Chemnitz stellt Masterplan für den Brühl vor
Wiederbelebung dauert nach Einschätzung der Stadt bis zu 25 Jahre
Chemnitz. Mit der Vorstellung eines Generalplans für den Brühl hat die Stadtverwaltung am Dienstagabend den Startschuss für die Entwicklung zum Wohn-, Studenten- und Kiez-Viertel gegeben. Vor knapp 200 Besuchern eines Bürgerforums im Alten Heizhaus der TU erläuterte das Planungsbüro Albert Speer & Partner (Frankfurt/Main) seine Vorschläge für Städtebau, Freiflächen und Verkehr im Viertel nahe der geplanten TU-Zentralbibliothek in der Alten Aktienspinnerei, die es in einer Studie entwickelt hat. Dienstleister Eins präsentierte ein Energiekonzept.
In diesem Jahr, so sagte Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig, sollen Fördermittel für erste Stadtumbauprojekte beantragt, Investoren und Mitstreiter gesucht werden. Bereits jetzt saniert Vermieter GGG Häuser, das Kreativitätszentrum Chemida zieht gerade von der Aktienspinnerei an die Georgstraße 7 und die Planung für ein Musik- und Kreativhaus in der früheren Liebknechtschule steht vor dem Abschluss. Eine Auswahl der wichtigsten Ideen und Planungsansätze, die in den nächsten 5 bis 25 Jahren schrittweise umgesetzt werden sollen:
Geschlossene Karreebebauung: Die Grundstruktur des Viertels soll erhalten bleiben und saniert werden. Die Studie sieht eine Schließung der Karrees zwischen Georg- und Müllerstraße vor. Dafür könnten Punkthochhäuser allmählich zurückgebaut und Baulücken geschlossen werden. Etwa ein Fünftel der Bausubstanz würde so neu entstehen.
Neues Stadtteilzentrum: Zwischen früherer Karl-Liebknecht- und jetziger Rosa-Luxemburg-Schule soll die neue Quartiersmitte gestaltet werden, sie soll Raum für Veranstaltungen, Gastronomie, Treffs, Spiele und Märkte bieten. Nach einer zumindest zeitweisen Nutzung der früheren Liebknechtschule als Haus der Musik und Kreativität ist noch ungeklärt, ob auch Teile der TU zur Quartiersmitte ziehen. Ein Vorschlag der Universität sieht den Wiederaufbau der Lehrerausbildung an diesem Standort vor. Die Stadt plant eine großzügige Freiraumgestaltung sowie einen neuen Weg entlang der beiden Schulen, der den Boulevard mit der Mühlenstraße verbindet.
Mehr Grün vor und hinter den Häusern: Bis zu 3,50 Meter breite Vorgärten entlang von Wohnhäusern, öffentlich zugängliche Spielplätze und Sitzgelegenheiten am Boulevard und in den Innenhöfen sollen Treffpunkte ermöglichen.
Neue Wohnungszuschnitte: Die Zahl der Wohnungen sinkt von derzeit 1320 auf 1165. Grund: Auf die wachsende Nachfrage nach mehr Raum reagieren die Planer mit dem Vorschlag für veränderte Wohnungszuschnitte und die Zusammenlegung von Wohnungen.
Intelligente Parklösungen: Das Stellplatzkonzept wird überarbeitet. Statt derzeit rund 590 Parkplätzen soll es langfristig knapp 700 geben, der Bedarf liegt laut der Speer-Studie um 55 Plätze höher. Allerdings gehen die Planer davon aus, dass insbesondere durch den Ausbau des Schienenprojektes Chemnitzer Modell an der Straße der Nationen die Zahl der erforderlichen Parkplätze um 30 Prozent sinkt. Stellplätze sollen künftig nur noch in geringer Zahl in Höfen und stattdessen stärker in neuen Tiefgaragen, unter Bäumen und zwischen Grün vor den Häuserzeilen entstehen. An der Karl-Liebknecht-Straße sind Längsparkplätze vorgesehen.
