Ein Brautstrauß. Naaa, wollen Sie damit mal beworfen werden?

Foto: Eckehard Schulz/AP

Vier Hochzeiten und kein Ohnmachtsanfall

Wer sich als Single unter die Partygäste einer Eheschließung mischt, lernt die wahren Härten des Lebens kennen

Die typische Hochzeitsgesellschaft: Ein Drittel der Leute hat man noch nie gesehen, ein weiteres Drittel würde man freiwillig nicht sehen, und das restliche Drittel hat man in der Regel seit Jahren nicht gesehen, aber freut sich zumindest. Woher ich das weiß? Heiratsmarathon. Vier Hochzeiten und leider kein Ohnmachtsanfall allein in den vergangenen Wochen.

Als Endzwanzigerin lebt man damit, dass sich zunehmend mehr Menschen aus dem eigenen Freundes- und Bekanntenkreis in die Ehe verabschieden. Das bedeutet also: Fast jedes Wochenende eine Hochzeit. Zumindest im Mai, denn viele Paare bevorzugen noch immer den Wonnemonat, obwohl rein statistisch schon das wechselhafte Wetter im Mai dagegen spricht, und Hochsommer oder Winter gerade für die heikle Brautkleidfrage viel berechenbarer wären.

Viel schlimmer dran ist man ohnehin als Gast, vor allem als unverheirateter. Niemand wird mehr bemitleidet, bedauert, (ungefragt) beraten und gerne auch mal beleidigend dreist verkuppelt. Dabei ist es auch fast egal, ob man einen Mann mitbringt: Der Arme muss sich sowieso den ganzen Abend mit Fragen herumschlagen, warum er einen denn eigentlich nicht heiraten will.

Und falls er das tapfer abwehrt, indem er erklärt, dass darüber einfach noch nicht entschieden ist, wird entweder gleich ein Termin avisiert oder der Kerl überhaupt nicht mehr ernst genommen. Kurzum: Wer sich diesen unfreiwilligen Beziehungstest ersparen will, der geht allein.

Dafür muss er aber auch einiges aushalten: Die Rückfrage "Wirklich? Du willst alleine kommen?" nach der Zusage. Die Tatsache, dass man der Freundin bei den Vorbereitungen helfend zur Hand gehen muss, weil man ja augenscheinlich kein eigenes Leben hat und besagte Freundin einfach nur zu viele Folgen der "Wedding-Planner-Show" konsumiert hat. Oder der Auftrag, auf der Feier für Stimmung zu sorgen. Ich für meinen Teil finde ja, dass jeder Versuch in dieser Richtung selbige zerstört, habe aber auch festgestellt, dass gerade in ländlichen Gegenden der Drang zum Partyspiel unzerstörbar ist.

Was der Single-Gast noch erdulden muss: Entnervte Eltern parken gern ihre Kinder bei einem, weil man es ja sonst immer so gut und ruhig hat. Ältere Besucher sprechen sie das Wort "Karrierefrau" mit einem Gesichtsausdruck aus, der einen fatal an den missbilligenden Blick der verhassten Lehrerin aus Grundschulzeiten erinnert. Wer an einem solchen Tag gut drauf ist, kontert mit subtilen Bosheiten oder schockierenden Antworten, um wenigstens sich selbst bei Laune zu halten.

Beim Brautstraußwerfen, eine der Traditionen, die aus schlechten amerikanischen Filmen hierher geschwappt ist, wird man gnadenlos in die erste Reihe geschoben. Noch schlimmer als Missbilligung ist aber Mitleid: Sicher hat man keinen abgekriegt! Freiwilliges Single-Dasein ist Frischverheirateten, jungen Ehepaaren (die in der Regel den Hauptteil der Gäste ausmachen) und älteren Verwandten schlichtweg suspekt.

Heikel sind Partyspiele. Gerne wird man als allein angereister Gast verdonnert, den peinlichsten Part zu übernehmen. Einziges Gegenmittel: Man muss lernen, die Anzeichen zu erkennen. Zum Beispiel, wenn eine Gruppe tuschelnd und kichernd nach draußen huscht oder selbstgebastelte Utensilien herbeigeschoben werden. Spätestens dann sollten Sie schon auf dem Klo sein. Hierbei hilft ein weiterer Eheschließungs-Trend, nämlich der zur Stadtflucht: Jeder urbane Mensch sucht sich einen romantischen See im Umland, eine pittoreske, weil charmant verfallene Dorfkirche an einer unbefestigten brandenburgischen Pflasterstraße oder wenigstens einen Bauernhof.

Das bedeutet, Sie können sich problemlos eine Viertelstunde die Füße vertreten, ohne dass Sie sich langweilen.
Worauf man bei jeder Hochzeit vertrauen darf, ist die Regelmäßigkeit der Mahlzeiten: In dieser Zeit kann man entspannen, hier lauern nicht allzu viele Fallstricke, wenn man von der Tatsache absieht, dass man als Single an den Tisch der a) Rentner, b) Kinder oder c) anderen entnervten Singles platziert wird. Falls c) zutrifft, kann man sich gratulieren.

Mit etwas Glück findet sich unter den anderen ein Gast auf ähnlicher Wellenlänge, mit dem man den Rest des Abends - selbstverständlich wohlwollend - zu lästern vermag. Beispielsweise dann, wenn irgendein halb talentierter, aber völlig betrunkener Verwandter die Band bittet, ein Lied fürs Brautpaar trällern zu dürfen.

Oder dann, wenn die Band Pause macht und stattdessen die CDs mit den klassischen Hochzeitsschmachtschnulzen hoch und runter laufen. Spätestens an dieser Stelle kann man ohnehin nur einen weiteren Caipirinha ordern, dem Schatz daheim eine SMS schicken und dabei versuchen, sich den nervigen Cousin des Bräutigams vom Hals zu halten sowie ansonsten hochrechnen, dass beinahe jedes zweite Paar, dessen Hochzeit man in den vergangenen Wochen besucht hat, in zehn Jahren garantiert geschieden sein wird.

Von Katja Uhlemann

 
 
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