Die Experten: Oben: Dr. Margret Wolfram und Dr. Claudia HoffmannUnten: Kerstin Händel und Dr. Dorothea HändelFoto: Uwe Mann
Wenn der Schmerz auf Dauer bleibt
Telefonforum zum Thema Schmerz
Chemnitz. Fast jeder sechste Deutsche leidet an chronischen Schmerzen, einer Krankheit, die noch zu wenig ernst genommen wird. Viele Menschen sind verunsichert, wenn sie unter einem Schmerz leiden, der nicht wieder abklingt und selbst Ärzte kaum helfen können. Wie viele Betroffene es gibt, zeigte die große Resonanz auf das Telefonforum mit Livechat am Mittwoch. Die Leser nutzten die Gelegenheit, mit Experten der Initiative "Wege aus dem Schmerz" zu sprechen. Nachfolgend die wichtigsten Fragen und Antworten.
Ich habe eine Gürtelrose. Warum ist das mit so starken Schmerzen verbunden?
Gürtelrose ist eine Viruserkrankung, die mit den Windpocken "verwandt" ist. Sie tritt durch einen schmerzhaften, streifenförmigen Hautausschlag mit flüssigkeitsgefüllten Blasen auf einer Körperseite in Erscheinung. Die Erkrankung heilt in der Regel nach einigen Wochen ab. Bei etwa jedem zehnten Patienten bleiben jedoch dauerhafte Nervenschäden zurück, die sich zu einer sogenannten Post-Zoster-Neuralgie entwickeln können. Da der Nerv geschädigt wird, treten hierbei so starke Schmerzen auf.
Wie wird eine Neuralgie nach einer Gürtelrose behandelt?
Die Erkrankung kann bisher nicht geheilt werden, da sich die Nervenschädigung nicht rückgängig machen lässt. Frühzeitige Behandlung mit lokalen Schmerzmitteln in die geschädigte Nervenwurzel oder die Hautnerven unterbrechen die Schmerzweiterleitung. Damit vermeidet man, dass der Schmerz chronisch wird. Zusätzlich werden Mittel gegen Depressionen und gegen Krampfanfälle in niedriger Dosierung eingesetzt, um die Schmerzweiterleitung zum Gehirn zu hemmen. Manchen hilft die elektrische Nervenstimulation der Hautnerven (TENS). Eine Psychotherapie kann Patienten den Umgang mit ihren Schmerzen erleichtern. Wie bei allen Patienten mit chronischen Schmerzen ist es stets das Ziel, dass jeder Patient eine passgenaue Therapie erhält.
Ab wann bezeichnet man Schmerzen als chronisch?
Wenn die Beschwerden seit mindestens drei bis sechs Monaten bestehen oder über diesen Zeitraum regelmäßig wiederkehren. Dabei entwickelt sich ein sogenanntes Schmerzgedächtnis. Das bedeutet, dass durch die ständigen Schmerzreize die Nervenzellen überempfindlich werden und nicht mehr abschalten können. Chronische Schmerzen sind ein eigenständiges Krankheitsbild. Die Patienten sind meist körperlich, psychisch und sozial beeinträchtigt.
Wie können Chronische Schmerzen behandelt werden?
Chronische Schmerzen sind individuell ausgeprägt, werden jeweils unterschiedlich wahrgenommen und können deshalb nicht einheitlich behandelt werden. Sie sind eine komplexe Erkrankung. Aus diesen Gründen wendet man eine sogenannte multimodale Therapie an. Ein Schmerztherapeut wählt entsprechend der Patientenbedürfnisse Elemente aus den Bereichen medizinische, medikamentöse, Physio- oder auch Psychotherapie aus.
Warum brauche ich eine Psychotherapie - ich bin doch nicht verrückt, sondern habe Schmerzen?
Psychosoziale Faktoren sollten Sie nicht unterschätzen. Sie spielen bei der Entstehung und vor allem bei der Chronifizierung von Schmerzen eine große Rolle. Das Therapiespektrum, das Psychologen einsetzen, ist deshalb genauso wichtig wie die übrigen Bausteine der Therapie. Entspannungsmethoden dienen zum Beispiel der Schmerz- und Stressbewältigung. Bei der Verhaltenstherapie erlangen Sie als Patient ein besseres Verständnis Ihres Krankheitsbildes und können angestaute Angst vor schmerzhaften körperlichen und sozialen Aktivitäten abbauen. Dabei lernen Sie Ihren Alltag wieder aktiv selbst in die Hand zu nehmen.