Autoverkehr auf Teilen des Boulevards: Im Wohnviertel am nördlichen Ende sowie entlang der Gaststätten- und Ladenzeilen am südlichen Ende des Boulevards sollen wieder Autos rollen können. Nach dem Vorschlag der Planer ist eine begrenzte Befahrbarkeit der jetzt verkehrsberuhigten Zone für eine Belebung unverzichtbar. Ausnahme: Nahe der Quartiersmitte an der Luxemburgschule soll der Boulevard für Durchgangsverkehr gesperrt werden.
Innovatives Energiekonzept: Dienstleister Eins schlägt für die Energieversorgung des Viertels und der neu entstehenden Einrichtungen wie der TU-Zentralbibliothek einen Mix aus Fernwärme und Solarthermie vor.
Brühlmanagement: Hinweise und Informationen zur Entwicklung des Brühl-Viertels nimmt der neue Projektmanager Urs Luczak (im Rathaus am Markt 1, Telefon 488-1555, E-Mail bruehl@stadt-chemnitz.de) entgegen. Er ist Ansprechpartner der Stadt zu Fragen des Stadtumbaus am Brühl, organisiert ab sofort den Dialog zwischen Anwohnern, Immobilienbesitzern, möglichen Investoren und weiteren Interessenten und bereitet für die kommenden Monate die Vermarktung von Gebäuden vor.
Leserforum
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20:32 Uhr
acals: ... das man sich Gedanken darüber macht, was aus dem Brühl neu zu kreieren ist, finde ich gut. Noch besser, das in ein größeres Konzept einzubetten.
Ich finde es aber zumindest sehr unglücklich, wenn im Rahmen mit Veränderungen in Chemnitz immer wieder ein Architekturbüro genannt wird, bei dessen Namen vielen ehemaligen Deutschen und vielen älteren Deutschen immer noch ein Schauer den Rücken runterläuft.
Um den Eindruck zu vermeiden, dass es hier ganz speziell "gewulfft" wird, sollte man vielfältiger arbeiten.
Und das ist der Punkt, den ich am vorliegenden Entwurf zu kritisieren habe. Mir fehlt hier einfach Konkurrenz - wie sehen die Gestaltung denn andere Architekten. Ist die Wahl auf dieses Modell mal wieder "alternativlos".
Kann man nicht einen Wettbewerb auschreiben, der Gewinner bekommt eine größere Summe und zumindest eine Anteilschance an der Realisierung. Und die Chemitzer dürfen selber über das beste Modell abstimmen, und nur ihre Stimme zählt ... ich meine ... zeitliche Bedrängnis gibt es hier wohl kaum.
21:13 Uhr
Flashback2012: so ein viertel muss wachsen,die leute müssen da sein und die freiheiten..und da fängt es an ,.....das mit der freiheit eben....und chemnitz..das ist wie ne suppe ohne salz..also viel glück mit dem brüh!!l einfach mal die leute machen lassen(freie marktwirtschaft),die leute machen schon das beste drauss..sprühen,party und spass haben......;)
12:09 Uhr
ramon: >Meiner Meinung nach hätte es gereicht wenn der städtische
>Vermieter den Wohnraum vermietet hätte für 2-3 Euro Kalt und die
>Stadt für den Brühl eine Sonderzone (was den Lärm betrifft)
>eingerichtet hätte.
Das wäre zu einfach, weil sich dann die GGG nicht an Fördermitteln bereichern kann und OB Ludwig doch lieber ein nutzloses Schmuckstück statt ein belebtes Viertel vorzieht.
09:32 Uhr
JanSen: Auch ich finde es gut, dass man sich versucht um den Brühl zu kümmern. Nun ist es aber so, das gleich ein Kiez-Viertel ausgerufen wird. Ich bin da kein Spezialist, aber ich kenne keinen "Kiez" der von "oben" ausgerufen wurde. Dennoch könnte man es ja mal Versuchen.
Beim ersten Überfliegen des Konzepts fehlt das was allen bisherigen Bemühungen um den Brühl fehlte: der Impuls zur Dynamik. Es wird mal wieder versucht (mit viel Geld) ein städtebauliches Spektakel zu veranstalten, was möglichst viele schöne Fotomomente produziert. Nur Hindernisse welche für solche Kieze nun mal bestehen, also der Konflikt zwischen Besuchern der Gastronomien und den städtischen Vorschriften zur Lärmbelästigung wurden nicht angegangen.
Wie GGD und ToKnight schon ausführten. Alles sehr sehr schicki micki, aber ich denke völlig am Bedarf vorbei geplant.
