Die Experten: Dr. Uta Fleischer und Dr. Axel Müller (oben); Dr. Ursula Walter und Dr. Klaus Kleinertz (unten).Foto: Ronny Rozum
Herz unter Druck
Bluthochdruck - Telefonforum zur Volkskrankheit Nummer 1
Bluthochdruck ist die Volkskrankheit Nummer 1. Erhebungen von Krankenkassen belegen, dass 25,7 Prozent der Bundesbürger betroffen sind. In der Altersgruppe über 55 Jahre ist es fast jeder Zweite. Die Folgen können schwer sein.
Wie hoch sollte der Blutdruck bei einem Erwachsenen sein? Stimmt das noch, dass man das Alter plus 100 für den oberen Wert nimmt?
Nein, auf keinen Fall. Denn dann wäre ab 35 Ihr Blutdruck bereits zu hoch. 130/90 ist der Normalwert. Menschen mit Nierenschäden sollten wegen ihres höheren Risikos sogar einen Wert unter 130/80 anstreben. Gemessen wird der Wert in Millimeter Quecksilbersäule - mm/Hg. Allerdings ist der Normalwert auch eine individuelle Sache. Er ist zum Beispiel abhängig von weiteren Begleiterkrankungen, den persönlichen Beschwerden und eingenommenen Medikamenten. So kann für den einen ein oberer Wert von 150noch normal, für den anderen aber bereits behandlungsbedürftig hoch sein. Eine genaue Untersuchung und Beurteilung durch den Arzt ist deshalb wichtig.
Warum ist hoher Blutdruck eigentlich so gefährlich? Die Werte-Definition ist doch bestimmt nur eine Erfindung der Pharma-Industrie?
Nein, sicher nicht. Wissenschaftliche Untersuchungen haben zweifelsfrei nachgewiesen, dass der hohe Dauerdruck, der auf das Herz einwirkt, zur Verdickung der Gefäßwände und damit zu einer Herzschwäche führt. Darüber hinaus bewirkt hoher Blutdruck eine Gefäßverkalkung. Damit steigt das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall, Hirnblutung und Nierenschäden. Schäden an den Nieren sind besonders tückisch, weil sie einen gefährlichen Kreislauf in Gang setzen. Einerseits begünstigen sie ein Nierenversagen, andererseits werden von kranken Nieren Hormone in den Blutkreislauf ausgeschüttet, die den Blutdruck weiter steigen lassen.
Beim Arzt sind meine Werte immer höher als zu Hause. Wäre für mich vielleicht eine 24-Stunden-Messung besser?
Mit Sicherheit. Für eine optimale Medikamenteneinstellung ist eine einmalige Messung in der Praxis sicher nicht ausreichend. Neben der 24-Stunden-Messung sollte auch ein Belastungstest auf dem Ergometer erfolgen, um Ihre Blutdruckwerte bei körperlicher Anstrengung beurteilen zu können.
In meiner Familie haben viele einen hohen Blutdruck. Ich kontrolliere nun auch mehrmals am Tag, ob ich normale Werte habe. Wie muss ich mich verhalten, wenn der Wert plötzlich einmal hoch ist? Ist das ein Notfall?
Der Blutdruck unterliegt tagsüber Schwankungen, das ist abhängig von der Belastung, nervlicher Anspannung und weiteren Faktoren. Ein einmaliger "Ausreißer" ist sicher kein Notfall. Zumindest dann nicht, wenn kein Herzschmerz, Luftnot, Nasenbluten, Kopfschmerzen, Schwindel oder Schwäche dazukommen. Ratsam ist es, die Uhrzeit und die Umstände, die möglicherweise zu dieser Erhöhung geführt haben, zu notieren und beim nächsten Termin mit Ihrem Hausarzt zu besprechen. Permanentes Blutdruckmessen an jedem Tag ist nicht zu empfehlen. Seien Sie aktiv und freuen sich an den vielen schönen Dingen, die das Leben bereithält. Sich ständig auf Blutdruckwerte und andere gesundheitliche Parameter zu fixieren, ist unnötig.
Muss man zur Blutdrucksenkung wirklich immer Medikamente nehmen?
Das ist abhängig von der Höhe der Werte und auch von den Begleiterkrankungen. Die Änderung des Lebensstils hat immer Vorrang und ist auch nötig, wenn man Medikamente einnehmen muss. Zum gesunden Lebensstil gehört bei Übergewichtigen unbedingt das Abnehmen. Eine fachkundige Ernährungsberatung und ein moderates Sportprogramm sind hier zu empfehlen. Jedes Kilogramm weniger auf der Waage kann den Blutdruckwert senken. Ein Verzichts aufs Rauchen ist wichtig, um einer Gefäßverengung entgegenzuwirken. Kaffee und Alkohol sind nicht tabu, sollten aber maßvoll genossen werden. Denn gerade Alkohol hat bekanntlich eine nicht zu unterschätzende Kalorienzahl.
