Die letzte Telefonrechnung war für 11899-Auskunft-Kunden ein Schock. Die letzte Telefonrechnung war für 11899-Auskunft-Kunden ein Schock.

Foto: Minerva Studio/Fotolia

Leser fühlen sich von Auskunft abgezockt

Die 11899 hat seit letztem Jahr fast unbemerkt den Preis auf 1,99 Euro pro Minute angehoben

Chemnitz. Der Tenor am Ratgeber-Telefon ist eindeutig: "Darüber müssen Sie unbedingt berichten und andere Leser warnen, das ist doch kriminell, wir fühlen uns abgezockt." In den letzten Tagen riefen mehrere Leser bei der "Freien Presse" an, die ihren Augen nicht trauten, als sie plötzlich immense Telefonrechnungen erhielten. 90, 120, ja fast 200Euro zum Beispiel. Der Grund war schnell gefunden: Allen gemein war, dass sie die Telefonauskunft 11899 angerufen hatten. Diese war bisher kostenlos. Auch die "Freie Presse" hatte im vergangenen Jahr zweimal darüber berichtet. Sogar für den Innovationspreis war die Nummer vorgeschlagen. Denn das war schon vermeldenswert, kostete doch so manche andere Auskunft bis zu 1,99Euro pro Minute. Da kommen schnell mal fünf, sechs Euro zusammen. Doch diese Auskunft war anders und in der Tat einzigartig. Das Konzept klang gut: Vor Beginn des Gesprächs sollte ein Werbespot stehen. Damit sollte eingenommen werden, was die anderen durch Gebühren einspielen.

Von kostenlos auf 1,99 Euro

Doch jetzt plötzlich und von der Öffentlichkeit nahezu unbemerkt kostet der Anruf - wie bei manch anderem Auskunftsdienst auch - 1,99Euro je Minute. Doch warum? Auf der Internetseite der 11899 die Erklärung: Es konnten nicht genügend Werbekunden gefunden werden, die die Kosten decken. Deshalb könne man den Dienst nicht mehr kostenlos anbieten, heißt es da, und man habe "den Endkundentarif aus dem Festnetz ... auf den marktüblichen Preis angehoben, der auch von der überwiegenden Mehrheit der Auskunftanbieter berechnet wird." Man wolle damit der Überschuldung des Unternehmens vorbeugen, da es angeblich auch zahlreiche Anrufer gegeben habe, die vorsätzlich hundertfach ohne Auskunftersuchen angerufen hätten, um dem Unternehmen zu schaden. Man habe die Tarifänderung über die Internetseite www.11899.de und über das Amtsblatt der Bundesnetzagentur bekannt gemacht. Doch die potenziellen Nutzer der Auskunft haben in vielen Fällen vielleicht gar kein Internet - und gleich recht nicht das Bundesnetzagentur-Amtsblatt. Eine Information über die Tarifänderung an die Medien, so auch an die "Freie Presse", unterblieb. Das sei sonst in der Branche üblich, bemängeln auch die Branchendienste Teltarif.de und Tariftip.de.

"Freie Presse" wollte das Unternehmen dazu befragen, doch weder auf dieser Internetseite noch auf der von 11818, dem Betreiber dieser Auskunft, findet sich eine Telefonnummer. E-Mails an die angegebenen Adressen der Pressestellen blieben unbeantwortet.

"Freie Presse" fragte zunächst bei der Bundesnetzagentur, der früheren Regulierungsbehörde, nach. Sprecher René Henn sagte, dass die Bekanntmachung auf diesen beiden Wegen dem Recht Genüge tue und eine Tarifansage bei Auskunftsdiensten laut Gesetz erst ab zwei Euro pro Minute vorgeschrieben sei. Er verwies noch auf die Rubrik "Rufnummernmissbrauch" auf der Homepage der Bundesnetzagentur. Seine Behörde könne nur eingreifen, hieß es, wenn sie sicher ist, dass Rufnummernmissbrauch vorliege. Auf die Frage, wieso bei den Call-by-Call-Sparvorwahlen, bei denen es um Cent-Beträge geht, eine Preisansagepflicht bestehe, bei 1,99Euro pro Minute jedoch nicht, sagte der Sprecher: "Da hatte es in der Vergangenheit genügend Bürger-Beschwerden gegeben."

Nächste Nachfrage bei Jürgen Will von der Telekom-Pressestelle in Berlin. Denn der Betrag, der von 11899 gefordert wird, steht auf der Telekom-Rechnung. "Wir sind lediglich beauftragt, das Inkasso für die Fremdanbieter zu machen. Wir wissen nicht und können auch nicht prüfen, ob der geforderte Betrag zu Recht oder zu Unrecht gefordert wird. Deshalb muss der Kunde sich mit einer Reklamation an die auf der Rechnung angegebene Adresse des jeweiligen Anbieters wenden."

Auskunft-Chef: Alles rechtens

Eher durch Zufall - auf einer alten Presseinformation über die Nominierung der 11899 für den Innovationspreis der Deutschen Wirtschaft vom vergangenen Jahr steht die Telefonnummer - erreichen wir Heiner Tent, Chef der 11818-Auskunft. Es sei leider nicht gelungen, dieses Konzept umzusetzen, deshalb habe man die Reißleine gezogen. Man habe "mehrere 100.000 Euro reingepumpt", aber keine Einnahmen erzielt. Die Vorwürfe der Leser, weist er von sich. "Wir haben das nicht getan, um die Leute zu täuschen." Dass der Preis nicht angesagt wird, obwohl die Auskunft bis dato kostenlos war, begründet er damit, dass man dazu gesetzlich nicht verpflichtet sei und sonst ja jeder auflegen würde. "Die anderen Anbieter lassen den Preis ja auch nicht ansagen." Auf die Frage, warum man die Medien nicht informiert habe, sagte Tent: "Das hätten wir machen können."

Friedrike Wagner, Telekommunikations-Expertin von der Verbraucherzentrale Sachsen, kann den Ärger der Kunden gut verstehen, sieht aber aus rechtlicher Sicht eher wenig Chancen, etwas dagegen zu unternehmen. "Laut Recht und Gesetz ist es nicht anfechtbar." Der Rechnung zu widersprechen, hält sie für wenig erfolgversprechend, denn der Anbieter werde sicher ein Inkassobüro beauftragen und die Forderung eintreiben. Einen Hinweis an die Bundesnetzagentur hält sie unterdessen durchweg für gerechtfertigt, damit sich zumindest künftig in Sachen Tarifansage etwas ändert.

Service

Wer sich bei der Bundesnetzagentur beschweren will, wendet sich mit einer aussagekräftigen Schilderung an: Bundesnetzagentur, Nördeltstraße 5, 59872 Meschede, Tel.: 0291 9955-206, Fax: 06231 934-111, E-Mail: rufnummernmissbrauch@bnetza.de

 
erschienen am 14.09.2012 ( Von Dietmar Bartel )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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