Meiner Meinung nach hätte es gereicht wenn der städtische Vermieter den Wohnraum vermietet hätte für 2-3 Euro Kalt und die Stadt für den Brühl eine Sonderzone (was den Lärm betrifft) eingerichtet hätte.
12:55 Uhr
GGD: Zunächst einmal halte ich es zwar für loblich bei einem Projekt dieser Dimension einen Masterplan zu erarbeiten. Trotzdem widerspiegelt der Plan mehr einem gewünschten städtebaulichen Ideal als der kühnen Vision der Revitalisierung eines Innenstadtviertels. Vor allem aber fehlt der entscheidente Bezug zur Realität und der Platz für Unvorhergesehenes.
Wieviele der städtebaulichen Vorhaben von 1975 waren denn beispielsweise im Jahre 2000 noch aktuell oder überhaupt von irgend einer Bedeutung?
Auch halte ich die gewünschte Austattung der Hinterhöfe mit viel Grün und öffentlichen Spiel- und Sitzgelegenheiten für ein typisch städteplanerisches Ideal, was so höchstwahrscheinlich nie eintreten wird. Ich habe nichts gegen den Vorschlag ansich, die Hinterhöfe sind nur zumeist entweder bebaut oder die Freiflächen gehören zu der angrenzenden Karreebebauung und befinden sich somit grösstenteils in privater Hand. Das würde bedeuten, dass mehrere private Eigentümer Teile der aneinander grenzenden Freiflächen an die Stadt abtreten müssten um eine geeignete Fläche überhaupt erst einmal entstehen zu lassen. Darausfolgend, würde dies nach einem angenommenen erfolgreichen Erwerb bedeuten, dass die Stadt diese Flächen überplant, bebaut und später bewirtschaftet. Angesichts der verschiedenen Interessenlagen der jeweiligen Eigentümer und den Sparzwängen der Stadt, ein höchst unwahrscheinliches Szenario.
Auch in puncto Parkplatzmanagement bleibt der Masterplan einiges schuldig. Anstatt die riesige Freifläche hinter der Aktienspinnerei zu nutzen und bspw. eine mit Bäumen begrünte Parkallee vorzuschlagen, orientiert man sich, um mehr Parkraum für die späteren Bewohner zu schaffen, an Tiefgaragen. Sicher, in München oder Frankfurt könnte das bei einer solchen Innenstadtlage durchaus klappen. Dort werden aber auch andere Mieten verlangt und das Klientel, was diese Mieten bereit ist zu zahlen, ist in einer viel grösseren Anzahl vorhanden als das denn in Chemnitz der Fall wäre. Generell sind in Szenevierteln meist mehr Menschen anzutreffen, die ihren Lebensunterhalt auf sehr kreative Art und Weise bestreiten. Ob diese ihren gebrauchten VW-Bully oder ihr rostiges Diamantfahrrad in eine Tiefgarage zwengen wollen, wage ich zu bezweifeln.
Und überhaupt, wo bleibt der Anspruch den die "Stadt der Moderne" an sich selbst stellt? Wo sind die innovativen Konzepte die den Standort zu etwas Einmaligem werden lassen?
Erhöhung der urbanen Attraktivität - In Städten wie Berlin, Zürich oder anderwo sieht man die Innenstadtbewohner in den Sommermonaten oft auf ihren grosszügigen Dachterrassen grillen und feiern oder einfach nur das einzigartige Flair über den Dächern der Stadt geniessen. In Chemnitz würden derartige Vorhaben wahrschenilich an den abstrusen Auflagen des Brandschutzes scheitern.
Autoverkehr - Wieso ist nicht eine Verkehrsberuhigung der bisher vierspurig verlaufenden Mühlenstrasse vorgesehen anstatt Teile des Brühl wieder für den Verkehr freizugeben?
Demografrischer Wandel - Wo und vor allem wie werden angesichts der räumlichen Nähe des Seniorenzentrums in der Karl Liebknecht Strasse zur Aktienspinnerei Brücken zwischen Jung und Alt hergestellt?
Innovatives Energiekonzept - Was ist an einer Fernwärmenutzung auch nur im geringsten innovativ oder um beim Motto zu bleiben modern?