Trotz vieler Medikamente geht mein Bluthochdruck einfach nicht runter. Ich habe gehört, dass eine Verödung der Nierenarterie Abhilfe bringen kann. Was ist davon zu halten?
Zunächst sollte nochmals genau nach der Ursache Ihres Bluthochdrucks geforscht werden. Denn es gibt viele Erkrankungen, die einen Bluthochdruck zur Folge haben. Mediziner sprechen dann vom sekundären Bluthochdruck. Dazu gehören Krankheiten der Nieren, der Blutgefäße oder hormonelle Schwankungen, zum Beispiel bei Schilddrüsenerkrankungen. Die Behandlung der Grundkrankheit kann dann auch den Blutdruck normalisieren. Ist dies alles nicht erfolgreich, können wir nach vergeblichen Behandlungen mit mehr als drei verschiedenen Medikamenten, heute eine minimal-invasive kathetergeführte Behandlungsmethode einsetzen: Die Ablation (Verödung) von Nervenfasern, die in der Wand der Nierenarterien verlaufen und wesentlich an der gestörten Blutdruckregulierung beteiligt sind. Dabei wird - wie bei einer Herzkatheteruntersuchung - von der Leistenarterie in lokaler Betäubung ein kleiner Elektrodenkatheter in die Nierenarterien vorgeschoben. Der Eingriff erfolgt im Herzkatheterlabor und kann sogar in manchen Fällen ambulant durchgeführt werden. Da es mit diesem Verfahren noch keine Langzeiterfahrungen gibt, wird immer zuerst mit Medikamenten eine Normalisierung der Werte versucht.
Darf ich mit Bluthochdruck Sport treiben? Ich habe Angst, durch die Anstrengung einen Herzinfarkt zu bekommen.
Sport und Bewegung ist für Bluthochdruckkranke sehr wichtig. Es sollte aber ein moderater Ausdauersport sein. Beim Krafttraining ist Vorsicht geboten, denn wenn es nicht fachlich korrekt durchgeführt wird, können durch das Pressen beim Gewichte stemmen die Blutdruckwerte steigen. Zu Ihrer Sicherheit sollten Sie einen ärztlich kontrollierten Belastungstest durchführen. Möchten Sie gerne ein Krafttraining durchführen, empfehlen wir Ihnen ein Fitnessstudio, wo - zumindest zeitlich begrenzt - eine ärztliche Anleitung geboten wird.
Ist Salz nun schädlich für den Blutdruck oder nicht? Man hört da immer wieder andere Botschaften.
Das ist wahr, denn die Datenlage ist nicht einheitlich. Die medizinischen Fachgesellschaften empfehlen eine Reduzierung des Salzverbrauches, insbesondere der Verzicht auf Fertiggerichte, stark gesalzene Wurstsorten und salziges Knabbergebäck. Das Essen muss deshalb nicht geschmacklos sein. Geschmackliche Erlebnisse erzielt man auch durch Kräuter. Experimentieren Sie ruhig, das macht sicher auch Spaß.
Ich bin kein Freund von chemischen Medikamenten, habe aber hohen Blutdruck. Kann ich auch mit natürlichen Mitteln etwas erreichen?
Aber ja. Grenzwertige Erhöhungen sind sehr gut homöopathisch zu behandeln. Weißdorn, Mistel und Ginkgo leisten ebenfalls gute Dienste. Da Bluthochdruck aber oft auch seelische Ursachen hat, sollten Sie hier vielleicht noch einmal genauer schauen. So führen zum Beispiel Ängste zum Blutdruckanstieg. Besonders deutlich sieht man das beim sogenannten Weißkittel-Bluthochdruck. Die Anspannung und Angst vor einer vielleicht unangenehmen Diagnose, treiben den Blutdruck hoch. Auch Mobbing, Stress und zu große Sorge um andere Menschen können dafür verantwortlich sein. Zudem gibt es im Körper und in der Umgebung viele Störfaktoren, die unter anderem mit Neuraltherapie behandelbar sind. Kranke Zähne können solche Störfelder sein oder ein ungünstiger Energiefluss im Schlafzimmer. Denn ein unruhiger oder gestörter Schlaf ist oft eine Ursache für Bluthochdruck.
Weitere Informationen
Protokoll des Livechats unter www.freiepresse.de/chat_bluthochdruck
Am Herz-Kreislauf-Telefon stehen Experten der Deutschen Hochdruckliga Anrufern Rede und Antwort zu Fragen des Bluthochdrucks: Telefon 06221 588555, Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr. www.hochdruckliga.de