Anett Kreher,Konstrukteurin bei StarragHeckert.
Foto: Wolfgang Schmidt
"Warum eigentlich nicht?"
Zwei junge Frauen, die in technischen Berufen arbeiten, erzählen vom Alltag und ermutigen andere, es ihnen gleich zu tun
Chemnitz. Dass Anett Kreher einmal einen technischen Beruf ergreifen würde, war vorauszusehen. Ihr Vater besitz eine Metallbauwerkstatt, ihre beiden älteren Brüder sind Metallbaumeister. "Ich konnte mir nicht vorstellen, wie Leute ohne eine Werkstatt leben", erzählt sie. Als Kind sei es für sie vollkommen normal gewesen, sich der Werkzeuge dort zu bedienen. "Kokosnüsse habe ich immer aufgebohrt. Erst später musste ich lernen, dass nicht jeder eine Standbohrmaschine zu Hause hat", lacht sie. Allerdings dürfe man nicht denken, dass sie in ihrer Kindheit nur mit Legotechnik gespielt hätte: "Eine Barbie hatte ich auch."
Seit einem Jahr ist die 25-Jährige in der mechanischen Konstruktion beim Maschinenbauer "Starrag Heckert" in Chemnitz tätig. Dort konstruiert sie mithilfe eines 3-D Computerprogramms Sonderausführungen von bereits vorhandenen Maschinen, so dass sie den Wünschen der Kunden entsprechen. Gerade das Tüfteln gefällt ihr: "Es gibt eine Aufgabenstellung und ich muss Lösungen finden. Oft hilft mir da der Alltag. Ich sehe zum Beispiel, mit welchem Mechanismus ein LKW die Laderampe hochklappt oder wie der Kosmetikspiegel im Bad aufgehängt ist und schon habe ich Ideen für meine Arbeit."
Lehre und Studium in Einem
Nach der Schule begann sie eine kooperative Ingenieurausbildung, kurz "Kia" genannt. Das ist Lehre und Studium in Einem. Danach hat man neben dem Zeugnis der Fachhochschule auch einen Facharbeiterabschluss in der Tasche. Die ersten zweieinhalb Jahre pendelt man im 14-tägigen Wechsel zwischen der Hochschule und dem ausbildenden Unternehmen. Daran schließen sich weitere zweieinhalb Jahre Hochschulstudium an. Anett Kreher hat in Zittau Maschinenbau studiert und bei Starrag Heckert die Ausbildung zur Industriemechanikerin absolviert - ein Studium und eine Ausbildung also, die typische Männerdomänen sind. "Beim Maschinenbaustudium waren wir zwei Frauen von sechzig Studenten und auch bei der Lehre zur Industriemechanikerin lag der Frauenanteil bei vielleicht zwei Prozent", erinnert sie sich. Das Kia-Studium hat sie zusammen mit 14 Männern absolviert. Trotzdem hat sie nie etwas Negatives erfahren oder sich ausgegrenzt gefühlt. "Es kommt sicher auch darauf an, wie man auftritt. Wenn man selbstbewusst an sein Studium herangeht, dann gibt es kein Problem. Außerdem glaube ich, dass die Atmosphäre netter ist, wenn eine Frau dabei ist." Sie hatte auch einen Professor, der überzeugt davon war, dass Frauen die besseren Ingenieure sind, weil sie mehrere Ideen gleichzeitig haben und ein Problem von verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachten können. Männer hingegen würden eher nur eine Sichtweise erkennen. "Aber ich habe auch von Professoren gehört, die nicht so begeistert waren, wenn Frauen Maschinenbau studiert haben." So wie sie das sagt, klingt es wie eine unbedeutende Nebensächlichkeit: viel zu abwegig, um überhaupt ernst genommen zu werden.
Heute sieht sie in ihren männlichen Kollegen hauptsächlich deren langjährige Erfahrung. "Konstrukteur ist ein Beruf, der sehr viel von Erfahrung lebt. Da kann ich mit einem Jahr noch nicht ganz so viel vorweisen und bin oft auf die Kollegen angewiesen." Darum zählt für sie in den kommenden Jahren erst einmal nur eines: Erfahrung sammeln.
Actech-Mitarbeiterin Tina Kretschmar.Foto: Eckardt Mildner
Keine Leuchte in Physik
In für sie völlig neue Gefilde hat sich dagegen Tina Kretschmar mit einer Initiativbewerbung bei der Firma Actech in Freiberg begeben. Die 23-Jährige Europasekretärin suchte einen neuen Job, nachdem ihr nach einem Jahr Arbeit in Chemnitz aus betrieblichen Gründen gekündigt wurde. Sie fand das Unternehmen Actech, das Gussteile, unter anderem für die Automobilindustrie herstellt, spannend, informierte sich gut darüber und konnte so im Bewerbungsgespräch überzeugen. "Ich fand den technischen Hintergrund nicht abschreckend, auch wenn ich in der Schule in Mathe und Physik nicht so die Leuchte war."
Seit September des vergangenen Jahres ist sie nun Projektassistentin in der mechanischen Bearbeitung. Hier werden Teile, nachdem sie gegossen wurden, bearbeitet, zum Beispiel gedreht, gefräst, oder gebohrt. Sie spricht fließend Englisch, Russisch auf fortgeschrittenem Niveau und ein wenig Spanisch. Im Alltag braucht sie meistens Englisch. Wenn Firmen Teile anliefern, liegen denen eine Art Gebrauchsanleitung bei. Die übersetzt sie dann ins Deutsche. Oder wenn ein Besuch eines fremdsprachigen Kunden stattgefunden hat, übersetzt sie das Protokoll, in dem steht, welche Vereinbarungen getroffen wurden. "Dafür musste ich erst einmal eine ganze Reihe neuer Vokabeln lernen, im Englischen, aber auch im Deutschen", sagt sie mit einem Lachen. Manchmal muss sie sogar Werkzeuge zeichnen oder Maße in Zeichnungen eintragen. Die Produktionsverfahren kann sie nun einwandfrei erklären und kennt die einzelnen Teile, die hergestellt werden. Wenn sie von der Arbeit erzählt, spürt man ihre Begeisterung für die Technik. "Ich finde es Klasse, wenn ich in die Fertigung gehe und dort brummen die ganzen Drehmaschinen und Fräsmaschinen."
Der Frauenanteil im Unternehmen ist recht hoch, sagt Kretschmar, nicht nur in den typischen Bereichen wie der Buchhaltung. "Auch in der Fertigung arbeiten Frauen. Das sieht toll aus, wenn die im Blaumann mit Mundschutz und Brille dastehen." Das könnte sie sich sogar irgendwann einmal für sich selbst vorstellen.
Ihre Kündigung in Chemnitz hat sich schließlich als glückliche Fügung herausgestellt. Jungen Frauen, die überlegen, welchen Beruf sie ergreifen sollen, rät sie: "Die Entscheidung zwischen Büro oder Technik gibt es nicht mehr. Einfach bewerben, wenn es grob passt und immer bereit sein, sich in Neues einzuarbeiten. Statt zu zweifeln sollte man sich fragen "warum eigentlich nicht?"