch hat einen Asthma-Anfall. Ich muss!" die Szene zu verlassen.

Wer nicht irgendwann vor der Frage stehen will, wie man den gar nicht mehr so interessanten und vor allem reichlich wortkargen SchwarzenRitter4711 aus dem nächtlichen Chat von dem Gedanken abbringen kann, einen bis vor die Haustür zu bringen, verlegt das Offline-Date am besten gleich auf den Nachmittag. Die Zeit für einen Latte macchiato auf dem von allen Seiten gut einsehbaren Marktplatz ist endlich, eine Verabschiedung nach einer Stunde nicht unhöflich. Wem die 60 Minuten dennoch zu lang sind, der kann einen Teil seiner Freizeit mit einer Milchschaumallergie retten, die spontan nach dem ersten Schluck Latte auftritt: Dann hustend und prustend das stille Örtchen aufsuchen und heimlich durch den Hinterausgang oder in Ermangelung eines solchen hinter dem Kellner versteckt in die Freiheit entschwinden.

Eine unproblematische Flucht erlaubt auch eine Frühstück-Verabredung um acht Uhr morgens, natürlich an einem Wochentag. Erst kann man sich kauend und Kaffee schlürfend der Stimme enthalten und nach einer Dreiviertelstunde mit Verweis aufs Geld-verdienen-Müssen verduften. Dass man tatsächlich frei hat und lediglich das Kaminbesteck reinigen will, muss ja keiner wissen. Wenn aber sämtliche Liebes-Mädchen-Tricks nicht fruchten, dann verhält man sich halt wie ein böses Mädchen. Denn die kommen bekanntlich überall hin. Also auch nach Hause. Und zwar jetzt, mit zwei Worten: "Und tschüss!"

 
(Von Sandra Czabania)
 
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