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Laut der Ostbeauftragten der Bundesregierung bedroht die Zunahme des Rechtsextremismus in den neuen Bundesländern den sozialen Frieden.

Foto: Arno Burgi/dpaBild 1 / 2

Sachsenstolz, DDR-Erbe, Wessi-Häme

Eine Studie im Auftrag der Bundesregierung sucht nach Ursachen für den Rechtsextremismus im Osten. Über die Methode kann man aber streiten.

Von Alessandro Peduto
erschienen am 18.05.2017

Berlin. Dass die Zahl der fremdenfeindlichen Übergriffe im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise statistisch gesehen in Ostdeutschland und speziell in Sachsen traurige Rekorde erreicht hat, ist bekannt. Doch warum ist das so? Ein Forscherteam unter Leitung des bekannten Göttinger Politologen und Sozialforschers Franz Walter hat nun im Auftrag der Ostbeauftragten der Bundesregierung, Iris Gleicke (SPD), versucht, den Ursachen für diese Entwicklung auf den Grund zu gehen. Am Donnerstag wurde die Studie "Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland" in Berlin vorgestellt.

Der Titel wirkt mächtig. Die Wissenschaftler haben jedoch nicht flächendeckend gearbeitet, sondern sich auf drei Brennpunkte konzentriert: auf die sächsischen Städte Freital und Heidenau, in denen es 2015 gewaltsame Ausschreitungen gegen Flüchtlinge gab, sowie auf den Erfurter Stadtteil Herrenberg, der für seine rechtsextreme Szene bekannt ist. An den drei Orten befragten die Forscher in Einzelinterviews Bewohner, Politiker sowie Vertreter der Zivilgesellschaft.

Insgesamt wurden zwischen Mai und Dezember 2016 knapp 40 Personen befragt, wodurch die Umfrage nicht als repräsentativ für den Osten anzusehen ist. Rechtsextremismus sei zwar nicht ausschließlich ein Ost-West-Problem, sondern auch eines, das in der Kluft zwischen städtischen Gegenden und strukturschwachen, ländlichen Regionen begründet liegt. Allerdings könne Fremdenfeindlichkeit befördert werden durch spezifische regionale Faktoren, die in Ostdeutschland stärker ausgeprägt seien als im Westen, erklärten die Forscher.

So trafen sie besonders im Raum Dresden auf eine Verklärung der Migrationspolitik der DDR. Deren Motto "Völkerfreundschaft ja, aber alle Migranten sind Gäste mit begrenztem Aufenthaltsstatus" werde als ethnozentrisches Weltbild weiter gepflegt. Des Weiteren könne "die Sozialisation in einer buchstäblich geschlossenen Gesellschaft der DDR" als weiterer Erklärungsfaktor "nicht stark genug betont werden". Nach der Wende habe sich "das sozialistische Kollektiv" der ostdeutschen Gesellschaft in eine "kapitalistische Konkurrenzsituation" verwandelt, die durch den Mangel an Begegnungsmöglichkeiten mit Zuwanderern noch verstärkt wurde. In einer ethnisch einheitlichen Mehrheitsbevölkerung habe sich die Vorstellung von Vorrechten der Ansässigen gegenüber den Migranten leichter durchsetzen können.

Hinzu kommen der Studie zufolge ein ausgeprägtes, kollektives Benachteiligungsgefühl gegenüber dem als überheblich angesehenen Westen, eine Überhöhung der sächsischen Identität, verbunden mit der Abwertung des Fremden, aber auch einer Überhöhung der sächsischen Leistungsfähigkeit gegenüber anderen ostdeutschen Regionen.

Als weitere Faktoren nennen die Wissenschaftler eine fragile Zivilgesellschaft, eine verbreitete Konfliktscheu in der öffentlichen Auseinandersetzung, einen ausgeprägten Argwohn gegenüber der Politik und der Parteienvielfalt sowie den Wunsch nach einem starken Staat, der Dinge regelt. Ferner machen die Autoren einen ausgeprägten Antiamerikanismus sowie eine Russlandfreundlichkeit aus sowie gerade in der Region Dresden einen Opfermythos, der seit der Zerstörung der Residenzstadt im Zweiten Weltkrieg stark gepflegt werde.

