Die Experten; oben: Sven Seifert, Prof. Katrin Engelmann und Dr. Mirko Esche; unten: Dr. Gitta Gericke und Prof. Torsten SiepmannFoto: Ronny Rozum
Auch bei Zuckerkrankheit ist Süßes erlaubt
TELEFONFORUM: Expertenrat zu gefürchteten Diabetes-Folgeerkrankungen - Betroffene Patienten haben Anspruch auf spezielle Schulungen
Chemnitz. Beim Diabetes gibt es immer noch viel Halbwissen und Irrtümer. Manches hält sich hartnäckig über Jahre. Daher war der fachliche Rat beim Telefonforum am vergangenen Freitag sehr gefragt. Nachfolgend einige Fragen und Antworten im Überblick. An den Telefonen saßen folgende Ärzte des Klinikums Chemnitz: Prof. Torsten Siepmann, Chefarzt der Nephrologie; Prof. Katrin Engelmann, Chefärztin der Augenklinik, und Dr. Sven Seifert, Chefarzt der Gefäßchirurgie. Dr. Mirko Esche von der Gefäßchirurgie beantwortete die Fragen im Chat. Außerdem am Telefon: Dr. Gitta Gericke, Leiterin einer Diabetes-Schwerpunktpraxis in Chemnitz.
Ich bin übergewichtig und seit kurzem an Diabetes Typ 2 erkrankt. Mir wurde empfohlen, mich diabetesgerecht zu ernähren. Was heißt das eigentlich?
Als Diabetiker brauchen Sie keine spezielle Kost, müssen auch nicht generell auf Süßes verzichten. Günstig ist eine energiereduzierte Mischkost, um Gewicht abzubauen. Sie sollten versuchen, Fett einzusparen, indem Sie magere Wurstsorten, wie Schinken und fettarme Käsesorten, zum Beispiel körnigen Frischkäse bevorzugen. Außerdem ist es wichtig, dass Sie auch bei der Zubereitung sparsam mit Fett umgehen. Vollkornprodukte und reichlich Gemüse helfen zusätzlich dem Gewicht "zu Leibe zu rücken". Auch Obst sollte täglich auf dem Speiseplan stehen, wobei zwei handgroße Portionen pro Tag genügen. Aber bewusste Ernährung allein reicht oft nicht aus, um Gewicht abzubauen, versuchen Sie deshalb Ihren Alltag so aktiv wie möglich zu gestalten und bewegen Sie sich täglich mindestens eine halbe Stunde.
Ab wann muss ich Diabetes-Tabletten einnehmen?
In der Anfangsphase des Typ 2- Diabetes ist es nach Teilnahme an einem Schulungskurs manchmal möglich durch Optimierung der so genannten Basismaßnahmen (Ernährungs- und Bewegungstherapie, Lebensstilumstellung) die angestrebten Ziele der Behandlung zu erreichen. Wenn der HbA1c -Wert 6,5 Prozent übersteigt, wird meist die Behandlung mit Tabletten begonnen. Da die Entscheidung, welche Therapie zu welchem Zeitpunkt erfolgt, ist noch von weiteren Faktoren abhängig. Sie sollten sich mit Ihrem Hausarzt dazu verständigen.
Wo kann ich eine Diabetes-Schulung absolvieren?
Strukturierte Schulungen werden in Diabetologischen Schwerpunktpraxen durchgeführt. Ihr Hausarzt wird kann Sie an eine entsprechenden Praxis überweisen.
Wo erfährt man, wo es Selbsthilfegruppen für Diabetiker gibt?
Der Deutsche Diabetiker-Bund, Landesverband Sachsen hat auch in Chemnitz einen regionalen Gebietsverband oder über die Kontaktstelle für Selbsthilfe KISS (Kontaktadressen am Schluss).
Wie macht sich eine Nierenerkrankung bei Diabetes bemerkbar?
Im Anfangsstadium spürt man von der Nierenerkrankung meist nichts. Lediglich durch eine Urinuntersuchung (Ausscheidung von Eiweiß) lässt sich eine Schädigung der Nieren nachweisen. Im späteren Verlauf kommen dann Bluthochdruck und zum Beispiel dicke Füße (Ödeme) hinzu. Durch Blutdruckmessung, Urin-, Blut- sowie Ultraschalluntersuchung lassen sich Nierenerkrankungen meist zuverlässig feststellen.
