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Eine Organtransportbox.

Foto: Jens Kalaene/dpa

Wissenschaftler setzen auf Alternativen zur Organspende

Weil nicht genügend menschliche Organe für Transplantationen zur Verfügung stehen, fordern Mediziner mehr Unterstützung für die Regenerative Medizin.

Von Eva Prase (Text) und Dietmar Lilienthal (Fotos)
erschienen am 26.09.2014

In Deutschland fehlen Spenderorgane für Transplantationen. Vor diesem Hintergrund haben führende deutsche Wissenschaftler eine Neuorientierung der medizinischen Forschung gefordert. Die Perspektive liege in der Nutzung von Zelltherapien und der Regenerativen Medizin, sagte Frank Emmrich. Dafür müsse es Unterstützung und ein Umdenken in der deutschen Politik geben.

Der Professor ist Direktor des Translationszentrums für Regenerative Medizin Leipzig und Leiter des Fraunhofer Instituts für Zelltherapie und Immunologie. Die Bundesregierung habe zwar vor zehn bis 15 Jahren auf das Thema Regenerative Medizin reagiert. "Inzwischen ist das Interesse aber erlahmt", konstatiert Emmrich. Das sei bedauerlich, da erste Erfolge und das Potenzial dieser Medizin sichtbar werden. Die Regenerative Medizin befasst sich damit, geschädigte Organe wieder nachwachsen zu lassen. Im Leipziger Institut arbeiten Forscher derzeit an 45 Zelltherapie-Projekten.

"Die Ergebnisse sind so gut, dass sich die Industrie interessiert - aber die meisten Aufträge bekommen wir aus Amerika, Australien und Asien", so Emmrich. Im amerikanisch-britischen Forschungssystem ließen sich leicht dreistellige Millionen-Beträge für diese Forschung einwerben. Deutschland und Europa verhielten sich dagegen "sehr zögerlich". Zudem seien die Hürden für die Zulassung hoch. Während in Amerika extra ein neuer Katalog für die Zulassung von Zelltherapien erarbeitet wurde, würden in Deutschland die Verfahren nach dem herkömmlichen Arzneimittelgesetz behandelt. Das sei unpassend, weil man eben nicht mit chemischen Substanzen arbeitet, sondern mit den Zellen der Patienten. Einige Zelltherapien würden sogar maßgeschneidert, also individuell für einen Patienten erarbeitet.

Für ein neues Zulassungsgesetz plädiert auch Gustav Steinhoff. Der Herzspezialist und Leiter des Referenz- und Translationszentrums für kardiale Stammzellmedizin der Universität Rostock hat vor zehn Jahren weltweit als Erster Stammzellen in menschliche Herzen injiziert - und damit deren Herzmuskulatur regeneriert. Die Therapie wird derzeit in einem mehrstufigen Verfahren geprüft. Mit der Zulassung ist in einigen Jahren zu rechnen. "Wir müssen der Medizin neue Wege eröffnen. Die Organtransplantation war ein Erfolg im 20. Jahrhundert. Aber es war ein Weg in eine Sackgasse", sagt Steinhoff.

 

Sechs Zentren für regenerative Medizin

In Deutschland gibt es sechs Zentren für Regenerative Medizin, deren Finanzierung durch Bund und Länder langfristig nicht abgesichert ist.

Forscher in Rostock verfolgen die Vision des nachwachsenden Herzens. Hier ist es im Tierversuch gelungen, einen biologischen Herzschrittmacher aus Zellen zu züchten. In Berlin ist die Stammzellimmuntherapie konzentriert, in Dresden wird an Therapien für Blutkrebs, für neurodegenerative Erkrankungen, sowie Diabetes geforscht. Leipzig widmet sich unter anderem dem Knorpelzell- und dem Hautzellersatz, Hannover arbeitet an Herzklappen und der Haut. Auch in Tübingen züchtet man Hautersatz sowie insulinproduzierende Zellen.

Professor Gustav Steinhoff. Er führte weltweit als erster Mediziner die Stammzelltherapie am Herzen ein. Gustav Steinhoff wurde 1958 in Kleve geboren. Von 1977 bis 1984 studierte er Medizin; er legte sein Arztexamen an der Erasmus Universität Rotterdam ab. 1984/85 folgte die Promotion an der Medizinischen Hochschule Hannover. Nach der Facharztausbildung zum Chirurgen arbeitete er als Oberarzt an der Klinik für Herz- und Gefäß- chirurgie an der Universitätsklinik in Kiel. Als Oberarzt der Klinik für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie in Hannover arbeitete er ab 1996 und leitete dort auch die Kinderherzchirurgie. 1997 wurde er Außerplanmäßiger Professor für Chirurgie an der Medizinischen Hochschule Hannover. 2000 folgte die Berufung auf die Professur für Herzchirurgie und als Direktor der Klinik und Poliklinik für Herzchirurgie an der Medizinischen Fakultät der Universität Rostock. Seit 2008 leitet er dort das Referenz- und Translationszentrum für kardiale Stammzelltherapie.

Foto: Dietmar Lilienthal

Das geht ans Herz

Weil nicht genügend menschliche Organe für Transplantationen zur Verfügung stehen, fordern Mediziner mehr Unterstützung für die Regenerative Medizin.

Die Meldungen klingen immer ähnlich. Neuer Transplantationsskandal - Staatsanwaltschaft ermittelt wegen versuchten Totschlags. So hieß es vor Wochen, als festgestellt wurde, dass eine Oberärztin am Berliner Herzzentrum Patienten zu besseren Plätzen auf der Warteliste für Organspenden verholfen haben soll.

