Kinder freuen sich in der Regel darauf, in die Schule gehen zu dürfen. Aber für immer mehr von ihnen wird daraus, wenn es denn richtig losgeht, der blanke Horror. Ein Fehlstart, dem sich vorbeugen lässt, wenn hinderliche Faktoren im Entwicklungsstand des Kindes rechtzeitig erkannt werden. Foto: Lvdesign/Fotolia
Wenn Schule krank macht
Schulanfang und nötige Schulreife gehen nicht immer einher
Es ist immer ein Freudenmoment, ein hoffnungsfroher Auftakt: Das Kind, das mit breitem Lächeln, eventuell durch Zahnlücken hindurch, vor dem Fotografen mit der Zuckertüte posiert, die fast so groß ist wie der Steppke selbst - Schulanfang. Aber bedenklich oft ist dies der harmlose Beginn einer Leidensgeschichte, wie Cornelia Stefan feststellen muss: "In den vergangenen vier Jahren kommt es immer häufiger vor, dass Abc-Schützen bereits zwei Wochen nach Schulbeginn eine Suspendierung ausgesprochen bekommen und akut bei uns aufgenommen werden müssen." Bei uns - das ist die Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters am Städtischen Heinrich-Braun-Klinikum (HBK). Cornelia Stefan ist Chefärztin der Klinik.
Kommt es so weit, dass das Kind von der Schulbank ins Krankenhaus muss, habe es in der Regel massive Aggressionen gegenüber anderen Kindern oder Lehrern an den Tag gelegt. Der Schulanfänger brachte es nicht fertig, still zu sitzen und hat den Unterricht so massiv gestört, dass er die ganze Aufmerksamkeit der Lehrkraft gebunden hat. Auch in den Pausen lässt er sich nicht bändigen, reagiert nicht auf Anweisungen der Lehrer, sodass die Eltern das Kind früher aus der Schule abholen müssen. Oder, auch das kommt vor, Lehrer rufen in der Klinik an und bitten um Akutaufnahme des Kindes. "Aber es gibt auch Kinder, die wegen extremer Ängste mit oder ohne Körperbeschwerden - wie Bauchschmerzen, Kopfschmerzen oder Schlafstörungen - schon kurz nach Schulbeginn den Weiterbesuch verweigern. Dann muss in der Klinik geschaut werden, ob Schulphobie mit massiven Trennungsängsten, Angst vor Leistungsversagen und Ausgelachtwerden oder Überforderung vorliegt", sagt Cornelia Stefan.
Damit es gar nicht erst dazu kommt, wird das Kinderzentrum des HBK vorbeugend tätig. So besteht ein Kooperationsvertrag mit dem städtischen Gesundheitsamt, auf dessen Basis die Klinik in Zweifelsfällen das Kind untersucht, ob es tatsächlich die Schulreife erlangt hat. Werden Entwicklungsdefizite festgestellt, ergeht eine Empfehlung an den behandelnden ambulanten Kinderarzt. Aber mitunter, sagt Stefan, sei es schon zu diesem Zeitpunkt sinnvoll, das Kind in der Institutsambulanz der Kinderpsychiatrie vorzustellen.
"Dies trifft insbesondere dann zu, wenn neben Entwicklungsstörungen der Sprache und der Motorik auch der Verdacht auf ein Aufmerksamkeittsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS), soziale Interaktionsstörungen oder emotionale Auffälligkeiten bestehen", sagt die Diplommedizinerin. Das müsse nicht den ganzen Tag der Fall sein. Es gebe Kinder, die im Kindergarten lammfromm sind und daheim zu kleinen Tyrannen werden. Oder umgekehrt. Mithin sei es wichtig, das Verhalten da wie dort zu kennen und zu vergleichen. Kommunikation zwischen Elternhaus und Tagesstätte sei das A und O.
In den vergangenen Jahren werden immer mehr Vorschulkinder in ihrer Klinik angemeldet. Dort werde mit ambulanter, teil- oder vollstationärer Diagnostik abgesichert, dass der Vorschüler über alle Fertigkeiten für den Schulbesuch verfügt. Andernfalls beginnt eine Behandlung, die neben Ärzten, Psychologen, Ergotherapeuten, Logopäden, Motopäden und Physiotherapeuten die Krankenhausschule als anerkannte Förderschule einbezieht.
"Die Therapie soll den Kindern helfen, mehr Selbstbewusstsein zu ihren eigenen Leistungen zu bekommen, belastbarer zu werden, um einen Schultag bewältigen zu können und mit Gleichaltrigen zurechtzukommen", sagt Stefan.