Kann ich verlangen, dass mein Arzt mich an einen Schmerztherapeuten überweist?
Sie haben ein Recht auf Schmerztherapie. Sie können die Frage nach einem Schmerztherapeuten direkt äußern und die Situation erklären. Sollte Ihr Arzt Ihrem Wunsch nicht nachkommen, bestehen Sie auf einer Überweisung.
Ich nehme sehr starke Schmerzmedikamente ein, kann ich davon abhängig werden?
Viele Patienten fürchten eine psychische Abhängigkeit oder Sucht bei modernen Arzneimitteln mit Langzeitwirkung. Langjährige Erfahrungen zeigen aber, dass diese Angst unbegründet ist. In Form von Pflastern oder Tabletten werden die Wirkstoffe langsam freigesetzt. Wichtig ist jedoch, dass Sie sich bei der Dosierung und dem Einnahmezeitraum immer entsprechend an die Empfehlung Ihres Arztes halten. Medikamente sind oft Grundlage dafür, dass andere Therapievarianten (Bewegung) durchgeführt werden können. Denn Schmerzfreiheit und -linderung sind die Voraussetzung für Bewegung oder Gespräche.
Warum gibt es denn so viele unterschiedliche Medikamente? Welche sind am effektivsten?
Die Palette der möglichen Medikamente ist umfangreich. Aufgrund ihrer Wirkstoffe wirken sie in einigen Fällen vornehmlich am Ort der Schmerzentstehung. Schwache oder starke sogenannte Opioide hingegen setzen im Zentralnervensystem an und können dort das Schmerzempfinden herabsetzen bzw. ausschalten. In der Schmerztherapie kommen aber auch Medikamente wie Antiepileptika und Antidepressiva zum Einsatz, die auf den ersten Blick nichts mit Schmerzen zu tun haben. Antiepileptika können die Übererregung der Nerven dämpfen. Weil Chronischer Schmerz sehr komplex ist, kommt in der Schmerzbehandlung häufig eine Kombination mehrerer Präparate zum Einsatz.
Ich leide an starken Rückenschmerzen. Mein Arzt hat mir deshalb ein Opioid verschrieben. Seitdem ist mir oft übel und ich leide unter Verstopfungen. Soll ich das Medikament lieber wieder absetzen?
Leider sind Übelkeit, Schwindel, Benommenheit und Verstopfung häufig auftretende Nebenwirkungen von Opioiden, die aber im Verlauf der Therapie wieder verschwinden. Sie müssen jedoch in der Anfangsphase der Einnahme von Opioiden auch nicht unbehandelt bleiben. Besprechen Sie diese Probleme direkt mit Ihrem behandelnden Arzt, verändern Sie nicht selbst die Dosierung oder setzen das Medikament gar ab. Sollten trotz aller Bemühungen Ihre Beschwerden nicht nachlassen, sprechen Sie mit Ihrem Arzt über einen möglichen Medikamentenwechsel.
Ist es egal, welches Medikament ich verschrieben bekomme, solange derselbe Wirkstoff enthalten ist?
Nein, denn trotz des gleichen Wirkstoffs kann ein Medikament eine andere Zusammensetzung aufweisen. Außerdem wirken ähnliche Medikamente häufig unterschiedlich und müssen oft anders eingenommen werden. Mehr Schmerzen oder mehr unerwünschte Nebenwirkungen können auftreten. Durch die neuen gesundheitspolitischen Reformgesetze sind sogenannte Austauschmedikamente Realität geworden. Sprechen Sie Ihren Arzt unbedingt auf die Umstellung an, wenn die neuen Medikamente eine Verschlechterung Ihres Zustands nach sich ziehen.
Meine Familie und Freunde zeigen wenig Verständnis für meine Erkrankung. Wie kann ich damit umgehen?
Familie und Freunde spielen eine wichtige Rolle im Bezug auf Ihre Verfassung. Wichtig ist es, dass Sie ernst genommen und Ihre Schmerzen als eine eigenständige Krankheit wahrgenommen werden. Der Austausch mit Familienmitgliedern oder Freunden kann auch den psychischen Druck mindern. Finden Sie gemeinsam Wege, um am sozialen und beruflichen Alltag weiter teilnehmen zu können. Oft birgt sonst der Schmerz die Gefahr einer sozialen Isolierung. Unterstützung bieten außerdem Selbsthilfegruppen. Hier können Sie sich als Patient mit anderen Betroffenen austauschen und persönliche Erfahrungen teilen.
