Lernen, lernen, nochmals lernen

Stetige Weiterentwicklung und Persönlichkeitsbildung sind wichtig, bedeuten zugleich enorme Leistungsfähigkeit und Anpassungsbereitschaft

Chemnitz. Nach eins, da kommt zwei. Wenn Ulrike E. mit ihrer Ausbildung fertig wird, sagt sie, möchte sie gleich noch eine Weiterqualifikation anhängen. Ulrike E. ist 34 Jahre alt, sie stammt aus Reutlingen und arbeitet derzeit als leitende Psychologin in einer Suchtklinik in Brandenburg. Nebenher macht sie eine Zusatzausbildung zur Psychotherapeutin. "Im Anschluss daran möchte ich eine weitere Ausbildung im therapeutischen Bereich beginnen", sagt sie. Bildung in der Wissensgesellschaft endet heute nicht mit der ersten Berufs- oder Hochschulausbildung. Lernen steht für lebenslanges Lernen - an die Idee des "lebenslangen Lernens" ist die Vision von stetiger Weiterentwicklung und Lebenselixier geknüpft. Kurzum: Biografien werden zur Bildungsaufgabe.

So waren im Jahr 2005/06 knapp 25 Millionen Erwachsene in Deutschland in Weiterbildungsmaßnahmen involviert, so das Ergebnis des nationalen Bildungsberichts 2008. Insgesamt ist der Anteil der Personen, die an Kursen oder anderen Veranstaltungen der beruflichen oder allgemeinen Weiterbildung teilgenommen haben, in den letzten Jahrzehnten erheblich angestiegen: von 29 Prozent im Jahr 1979 auf 43 Prozent im Jahre 2007, wenngleich die Quote zwischen 1997 und 2007 etwas rückläufig war. Darüber hinaus nahmen im Jahr 2005/06 rund 17 Millionen Menschen an Bildungsangeboten in Kindertageseinrichtungen, allgemeinbildenden und beruflichen Bildungsgängen oder Hochschulen teil.


Qualifikationen in Zahlen

Bildung durchdringt immer mehr unsere Lebensphasen und sämtliche Lebensbereiche. Der Psychologe Paul B. Baltes spricht vom "Zeitalter der permanenten Unfertigkeit des Menschen". Man lerne nicht nur durch Zusatzqualifikationen, das meint auch Ulrike E., selbst durch ständiges Informieren im Alltag, in der Freizeit. "Lernen ist das wichtigste Gut im Leben", sagt Ulrike E.. Bildung und Lernen bereichere die Persönlichkeit, sie stünde für eine permanente Auseinandersetzung. Was einerseits stetige Weiterentwicklung und Persönlichkeitsbildung bis ins hohe Alter bedeutet, hat andererseits enorme Leistungsfähigkeit und Anpassungsbereitschaft zur Folge.

Allgemein müssen ArbeitnehmerInnen heute mehr Aufgaben übernehmen als vor Jahren und Jahrzehnten. Der Industrie-Soziologe G. Günter Voß spricht von der Tendenz einer zunehmenden "Subjektivierung von Arbeit", durch die sich die Individuen heute mit ihren gesamten Wissensbeständen und Erfahrungen in die Arbeit einbringen müssen. Lernen fordert die Menschen darum nicht nur heraus, Lernen kann auch überfordern. Gerade der Anteil der psychischen Erkrankungen an den Gesamtkrankheitstagen ist durch zunehmende Arbeitsintensität, Hektik, Zeitund Termin- und Leistungsdruck enorm im Ansteigen begriffen, das ergab eine Studie des wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) aus dem Jahre 2005.

In der bildungspolitischen Diskussion der vergangenen Jahrzehnte - und besonders seit Mitte der 1990er Jahre - hat der Begriff des lebenslangen Lernens eine strategische und funktionale Zuspitzung erhalten. Einerseits sind die Menschen heute selbst im sogenannten "dritten Lebensalter", also im Alter von 60 bis 70 Jahren, mental fitter und lernfähiger als vor Jahrhunderten und Jahrzehnten. Auch ist ihr Gesundheitszustand dank des medizinischen Fortschritts subjektiv und objektiv besser als früher. Andererseits geht es beim lebenslangen Lernen um die "Optimierung von Lernprozessen im Hinblick auf deren Relevanz für ökonomisch verwertbare Arbeit", wie der österrreichische Bildungsforscher Erich Ribolits in Bezug auf die "Bereitschaft zum lebenslangen Lernen" anführt. Es haben also diejenigen auf dem Arbeitsmarkt die Nase vorn, die ihre grundsätzliche Austauschbarkeit akzeptiert haben und sich permanent um ihre weitere und "bessere Vermarktbarkeit" bemühen.


Wer profitiert, wer verliert?

Flexibilität, Kommunikationsfähigkeit und Mobilität sind heutige Parameter auf dem Arbeitsmarkt, das gilt bis ins hohe Alter, man lernt bis zum Sterbebett. Gerade älteren Arbeitnehmern werden jedoch oftmals Mängel in Form von Inflexibilität und fehlender Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Ideen zugeschrieben. Eine Verschlechterung der Intelligenzleistung wurde in vielen Studien aber erst bei Probanden in sehr hohem Alter dokumentiert. Auch zeigten zahlreiche Studien ein größeres beruflich Engagement älterer Arbeitnehmer, ein herabgesetztes Empfinden von Eigenbetroffenheit, eine erhöhte Toleranz bezogen auf alternative Handlungsstile, zugleich sind ältere Arbeitnehmer häufig beruflich zufriedener. Allgemein besitzen sie in vielen Bereichen ein spezifischeres Wissen als jüngere Vergleichsgruppen. Viele Unternehmen sind jedoch gerade um jüngere ArbeitnehmerInnen bemüht.

Bildung für alle? Gerade viele Senioren nutzen heute kaum Möglichkeiten der Weiterbildung. Bildung ohne Praxis reicht dann im Alter oftmals nicht aus, um individuelle Kompetenzen weiter zu entwickeln und sozial integriert zu sein. Und insbesondere ältere Menschen mit Migrationshintergrund oder aus sozial schwächeren Schichten gehen vergleichsweise kaum auf Bildungsangebote ein, das Bildungsverhalten und die Bildungsfähigkeit werden wiederum in jungen Jahren geprägt. Bildung fungiert so auch als Selektionsinstrument.

Das lebenslange Lernen ist heute gerade für die Gutgebildeten ein karrieristisches Konzept, viele Geringqualifizierte hingegen werden durch Bildungs- und Weiterqualifizierungsmaßnahmen verwaltet, um sie in Lohn und Brot zu bringen. In Wahrheit bereitet es einen Teil auf ein langfristiges Leben fern des ersten Arbeitsmarktes vor. Das ist für Ulrike E. kein Problem. Schon jetzt ist sie in einer Führungsposition, und bald möchte sie eine Praxis eröffnen. "Ich habe noch viel vor", sagt sie. Und "auslernen" wolle sie sowieso nie. Wichtig wäre, dass das Lernen Spaß macht und man "außerhalb von Konkurrenz" lernen kann.

 
erschienen am 03.04.2010 (Von Jens Thomas)
 
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