Mir schmerzen und kribbeln die Beine und Füße oft fürchterlich. Mein Arzt sagt, das käme vom Diabtes und nenne sich Polyneuropathie. Was kann ich dagegen tun?
Nur durch eine gute Blutzuckereinstellung kann der Polyneuropathie vorgebeugt werden. Zur Symptomlinderung werden unterschiedlichste Substanzen aus verschiedenen Wirkstoffgruppen angewandt. Bei sehr starken Beschwerden empfiehlt sich eine Vorstellung in einer spezialisierten Schmerzambulanz.
Kann ich am grauen Star operiert werden, wenn eine diabetische Netzhautschädigung (Retinopathie) vorliegt, die aber nach Angaben des Augenarztes derzeit ruhig ist und keine Behandlung erfordert?
Die Katarakt-Operation kann durchgeführt werden, wenn keine behandlungsbedürftigen Veränderungen am Augenhintergrund zu finden sind. Hierzu spiegelt der Augenarzt den Augenhintergrund vor der Entscheidung zur Operation. Danach sollte der Augenhintergrund ebenfalls etwas häufiger als gewöhnlich vom Augenarzt angeschaut werden.
Wie häufig muss ein Augenarzt den Augenhintergrund anschauen? Bei mir wurden bisher keine diabetischen Veränderungen gefunden.
Es gibt Richtlinien, nach denen die Diabetologen, Hausärzte und auch Augenärzte zusammenarbeiten. In diesen ist auch die Häufigkeit von augenärztlichen Kontrollen festgelegt. Ohne krankhafte Veränderungen am Augenhintergrund reicht einmal jährlich. Ansonsten kann der Augenarzt individuell über die Häufigkeit entscheiden.
Eine Verletzung an meiner großen Zehe heilt nicht ab. Was kann ich tun?
Eine nicht heilende Verletzung am Fuß ist bei einem Diabetiker ein sehr ernstes Problem. Durch kleinste Verletzungen eindringende Infektionen können sehr rasch zu einer schweren Erkrankung und auch zum Verlust des Beines führen. Unbedingt sollte eine Durchblutungsstörung ausgeschlossen bzw. behandelt werden. Bis zur Abheilung muss eine vollständige Entlastung des Fußes erfolgen. Eine Behandlung in einer spezialisierten Praxis oder Klinik ist unbedingt angeraten.
Ich habe seit einigen Jahren Diabetes und immer wieder offene Stellen an meinen Füßen. Was kann ich dagegen tun?
Unbedingt müssen Sie Ihrem Hausarzt dies mitteilen. Hauptursache sind falsches Schuhwerk und Durchblutungsstörungen, die mit einem Diabetes einhergehen könne. Ihr Hausarzt muss entscheiden, ob eine Behandlung in einer diabetologischen Schwerpunktpraxis erforderlich ist. Eine regelmäßige Betreuung durch einen Fußpfleger (Podologen) ist bei Diabetikern immer angeraten.
Ich bin seit Jahren Diabetiker und habe nun zunehmend Mißempfindungen im Fuß - mal Schmerzen mal Kribbeln, mal laufe ich wie auf Watte. Kann ich etwas gegen das Fortschreiten dieser Symptome tun?
Es liegt bei Ihnen wahrscheinlich eine Diabetische Polyneuropathie vor. Diese erfordert eine spezielle Betreuung um eine Fortschreiten zu verlangsamen und die häufig störenden Symptome zu lindern. Eine Behandlung in einer Spezialambulanz ist angeraten.
Bei mir ist eine Augenuntersuchung in Mydriasis (Weitstellung der Pupille) vorgesehen und diese Untersuchung wird nicht von der Krankenkasse übernommen. Welche Aussagefähigkeit hat diese Untersuchung? Bei mir bestehen ein Bluthochdruck und ein Diabetes mellitus.
Augenärzte können anhand einer speziellen Untersuchung des Augenhintergrundes sowie der Gefäße, die sich am Augenhintergrund fotografisch darstellen lassen, erkennen, inwieweit ein Bluthochdruck diese Gefäße schädigt. Eine Risikoabschätzung des Schadens ist möglich und damit auch eine Risikoabschätzung hinsichtlich möglicher Folgen wie das Risiko für einen Schlaganfall.
Meine Lidränder sind oft entzündet. Besteht ein Zusammenhang zum Diabetes mellitus?