Ich fühle mich von meinem Arzt nicht ernst genommen. Ich komme mir vor wie ein Hypochonder. Was kann ich tun?
Bereiten Sie sich auf den Arztbesuch vor. Mithilfe von Tagebüchern können Sie als Patient ihre Schmerzen dokumentieren. Eine Skala unterstützt Sie dabei, die jeweilige Intensität zu beschreiben. Notieren Sie sich vorab begleitende Symptome, Ihre Krankheitsgeschichte sowie Situationen, in denen die Schmerzen auftreten. Tauschen Sie sich auch mit anderen Betroffenen aus und erklären Sie Ihrem Umfeld die besondere Situation Ihres Schmerzleidens.
Tipps und Tricks
Weitere Informationen finden Sie unter:
• Machen Sie sich auf die Suche nach einer Bewegungsart, die Ihnen Freude bereitet. Lassen Sie sich nicht von Ihrem Schmerz kontrollieren.
• Setzen Sie sich realistische Ziele. Überfordern Sie sich nicht.
• Hören Sie auf sich selbst. Sagen Sie auch mal Nein, wenn bestimmte Wünsche und Forderungen zu weit gehen.
• Schmerzzentren, -therapeuten und Selbsthilfegruppen finden Sie auch unter:
►www.schmerzliga.de (DSL)
►www.dgschmerztherapie.de (DGS)
►www.dgss.org (DGSS)
Auf der Webseite der Initiative "Wege aus dem Schmerz" (www.wegeausdemschmerz.de) erhalten Sie weiterführende Informationen zum Thema. Außerdem gelangen Sie von hier aus auf nützliche Seiten der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie (DGS), der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes (DGSS) und der Deutschen Schmerzliga (DSL).
Natürliche Heilmethoden
Experten für natürliche Gesundheit geben Tipps, mit welchen Mitteln man Beschwerden lindert und welche vorbeugenden Maßnahmen sinnvoll sind.
Augen zu und durch ... ist im Falle von Schmerz nicht die richtige Lösung. Unnötig Schmerzen auszuhalten, stresst den Organismus, mindert die Leistungsfähigkeit und verdirbt den Betroffenen maßgeblich den Alltag. Tabletten sollten eigenmächtig maximal drei Tage in Folge und höchstens an zehn Tagen im Monat eingenommen werden. Wenn keine Besserung eintritt, sollte man einen Arzt aufsuchen.
Pflanzliches Aspirin: Natürliche Hilfe bei Schmerzen verspricht die Weidenrinde. Ihren Hauptwirkstoff Salicin findet man unter anderem in synthetischer Form in Aspirin. Als Tee getrunken kann getrocknete Weidenrinde ein verträglicher und vor allem natürlicher Ersatz für die Tablette sein. Langfristig angewandt kann auch Pestwurz wegen seiner krampflösenden und schmerzstillenden Wirkung zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden. Doch Achtung: Im Rohzustand kann Pestwurz leberschädigend wirken.
Trinken, trinken, trinken: Oftmals entstehen Kopfschmerzen durch Flüssigkeitsmangel. Wer zu Kopfschmerzen neigt, sollte darauf achten, etwa zwei bis drei Liter Wasser, Tee oder Saftschorle zu trinken. Übrigens: Manchmal wirkt auch ein Espresso Wunder. Koffeinentzug kann ebenso der Grund für einen brummenden Kopf sein.
Heißkalte Schmerztherapie: Kühlpads auf Augen, der Stirn oder im Nacken lindern in einigen Fällen den Schmerz. Sind die Kopfschmerzen jedoch durch Verspannungen bedingt, ist das Gegenteil zu empfehlen: Eine Wärmflasche oder ein Kirschkernkissen in den Nacken legen und warten, bis sich nach und nach die Verspannungen durch die Wärme lösen.
Pfefferminze: Ohne Risiken und Nebenwirkungen ist Pfefferminze: Das ätherische Öl ist für seine schmerzlindernde und kühlende Wirkung bekannt. Vor allem bei Spannungskopfschmerz, aber auch bei einer Migräneattacke, wird Pfefferminzöl äußerlich auf Stirn und Schläfen aufgetragen und in kreisenden Bewegungen einmassiert.
Harmonie im Alltag: Wer einen stressigen Alltag oder Job hat, sollte für genügend Ruhephasen und Entspannung sorgen. (sw)