Als Gegenstrategien nennen die Forscher unter anderem eine klare Positionierung von Landes- und Kommunalpolitik gegen rechts, mehr offene politische Debatten, die Betonung ostdeutscher Errungenschaften und Vorbilder sowie eine ausgewogene Sozialpolitik.

 
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Kommentare
16
Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
  • 24.05.2017
    08:05 Uhr

    Blackadder: @NorbertFiedler: Ich gebe ja zu, dass sicher handwerkliche Fehler gemacht wurden, aber inhaltlich ändert das ja nichts. Und daher auch mein Hinweis auf das Buch "Unter Sachsen", welches sich nicht als Studie sieht, sondern allgemein die Situation und historischen Ursachen in Sachsen aufzeigt. CDU Stadtrat Jörg Schlechte dazu:
    " ?Dieser Dreck wird mit Sicherheit nicht in unserem Rathaus gelesen!? Er bezeichnete das Buch als Hetze von links: ?Hier wird dieses schöne Literatur Fest für linke Hetzerei gegen unser Sachsen missbraucht.? Den Post hat er mittlerweile gelöscht."

    Quelle: Focus

    4 0
     
  • 23.05.2017
    17:50 Uhr

    norbertfiedler: @Blackadder
    Nun diese Gegendarstellung spricht nicht für die Autoren. Es nährt im Gegenteil den Eindruck, dass es sich bei der Studie nicht um ein Dokument mit wissenschaftlichen Anspruch sondern um pure Scharlatanerie handelt. Die Gegendarstellung läßt den wissenschaftlich einzig möglichen Widerspruch vermissen: nämlich, dass die durchgeführte Pseudonymisierung in der Studie klar dokumentiert wurde. Beides ist nicht geschehen, also weder der Hinweise auf die Dokumentation in der Gegendarstellung noch eine _klare_ Dokumentation in der Studie. In der Studie finden sich zwar Hinweise in Form von Fussnoten, jedoch sind diese im Dokument verstreut und dazu noch unvollständig.

    1 3
     
  • 23.05.2017
    11:44 Uhr

    Blackadder: @norbertfiedler: Zum Weltartikel gibt es eine Gegendarstellung der Studiemacher. Bitte lesen:

    http://www.demokratie-goettingen.de/content/uploads/2017/05/Gegendarstllung-zum-WELT-Artikel.pdf

    Mal ganz abgesehen von dieser Studie gibt es ja noch das Buch "Unter Sachsen", welches sehr anschaulich die Ursachen der sächsischen Probleme mit Rechtsradikalismus und Fremdenfeundlichkeit in der monarchiegleichen Regierung der CDU in den letzten Jahrzehnten sucht und findet. Diese Buch soll in diesem Jahr in einer Diskussionsrunde in den Meissner Literaturtagen besprochen werden, AfD und CDU haben schon angekündigt, dies unterbinden zu wollen. Soviel zum Demokratieverständnis in Sachsen.

    6 2
     
  • 22.05.2017
    20:20 Uhr

    norbertfiedler: Die Welt titelt gerade "In dieser Regierungsstudie wurden sogar Gesprächspartner erfunden". Lt. dem Artikel führt die Studie Gesprächspartner auf, "die es gar nicht gibt". So wird heute Regierungspolitik gemacht: mit Lügen werden die verschiedenen Bevölkerungsgruppen aufeinandergehetzt.

    1 6
     
  • 20.05.2017
    19:20 Uhr

    BlackSheep: @Blackadder, da liegt viel an den Medien. Es gab, auch in der FP, Leserbriefe in denen sich beschwert wurde das Berichte über Pegidademos nicht mit dem eigenen Erleben der Leserbriefschreiber übereinstimmte. Bei solchen Reaktionen könnte es schon sein das solche Berichte einen falschen Eindruck hervorrufen. Solche Beispiele kann man fortsetzen, siehe die Busfahrer die von der Grünen verleumdet wurden. Vor dem Hintergrund, alles auf die "bösen, rechten Sachsen" zu schieben, ist von Ihrer Seite eine sehr billige Argumentation.

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