Bei Diabetikern kann es gehäuft zu so genannten Gerstenkörnern am Lidrand kommen. Ursache ist die Verstopfung von Drüsen-Ausgängen. Eine Lidrandhygiene, die täglich durchgeführt werden sollte, kann helfen sowie eine antibiotische Salbentherapie. Ihr Augenarzt informiert darüber.
Ist die Behandlung mit so genannten VEGF-Hemmern (Avastin) bei Wasseransammlung in der Netzhautmitte (Makulaödem) die richtige Behandlung?
Die Behandlung des so genannten Makulaödems erfolgt mit einer schonenden Laserbehandlung. Sie ist Standard seit vielen Jahren. Den meisten Patienten kann hiermit geholfen werden. Ist die Wasseransammlung zu zentral gelegen, sodass keine Lasertherapie möglich ist, dann können VEGF-Hemmer zum Einsatz kommen. Zurzeit zahlen die Krankenkassen für diese Behandlung noch nicht. Klinische Zulassungsstudien für Macugen und Lucentis laufen. Die Alternative bis zur Zulassung dieser Medikamente ist die Verwendung von Avastin (Selbstzahlerleistung). Es muss jedoch berücksichtigt werden, dass mit diesem Medikament eine einmalige Behandlung häufig nicht ausreicht, sondern es sich um eine längerfristige Behandlung handelt.
Was sind das denn für Folgeerkrankungen, die beim Diabetes auftreten können?
Die wichtigsten Folgeerkrankungen der Zuckerkrankheit sind die diabetespezifischen Veränderungen an Augen, Nieren und Nerven und die vorzeitige Gefäßverkalkung, besonders am Herzen, im Gehirn und den Beinen. Durch frühzeitige richtige Behandlung ist es aber möglich, den Folgeerkrankungen vorzubeugen. Im Rahmen ihres Schulungskurses werden Sie umfassend über diese Problematik informiert.
Ich bin Typ 1 Diabetikerin und möchte gern ein Kind haben. Was ist in der Schwangerschaft zu beachten?
Das Zusammentreffen von Diabetes und Schwangerschaft stellt eine Hochrisikosituation für Mutter und Kind dar. Mütterliches und kindliches Risiko werden wesentlich durch den Blutzuckerspiegel beeinflusst. Bereits nach Feststellung eines Diabetes mellitus sollte umgehend eine Aufklärung von Diabetikerinnen über Besonderheiten und Risiken bei Schwangerschaft sowie Vorteile einer geplanten Schwangerschaft erfolgen. Zuvor ist eine normnahe Stoffwechseleinstellung (HbA1c mindestens drei Monate unter sieben Prozent oder besser, falls ohne häufige Unterzuckerungen unter 6,5 Prozent) anzustreben. Sprechen Sie zu diesem komplexen Thema auch nochmal intensiv mit ihrem Diabetologen.
Was kann ich tun, damit die Nierenerkrankung nicht so schnell fortschreitet?
Das wichtigste sind eine gute Blutdruck- (um 130/80 mmHg) und Blutzuckereinstellung. Der Langzeitzuckerwert (HbA1c) sollte zwischen 6,5 und 7 Prozent betragen. Unterzuckerungen müssen jedoch, besonders bei älteren Patienten, vermieden werden. Es wird empfohlen, dass Patienten mit Nierenerkrankungen nur Arzneimittel nach Rücksprache mit ihrem behandelnden Arzt einnehmen. Dies gilt besonders für Schmerztabletten.
Kann ich eine Kontrastmitteluntersuchung bei leicht erhöhtem Nierenwert bekommen?
Dies muss individuell entschieden werden. Generell gilt: Bei Diabetikern ist die Gefahr einer Schädigung der Nieren durch jodhaltiges Kontrastmittel erhöht. Bitte besprechen Sie mit Ihrem Arzt die Dringlichkeit der Untersuchung und das individuelle Risiko. (SW)
Weitere Informationen
Deutscher Diabetiker Bund Sachsen, Striesener Straße 39, 01307 Dresden, Telefon: 0351 4526652,
www.imib.med.tu-dresden.de/ddb_sachsen/index.htm
KISS Chemnitz, Rembrandtstraße 13 a/b, Telefon: 0371 6004870,
www.kiss.stadtmission-chemnitz.de
KISS Zwickau, Scheffelstraße 42, 08066 Zwickau Telefon: 0375 4400965,
www.selbsthilfe-zwickau.de
Chatprotokoll:
www.freiepresse.de/chat_diabetes