Es könnte so schön sein: Sich verlieben, zärtlich sein - und dann Kinder kriegen. Doch immer mehr Männer entscheiden sich gegen Nachwuchs.

Foto: ddp/Archiv

Wenn Männer nicht mehr wollen

Jeder vierte Mann will keinen Nachwuchs - Karriere und Individualismus laut Experten Gründe für Kinderlosigkeit

Kinderlosigkeit und niedrige Geburtenraten galten bislang vor allem als Frauenproblem: Weil immer mehr gut ausgebildete Frauen in Deutschland lieber Karriere statt Kinder machen, bleibt der Nachwuchs auf der Strecke, so die gängige Erklärung für den demographischen Notstand.

Dabei sind auch viele Männer nicht mehr ohne weiteres für Kinder zu begeistern: Fast ein Viertel der 20- bis 49-Jährigen will Umfragen zufolge ganz auf Nachkommen verzichten, etwa 20 Prozent bleiben tatsächlich kinderlos. Bei den Frauen möchten dagegen nur rund 15 Prozent ohne eigene Kinder leben.

Anders als bei ihren Partnerinnen spielt der Konflikt zwischen Job und Familie bei Männern jedoch eine untergeordnete Rolle, wie Jürgen Dorbritz vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden erklärt. "Dieser Entscheidungszwang zwischen Kind und Karriere existiert hier nicht", betont er.

Männer entscheiden aus individualistischen Gründen

Im Gegenteil: Während vor allem in Westdeutschland die Kinderlosigkeit unter sehr qualifizierten und gut verdienenden Frauen besonders hoch ist, geht der Anteil kinderloser Männer mit zunehmender Qualifizierung zurück, wie eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Köln ergab. Einen grundsätzlichen Widerspruch zwischen Familie und Arbeit scheint es demnach für potenzielle Väter nicht zu geben. "Männer entscheiden sich eher aus individualistischen Motiven gegen eine Familie", sagt Dorbritz.

In einer Umfrage des Instituts erklärte jeder zweite Mann ohne Kinderwunsch, es sei ihm wichtig, seinen Lebensstandard beizubehalten. Von den Männern mit Kinderwunsch sagte dies dagegen weniger als jeder Vierte. Fast 40 Prozent der Befragten ohne Kinderwunsch empfanden zudem die Aussicht, ihrem Nachwuchs zuliebe Freizeitinteressen aufgeben zu müssen, als wichtiges Argument gegen Kinder. Bei Männern mit Kinderwunsch nannte dies nur jeder Zehnte als wichtiges Argument gegen Nachwuchs.

Zwar kann sich der Wunsch nach oder die Entscheidung gegen Kinder im Laufe eines Lebens durchaus noch ändern. Dass sich so viele Männer in Umfragen bewusst gegen Nachwuchs aussprächen, sei aber dennoch neu, sagt Demographieforscher Dorbritz.

Grund für den hohen Stellenwert persönlicher Freiheit könne etwa die lauter werdende Forderung vieler Frauen an ihre Partner sein, sich stärker als bisher in Kindererziehung und Haushalt zu engagieren. "Die Männer ziehen sich aus dieser Verantwortung zurück, wollen das nicht übernehmen und sind dann gänzlich gegen Kinder", vermutet Dorbritz.

Christian Schmitt vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin hingegen betont, gerade die traditionelle Rollenverteilung sei es, die nicht nur Frauen die Karriere, sondern auch Männern die Familiengründung erschwere. "Viele Männer haben das Gefühl, sie müssen erstmal Ernährerqualitäten entwickeln", erklärt der Soziologe. "Deshalb kommt meist zuerst die Ausbildung, und erst dann die Familie."

Damit verzögert sich jedoch nicht nur die Entscheidung für oder gegen Nachwuchs. Auch feste Partnerschaften kommen später zustande: "Der biografische Raum, in dem Männer sich für Kinder entscheiden, verschiebt sich immer weiter nach hinten", bestätigt Jan Kruse vom Institut für Soziologie der Universität Freiburg. "Früher war man mit 24 Jahren Meister. Heute ist man mit 35 noch nicht promoviert."

Wer ständig umziehen muss, gründet seltener eine Familie

Auch die gestiegenen Mobilitäts- und Flexibilitätsanforderungen wirkten sich negativ auf die Stabilität von Partnerschaften aus, erklärt er. Weil für Familie bei alledem kaum Zeit bleibe, komme es nach der beruflichen Konsolidierung zu einer "Rush-Hour" der Partnersuche - mit unsicherem Ausgang. "Die Gefahr ist, dass dann aus dem Aufgeschoben ein Aufgehoben wird."

Doch selbst für weniger gebildete Männer, deren Ausbildungszeit kürzer ausfalle, sei die Familiengründung schwierig, erklärt Kruse. "Frauen heiraten eher ältere Männer, die in der Regel besser gebildet sind als sie selbst. Da haben niedrig qualifizierte Männer erhebliche Probleme, noch Partnerinnen zu finden." Vor allem in Westdeutschland sei dies der Fall.

Um den Konflikt zwischen beruflicher Qualifizierung und Nachwuchsfrage zu entschärfen, muss nach Einschätzung des Soziologen die finanzielle Sicherheit für junge Familien schon während der Studienzeit erhöht werden: "Das biologische Zeitfenster, in dem Männer Familie gründen können, muss wieder geöffnet werden." Andererseits sei aber auch ein Mentalitätswandel in der Gesellschaft notwendig. "Es muss klar werden, dass Familie nicht nur den Verlust von Freiheit bedeutet." (ddp)

Von Nils Weisensee

 
 
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