Um ein richtiges Verhältnis zwischen Nähe und Distanz zu finden, sind Gespräche wichtig.

Foto: Peter Endig/ddp

Komm nicht zu nah, aber bleib' in der Nähe!

Wenn in einer Partnerschaft das erste Verliebtsein abklingt, kommt es darauf an, persönliche Freiräume und die richtige Distanz zu finden

Frisch Verliebte möchten so viel wie möglich zusammen sein. Sie suchen die Gegenwart des anderen und körperliche Nähe. Kleine Aufmerksamkeiten, SMS und Telefonate sollen räumliche Trennungen überbrücken helfen. "Dies schafft Gemeinsamkeit und ein Gefühl der Geborgenheit", sagt Bernd Boettger, Psychologe vom Institut für Paartherapie in Frankfurt am Main.

Doch nach einiger Zeit des Zusammenseins treten bei den meisten Paaren wieder eigenständige Interessen in den Vordergrund. Dann pflegen die Partner Freundschaften oder Hobbys auch allein. "Diese Distanz ist nötig, damit jeder seine eigene Persönlichkeit behält und sich weiterentwickeln kann", sagt Boettger. In jeder Beziehung komme es daher auf das richtige Verhältnis von Nähe und Distanz an.

"Hierbei ist nichts Räumliches gemeint, sondern ein innerer Vorgang", erläutert der Psychologe. Ein Paar kann sich in einer Fernbeziehung sehr nahe stehen oder in einer winzigen Wohnung aneinander vorbeileben. Da jeder Mensch unterschiedliche Bedürfnisse hat, komme es in Beziehungen wegen dieses Themas häufig zu Konflikten. Ein Partner beschwert sich zum Beispiel, dass der andere abends häufig weg sei.

Tatsächlich geht dieser zweimal in Woche nach der Arbeit zum Sport. "Damit das Paar ein Gefühl dafür bekommt, was der andere meint, sollten sie darüber reden, wie nah oder fern sich beide in der Beziehung fühlen", sagt Boettger. Was dem einen wenig vorkommt, empfindet der andere vielleicht schon als zu viel.

"Für solche Gespräche sollte man sich am besten einmal in der Woche eine oder eineinhalb Stunden Zeit nehmen", empfiehlt der Paartherapeut. Dabei dürften beide sich nicht ablenken lassen, etwa durch ein klingelndes Telefon oder einen laufenden Fernseher. Da man auch über intime Themen spricht, sei ein öffentlicher Ort wie etwa ein Restaurant ungeeignet. Während des Dialogs sollte jeder der Partner zuerst 15 Minuten ungestört darüber reden können, was ihn bewege und welche Bedürfnisse er habe.

"Es ist wichtig, dass jeder bei seinen Wünschen bleibt und dem anderen keine Vorwürfe macht", sagt Boettger. Anschließend sollte das Paar nach einem Kompromiss suchen. Ein Partner wünscht sich zum Beispiel, in den Armen des anderen zu schlafen, doch dieser mag die dauerhafte Berührung nicht. "Möglicherweise kuschelt das Paar abends im Bett für zehn Minuten und danach schläft jeder für sich ein", sagt Boettger.

Meist ist es in einer Beziehung einfacher, Distanz herzustellen als Nähe: Eigenständigkeit kann man etwa durch individuelle Freundschaften, unterschiedliche Freizeitaktivitäten oder getrennte Zimmer erreichen. Probleme bereitet es hingegen vielen Menschen, mehr Intimität zuzulassen. "Denn dies bedeutet, dass man Kontrolle abgibt und seine Grenzen für den anderen öffnet", erläutert Michael Cöllen, Paartherapeut in Hamburg. Diese Hingabe mache verletzlich und vom Partner abhängig. "Doch nur so lassen sich unsere Bedürfnisse nach Liebe, Geborgenheit und Sexualität erfüllen", sagt Cöllen.

Um Nähe zuzulassen, müssen alle Menschen Angst und Scham überwinden. "Dass dies einigen schwer fällt, hat ganz unterschiedliche Ursachen", sagt der Diplompsychologe. Manche Scheidungskinder zum Beispiel seien sehr misstrauisch gegenüber engen Beziehungen. Auch wer schon einmal eine eigene tragische Liebeserfahrung gemacht oder einen großen Verlust erlebt habe, bleibe oft sehr distanziert.

"Dieser Boykott von Nähe läuft meist unbewusst ab", erläutert Cöllen. Häufig wollen diese Menschen sich nicht auf die eigenen oder fremde Gefühle einlassen. Ihnen falle es schwer, sich in einer Beziehung zu öffnen oder Verantwortung zu übernehmen. Streitigkeiten mit dem Partner entfachen sich meist an Punkten wie Zusammenziehen, Heiraten oder Kinder bekommen.

"Wer mehr Nähe zulassen möchte, kann dies nur in der Praxis üben", sagt der Paartherapeut. Dabei müsse man lernen, auf seine eigenen Gefühle zu achten und sich dem Partner anzuvertrauen. Ein Paar sollte sich Unternehmungen suchen, bei denen sie aufeinander eingehen können. "Das passiert meist nicht, wenn man nur zusammen fernsieht oder sich ablenkt", warnt Cöllen. Auch die Sexualität verkümmert, wenn sie nur der schnellen Bedürfnisbefriedigung dient. "Erfüllter Sex braucht echte Nähe", sagt der Psychologe. (ddp)

Von Anja Schäfers


Buchtipps für Paare:

Steven Carter, Julia Sokol: "Nah und doch so fern. Beziehungsangst und ihre Folgen", Fischer Taschenbuch Verlag, 2000, 9,95 Euro, ISBN: 978-3596138302

Dean C. Delis, Cassandra Phillips: "Ich lieb' dich nicht, wenn Du mich liebst. Nähe und Distanz in Liebesbeziehungen", Ullstein Taschenbuch Verlag, 2003, 8,95 Euro, ISBN: 978-3548366555

Wolfgang Schmidbauer: "Die Angst vor Nähe", Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1998, 7,90 Euro, ISBN: 978-3499604300

 
 
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