Und wenn die Liebe noch so groß ist - in jeder Ehe geht schnell das Gezerre los, wenn man sich nicht über einige paradoxe, aber systembedingte Parameter klar wird. Foto: Archiv
Wenn die rosarote Brille zur Scheuklappe wird
Die Autorin Cristina Zehrfeld bringt 100 garstige Ehe-Thesen mit Scharfsinn auf den Punkt
Was ist nicht alles über die Ehe schon gesagt und geschrieben worden. Auf der Seite der Befürworter wird sie als Institution für Werte, als Hort der Familie und kleinste Zelle der Gesellschaft hochgehalten, heilig gesprochen und fast schon kultig verehrt - auf der anderen Seite der Skeptiker und Enttäuschten steht der "Bund des Lebens" als eine Art Gefängnis auf der schwarzen Liste und findet sich letztlich in bissigen Witzen wieder, die den Ehemann zum zerknautschten Volltrottel auf Kneipenkur stempeln, auf den die ehemals holde Gattin im günstigeren Fall mit dem Nudelholz, eher aber mit Rattengift-gewürztem Essen lauert.
Die Wahrheit liegt selbstverständlich in der Mitte - ist aber deswegen nicht weniger spannend. In ihrem Buch "Die Kultivierung der Lust oder Gefühle sind keine Privatsache" bemüht sich die erzgebirgische Journalistin Cristina Zehrfeld mit einer erfrischenden Mischung aus philosophischem Scharfblick, Sarkasmus und letztlich viel Herzblut, das Schlachtfeld der Liebe mit "100 garstigen Thesen zum Geschäft mit der Ehe" auszuleuchten. Ihre Kernthese: Es kommt in der Ehe vor allem darauf an, die emotionalen, ökonomischen und gesellschaftlichen Zwänge unter einen Hut zu bringen, statt sich idealistische Bilder vorzulügen - selbst wenn man sie zu Anfang einer Bindung aus tiefster Seele empfunden haben sollte. Auf den ersten Blick wirkt das reichlich desillusioniert, doch je weiter man sich in das Büchlein hineinliest, desto mehr stellt man fest, dass nüchterne Erkenntnisse wie die Tatsache, dass Gleichberechtigung sich nicht durch Gleichbehandlung herstellen lässt, eine gute Basis für ein wirkliches Zusammenleben ohne Scheuklappen oder rosaroter Brille darstellen. Denn klar wird bei der Lektüre auch: Der Wunsch, eine Ehe einzugehen, beruht auch auf emotionalem Sicherheitsdenken, während die Liebe, die zum Zusammenschluss führt, auf Spannung und Neuentdeckung gründet.
Zehrfeld liefert mit ihre oft subjektiven Thesen massig Stoff zum Diskutieren - vor allem, weil sie es versteht, oft ungewohnte, teil überraschende Perspektiven einzunehmen. Das Buch ist von feinem Realitätssinn geprägt und ohne jeden Schaum vorm Mund.
Von Tim Hofmann
Cristina Zehrfeld "Die Kultivierung der Lust", Verlag Wolfgang Brune Leipzig, ca. 70 Seiten Paperback, 13,50 Euro, ISBN Nr. 978-3-937350-17-2
Und wenn die Liebe noch so groß ist - in jeder Ehe geht schnell das Gezerre los, wenn man sich nicht über einige paradoxe, aber systembedingte Parameter klar wird. Archiv