Das Bild der lachenden Sonne stammt von Maximilian Kappler aus Oberlungwitz.Wohin mit dem Frühlingsgefühl?
Egal, ob man es Hormonrausch nennt oder Neu-Erwachen des Lebens
Im Licht der Sonne brechen sich Urtriebe in jedem Menschen ihre Bahn. Ignorieren kann das niemand.
So abgedroschen das klingen mag, so wahr ist es aber doch auch: Wer immer noch nicht glauben will, dass es im physischen Universum mehr Dinge gibt als unsere Sinne uns zeigen, der sollte nur einmal an das Frühlingsgefühl denken. Die Natur verkündet ihr Erwachen auf ihrem Erden-Kanal der Meta-Ebene des Bewusstseins, und schon schüttet das Hirn Botenstoffe aus, die selbst in Tattergreisen wie Goethe Begehrlichkeiten nach dem Duft von 14-jährigen Mädels zu wecken verstehen. Der Begriff "Zweiter Frühling" beschreibt dieses Phänomen zwar romantisch, aber auch reichlich euphemistisch: Der Dichterfürst war schlicht und ergreifend recht heftig high von körpereigenen Drogen.
Es sei ihm verziehen: Hat er das Beben in seiner Brust doch vor allem in die unsterblichen, magischen Worte des "Osterspaziergang" aus dem ersten Faust-Band gegossen. Nun muss man ja nicht gleich so drastisch auf derlei Regungen reagieren wie der Held des Goethe-Bestsellers. Vom Grundsatz her, und heucheln Sie doch bitte nicht das Gegenteil, muss jeder Mensch auf die Frühlingsgefühle reagieren. Das ist ein Urtrieb.
Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die Wissenschaft natürlich längst eine ebenso herkömmliche wie biochemische Erklärung für die Frühlingsgefühle gefunden hat: Bekanntlich nimmt mit dem Frühjahr die Tageslänge und damit auch die Sonneneinstrahlung zu. Diese veranlasst unseren Körper, vermehrt Serotonin und Dopamin auszuschütten.
Derartige Neurotransmitter nennt der Volksmund nicht umsonst "Glückshormone", sorgen sie doch gleichermaßen für Euphorie und Wohlbefinden wie auch den Wunsch nach einem Partner. Dass viele Menschen sich zeitgleich auch luftiger kleiden, trägt auch nicht gerade dazu bei, den Rauscheffekt zu verringern - führt aber letztlich auch dazu, dass man diese schnöde Erklärung so gar nicht akzeptabel findet.
Unsere Vorfahren haben es sich da etwas romantischer eingerichtet: In ihren Frühlings- und Lichtfesten wurde vor allem der Fruchtbarkeit der erwachenden Natur gehuldigt. Bezeichnenderweise ist in fast allen Natur-Religionen die "Mutter Erde" der weibliche Schoß, welcher das Leben gebiert. Der Sonnengott dagegen ist männlich, befruchtend. Damit lag man, trotz Unkenntnis der genauen biologischen Gegebenheiten, gar nicht mal so schief. Die Symbolik teils zu übernehmen kam sogar das später aufkeimende Christentum nicht umhin: Sein "Heiligenschein" ist lediglich ein "geborgtes" Sonnensymbol, das dem Träger Respekt verschaffen sollte.
Die Sogkraft, die der "Busen der Natur" im Frühlingslicht ausübt, konnte hingegen durch die Jahrhunderte nicht beschädigt werden. Im Gegenteil: Der neu erwachende Tatendrang ist mittlerweile gar ein gewichtiger Wirtschaftsfaktor. Handel und Gewerbe können es gar nicht erwarten, dass die seit Weihnachten geschlossenen Portemonnaies der geschätzten Kundschaft sich wieder öffnen wie die Kelche von Krokus und Osterglocke.
Von Tim Hofmann