Günter Voß:" Bei Überforderung sind Führungskräfte in der Pflicht."Foto: privat
Das Arbeitsleben besteht nicht nur aus Geldverdienen
Wirtschaftskrise und Globalisierung stellen steigende Anforderungen an Arbeitnehmer - Zwei Personalexperten geben Tipps
Chemnitz/Zwickau. Während der Wirtschaftskrise wird die Zahl der durch Arbeit hervorgerufenen psychischen Erkrankungen zunehmen. Davon geht zumindest Günter Voß, Inhaber der Professur Industrie- und Techniksoziologie an der Technischen Universität Chemnitz, aus. Schon seit Jahren steigen die Zahlen derjenigen Menschen, die sich durch den Arbeitsalltag ausgebrannt fühlen. Weil die Wirtschaftskrise und die Globalisierung an jeden Mitarbeiter ganz neue, immer größere Anforderungen stellen, steigt auch die Gefahr der Überlastung. Angestellte und Arbeiter müssen sich aber nicht alles gefallen lassen, denn es gibt durchaus Strategien zur Bewältigung.
Offen kommunizieren
"Mitarbeiter sollten ihre Sorgen nicht herunterschlucken, sondern im Unternehmen offen ansprechen", macht Günter Voß deutlich. Die Verantwortung für eine mögliche Überforderung der Mitarbeiter sieht er vor allem bei den Führungskräften. "Die Mitarbeiter wollen ihre Freiheiten, brauchen aber auch Führungskräfte, die sie anleiten und belohnen", sagt der Professor. Durch die Wirtschaftskrise und den steigenden Rationalisierungsdruck versuchten Führungskräfte allerdings immer öfter, den Leistungsdruck auf die Belegschaften zu erhöhen. Die Folgen liegen auf der Hand: "Die Leute wissen nicht mehr, wann genug ist", so der Professor. Deshalb sei es Aufgabe einer guten Führungskraft, Mitarbeiter, die Anzeichen von Überforderung zeigen, nach Hause zu schicken und ihnen eine Kur zu empfehlen. Auch Guido Tolksdorf, Professor für Personalmanagement an der Westsächsischen Hochschule Zwickau, glaubt nicht daran, dass überforderte Mitarbeiter ihre Probleme alleine lösen können. Er empfiehlt Betroffenen deshalb, das Gespräch mit Kollegen, Vorgesetzten und dem Betriebsrat.
Probleme genau analysieren
Nicht wenige Mitarbeiter fahren gerade in Zeiten steigender Anforderungen mit einem unguten Gefühl zu ihrer Arbeitsstelle. "In einem solchen Fall ist es wichtig, genau zu analysieren, wer oder was das Unbehagen auslöst", sagt Guido Tolksdorf. Die Ursachen können ganz unterschiedlich sein, doch erst wenn man wisse, worauf das schlechte Gefühl zurück zu führen ist, kann gezielt nach Veränderungen gesucht werden.
Wenn aber auch die Veränderungen nicht den gewünschten Erfolg bringen, dann empfiehlt Günter Voß einen radikalen Strategiewechsel. "Natürlich ist es ein großes Risiko, gerade in der Wirtschaftskrise den Arbeitsplatz zu wechseln, doch das Arbeitsleben besteht nicht nur aus dem Geldverdienen", sagt der Chemnitzer Professor. Er weiß wovon er spricht. In jungen Jahren wechselte er vom Berufssoldaten in das Studienfach Soziologie. "Jungen Leute empfehle ich deshalb, nicht darauf zu schielen, was auf dem Arbeitsmarkt gebraucht wird, sondern den Job zu ergreifen, der ihnen Spaß macht." Schließlich ist es eine Binsenweisheit, dass, wer Spaß an seiner Arbeit hat, auch produktiver ist.
Guido Tolksdorf: "Überforderte Mitarbeiter lösen ihre Probleme nicht allein."Foto: WHZ
Persönliche Beziehung pflegen
Was aber, wenn die Kollegen sich von der eigenen Begeisterung einfach nicht anstecken lassen und tröge ihrer Arbeit nachgehen? "Der angemessene Umgang mit oft schlecht gelaunten oder gar intriganten Personen hängt zu einem wesentlichen Teil von den persönlichen Beziehungen zueinander ab. Kann man die oder den Gegenüber über Reden oder eigenes Handeln beeinflussen und Verbesserung erreichen, oder ist es aussichtslos?", macht Guido Tolksdorf deutlich. Im ersten Fall sei eine klare Rückmeldung zu den Dingen, die stören und den erwünschten Erwartungen durchaus aussichtsreich. Im zweiten Fall könne dagegen eine Abgrenzung angemessen sein. "Diese sollte aber mit dem Angebot verbunden werden, auf positive Veränderung selbst auch wieder positiv zu reagieren", sagt der Zwickauer Personalmanagementprofessor.
Mobbingopfern helfen
Nach Erfahrung von Guido Tolksdorf werden Menschen am schnellsten dort zu Mobbingopfern, wo eine offene und faire Kommunikation unüblich ist und der Umgang mit sozialen Konflikten tabuisiert wird. Deshalb könne sich ein Opfer in der Regel nicht ohne Unterstützung und Verbesserungen im Umfeld angemessen schützen. Ähnlich sieht es auch Günter Voß: "Eine Führungskraft, die bei Mobbing nicht einschreitet, ist keinen Pfifferling wert." Ist die Führungskraft allerdings diejenige Person, die mobbt, dann helfen nach Einschätzung von Guido Tolksdorf nur noch kompetente Instanzen von außen, also Rechtsanwälte, Gewerkschaften oder auch Ärzte und Psychotherapeuten.