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Politiker-Stammtisch: Drei Piraten treffen zwei Interessierte
Im Erzgebirge tut sich die von Internetaktivisten gegründete Partei schwer
Medien beschreiben die Aktivitäten und Erfolge der Piratenpartei gern mit Verben aus der Seefahrersprache wie Segeln oder Entern. Wollte man in dieser bildhaften Sprache bleiben, müsste man sagen: Im Erzgebirge herrscht für die Piraten Flaute. Der Kreis, sagt der Stollberger Christian Peters, sei für seine Partei "das undankbarste Pflaster". Trotz der Wahlerfolge in Berlin und des damit verbundenen, bundesweiten Aufschwungs.
Im Schnitt, berichtet Peters, gingen derzeit 30 Mitgliedsanträge pro Woche in der Landesgeschäftsstelle Sachsen ein. Die Zahl der Piraten im Erzgebirgskreis lag zuletzt bei um die 20 - insgesamt. Es könnten aber mehr sein. Vielleicht sind unter den neuen Anträgen welche aus dem Erzgebirge dabei.
Es ist Samstagabend. Christian Peters und Gattin Annegret hätten auch sonst keine Langeweile. Doch die Partei braucht sie. Also haben sie zum Piraten-Stammtisch geladen, heute ins Stollberger Café Et cetera. Sie wohnen in Stollberg, da mussten sie wenigstens nicht so weit fahren. Am Montag waren sie in Werdau. Und nächste Woche geht es nach Plauen.
An ihrer Seite ist Dietmar Rummel. Der knapp 60-jährige Oelsnitzer war einst beim Neuen Forum aktiv, erzählt er. Später führte er die FDP im Altkreis Stollberg an. Dann trat er aus. Ohne Politik aber kann Dietmar Rummel nicht. Nun will er die Piraten mit seiner Erfahrung unterstützen im Bestreben, der Politik das entgegen zu setzen, was die Piraten unter Transparenz und Bürgernähe verstehen.
Flaschenöffner als Geschenk
Zum Stammtisch in Stollberg sind die Piraten in der Mehrzahl gegenüber denen, die sie für sich begeistern wollen: Den drei Piraten sitzen lediglich zwei interessierte Bürger gegenüber. Man solle sich nicht zu viel dabei denken, sagt Rummel. "Ich habe bei der FDP auch schon ganz alleine da gesessen." Zu den Stammtischen in Aue und Annaberg-Buchholz kamen laut Peters immerhin ein wenig mehr Menschen. Die Bude eingerannt, nein, das haben sie ihnen auch dort nicht. Was an der Demografie im Erzgebirge liegt, sagt Peters: Wenige junge Leute. Und viele Orte verfügen noch nicht über Breitband-Internet - obwohl das Internet doch das wichtigste Medium für die Parteiarbeit der Piraten sei.
So freut sich der 33-jährige Informatik-Dozent über jeden, der kommt. Er hat Flyer dabei, die über die Ziele seiner Partei aufklären: Für Privatsphäre, freie Bildung, Basisdemokratie. Motto: "Klarmachen zum Ändern". Auch den Piraten ist bildhafte Sprache nicht fremd. Auf einem Flaschenöffner als Werbe- geschenk steht: "Politisch öffnen."
Peters weiß, dass er lokale Themen besetzen muss, wenn er im Erzgebirge Erfolge erzielen will. Das erste Thema, das ihm einfällt: Ein leistungsfähiger Zugang zum Internet. Peters lobt die Stadt Stollberg für die Idee, kostenlosen Internet-Zugang über Funk in der Innenstadt anzubieten: "Man sollte den Bürgermeister fragen, ob er Mitglied werden will." In Johanngeorgenstadt wollen die Piraten einen Verein anstoßen, der die Internet-Versorgung in die eigenen Hände nimmt. Rummel verteidigt vehement die Strategie, sich nicht zu jedem Thema mit einer Meinung zu melden. "Die Partei, in der ich früher war", sagt er, "hat nie richtig Fragen gestellt."
Mitgliedsantrag mitgenommen
In Annaberg-Buchholz fragte eine vierfache Mutter, warum deutsche Schulkinder kiloschwere Ranzen mit sich herum schleppen müssten, während anderswo auf elektronische Schulbücher umgestellt würde. Schon hatten die Piraten ein neues Thema - und eine neue Aktivistin gleich dazu. In Stollberg nimmt immerhin der jüngere der Interessenten, der in seinem Dorf etwas gegen die NPD-Präsenz unternehmen will, einen Mitgliedsantrag mit.
Der andere Gast, ein ehemaliges SPD-Mitglied im Rentenalter, will sich die Piratenpartei mal aus der Nähe anschauen. Wortreich bekundet er Sympathie wie Skepsis. Christian Peters hört geduldig zu. "Ich bin 2009 zum ersten Treffen der Partei in Chemnitz auch erst mal einfach gegangen, weil ich sehen wollte, ob die Chemie stimmt", erzählt er. "Und vielleicht wäre ich wieder gegangen, wenn die dort wirklich alle Augenklappen getragen hätten."


