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Weißer Strich auf Berliner Mauer verärgerte das DDR-Regime

Schau erinnert an Kunstaktion fünf ausgereister junger Männer aus Weimar

Bautzen (dapd-lsc). Die Berliner Mauer war auf ihrer Westseite eine einzige bunte Fläche für Graffiti-Sprüher. Dass man das DDR-Regime dennoch mit einer Kunstaktion auf dieser Seite provozieren konnte, erlebten fünf junge Männer im Jahr 1986. Mit einem kilometerlangen weißen Strich wollten sie auf die Unmenschlichkeit der Berliner Mauer aufmerksam machen. Für einen von ihnen endete die Kunstaktion im Stasi-Sondergefängnis Bautzen II - und ein anderer entpuppte sich als Stasi-Spitzel. Eine Ausstellung in der Gedenkstätte Bautzen erinnert bis Oktober erstmalig an die Aktion.

Der Protest gegen das DDR-Regime hatte die fünf jungen Punker in den 1980er Jahren zusammengebracht. Alle fünf stammen aus dem thüringischen Weimar, die damals zwischen 21 und 23 Jahre alten Männer trafen sich dort mit Gleichgesinnten unter dem Dach der evangelischen Kirche. Sie machten Punkmusik und protestierten beispielsweise mit einem Aufruf zum Wahlboykott gegen das DDR-Regime.

Ausreise aus Angst vor Haft

Zu den fünf Mauermalern und Regimegegnern gehörten unter anderen Frank Willmann, Wolfram Hasch, Frank Schuster und Thomas Onißeit. Willmann reiste 1984 nach West-Berlin aus, die anderen folgten ihm später. "Wir wussten, dass wir über kurz oder lang alle im Gefängnis landen würden", begründet Willmann die Entscheidung zur Ausreise im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dapd. In West-Berlin trafen sie sich wieder, machten erneut Musik und drehten Super-8-Filme. Und sie wollten dem DDR-Regime einen "Strich durch die Rechnung" machen, erklärt Willmann die Bedeutung der Aktion. Es sei darum gegangen, wieder mehr Bewusstseinfür die Unmenschlichkeit der Berliner Mauer zu schaffen.

Am 3. November 1986 begannen Willmann und seine Freunde mit ihrer Kunstaktion. Sie hatten sich Pinsel und eimerweise weiße Farbe gekauft und Gipsmasken angefertigt. "Wir wollten gemeinschaftlich und anonym wirken", sagt Frank Willmann. 14 Tage hatten sie eingeplant, um die gesamte Berliner Mauer mit einem 10 bis 20 Zentimeter breiten weißen Farbstrich auf Augenhöhe zu bemalen.

Von Grenzsoldaten gefilmt und fotografiert

Während manche Passanten in West-Berlin die Männer auslachten, beobachteten DDR-Grenztruppen jeden Schritt der Mauermaler. "Wir wurden von der Ostseite aus gefilmt und fotografiert", sagt Willmann. Obwohl sie die Westseite der Mauer bemalten, befanden sie sich auf DDR-Gebiet, denn ein nur wenige Meter breiter Streifen auf der Westseite der Mauer gehörte noch zum Staatsgebiet der DDR. Der Streifen sei genutzt worden, um zum Beispiel den Zustand der Mauer zu prüfen, erläutert Willmann.

Am 4. November setzten die Männer ihre Aktion fort, dieses Mal bemalten Frank Willmann und Wolfram Hasch die Mauer. "Plötzlich hat sich eine Tür in der Mauer geöffnet", erzählt Willmann. Grenzaufseher stürmten auf die beiden Maler zu. Frank Willmann ließ Farbe und Pinsel liegen und rannte zurück auf das West-Berliner Gebiet. Hasch schaffte es nicht, er wurde von Grenzaufsehern festgenommen, sie zerrten ihn durch die Tür in die DDR. Denn das Regime wertete die Aktion laut Willmann als Versuch, die Westgrenze um wenige Meter nach Osten zu verschieben.

"Wir standen alle unter Schock, wir waren völlig fertig", sagt Willmann. Die Aktion "Weißer Strich" endete nach nicht einmal zwei Tagen und 7,5 Kilometern. Wolfram Hasch wurde in der DDR zu einer Haftstrafe von drei Jahren verurteilt und in das Stasi-Sondergefängnis Bautzen II gebracht. Die Geburt seines Sohnes konnte er nicht miterleben. Im Mai 1987 wurde Hasch freigekauft.

Mauermaler war auch Stasi-Spitzel

Willmann lebt heute gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin in Berlin. Zusammen mit ihr hat er kürzlich ein Buch über die Aktion herausgebracht. Bei der Recherche fanden sie heraus, dass einer der drei anderen Mauermaler ein Stasi-IM war. Er hatte laut Willmann mehrere Jahre für die Stasi gespitzelt. Kontakt zu ihm hätten er und die anderen Mauermaler nicht mehr, sagt Willmann. Bis zum 31. Oktober werden in Bautzen die Vorgeschichte und Folgen der Kunstaktion in einer gemeinsamen Wanderausstellung der Gedenkstätte Bautzen und der Gedenkstätte Berliner Mauer gezeigt.

dapd

 
erschienen am 11.08.2011
© Copyright dapd Nachrichtenagentur GmbH
 
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