Weil es stets weniger Organe als bedürftige Patienten geben wird, wird es auch immer solche Meldungen geben. Man kann sich auf den Standpunkt stellen, dass "Totschlag" und "Schuld" in diesem Falle relative Begriffe sind. Wollte nicht auch die Berliner Ärztin Leben retten? Und zwar das der ihr anvertrauten Patienten? Nicht das anonymer Patienten, die auf einer Liste vorn rangieren, sondern das Leben jener, denen sie täglich in die Augen sehen musste und die ihr drohten, unter den Händen wegzusterben?

Unter den Händen wegsterben - diese Aussage verwendet auch der Rostocker Stammzellforscher und Herzchirurg Gustav Steinhoff. Der Professor sagt zudem, die Transplantationsmedizin sei zwar "bis zur Routine" entwickelt, aber sie bleibe "immer begrenzt". Steinhoff konstatiert: Die Transplantationsmedizin war "ein Weg in eine Sackgasse".

Sein Lebenswerk ist es, der Medizin einen neuen Weg zu bahnen, um deutlich mehr Menschen zu helfen, die ein Organversagen erleiden. Sein Objekt: das Herz. Sein Forschungsfeld: die Stammzelltherapie. Seine Vision: kranke Herzen nachwachsen zu lassen.

Im Versuch gelang es, biologische Schrittmacher für Mäuse herzustellen. Das Prinzip soll auf den Menschen übertragen werden.
 

Will man von Steinhoff erfahren, woran er forscht, spricht er zunächst von Fischen und Lurchen, konkret von Zebrafischen und Axolotls. Deren Körper haben die Fähigkeit, Organe regenerieren zu können. Schneidet man ein Stück vom Herzen eines Zebrafisches ab, bildet sich das Gewebe narbenfrei nach. Axolotl können Gliedmaßen, Organe und Teile des Herzens und sogar des Gehirns wiederherstellen. An dem Prozess sind Stammzellen und Wachstumshormone beteiligt.

Doch was läuft konkret wie ab? "Verstünden wir diesen Regenerationsprozess vollständig und könnten wir das Prinzip auf den Menschen übertragen, erübrigten sich Organtransplantationen." Steinhoff ist Pionier auf dem Gebiet der "regenerativen Medizin" - ein Terminus, der sich in den vergangenen 15 Jahren herausgebildet hat. Der Mediziner war weltweit der Erste, der bei der Behandlung des menschlichen Herzens nach einem Infarkt nicht nur auf bewährte Verfahren wie Bypassoperationen gesetzt hat. Er hat diese Therapie kombiniert mit dem gezielten Einsatz von Stammzellen. Also Bypassoperation plus Einspritzen von Stammzellen in das geschädigte Herzmuskelgewebe. Stammzellen sind diejenigen Zellen, die für die Neubildung von Organen, Blut- und Immunzellen und die Reparatur von Hautverletzungen zuständig sind. Sie sorgen dafür, so die Überzeugung von Steinhoff, dass geschädigte Herzmuskelgefäße nachwachsen, sich regenerieren. Das Ergebnis: Zwei Drittel der Patienten profitieren von dieser kombinierten Operation. Ihre Herzen zeigen eine höhere Pumpleistung als herkömmlich operierte Patienten. Offen ist, warum die Stammzelltherapie nicht allen Betroffenen hilft.

Laut deutschem Herzbericht erkranken jährlich rund eine Million Menschen an verschiedenen Formen von Herzschwächen. 255.000 sterben pro Jahr. "Die Patienten sind oft Jahre krank, ihre Herzfunktion verschlechtert sich kontinuierlich", beschreibt Steinhoff. Er plädiert deshalb dafür, frühzeitig die Stammzelltherapie einzusetzen. "Es geht um kurative Behandlung", sagt er.

Auf vielen Gebieten sind Stammzelltherapien denkbar. So werden Knorpelschäden in der Sportmedizin behoben, auch Nerven können nachwachsen. Und wenn man das Absterben der Inselzellen der Bauchspeicheldrüse stoppt oder sie nachwachsen lässt, kann Diabetes Typ I ursächlich behandelt werden.

Das Paradebeispiel, das Steinhoff nennt, liefern Kollegen aus Indien. Dort kommt eine durch Vitamin-A-Mangel getrübte Hornhauterkrankung häufig vor, die zu Blindheit führt. Ist noch ein Auge gesund, kann man Stammzellen entnehmen. Diese werden zwei bis drei Wochen auf einer speziellen Unterlage vermehrt, sodass dort eine neue Hornhaut wächst. Die wird dem Patienten implantiert. Sind beide Augen betroffen, braucht der Patient einen Spender. Meist wird wie bei einer Blut- oder Knochenmarkspende ein Verwandter gesucht, der immunologisch zum Patienten passt. Die Erfolgsraten mit dieser Therapie sind hoch: Nach drei Jahren können noch 70 Prozent der behandelten, ehemals blinden Menschen sehen.

Dass ausgerechnet bei der Hornhaut der Fortschritt so groß ist, hat einen Grund. Die Hornhaut erneuert sich ohnehin, jedenfalls bei gesunden Menschen. Steinhoff stuft zudem das Blut, das sich alle sechs bis acht Wochen erneuert, das Knochenmark, die Haut, Darm und Leber als hochregenerative Systeme ein. Bei Herz, Gehirn und Niere sei die Regenerationsfähigkeit dagegen niedrig. Nur 0,5 Prozent der Herzmuskelzellen würden jährlich von Natur aus ersetzt. "Insgesamt haben wir also lebenslang Stammzellen in unserem Körper, damit wir uns lebenslang regenerieren können."

Welt- und deutschlandweit haben sich Zentren herausgebildet, die sich bei der Entwicklung der Stammzelltherapie auf einzelne Organe und Organsysteme konzentrieren. Steinhoff hat vor sieben Jahren in Rostock das Translationszentrum für Regenerative Medizin aufgebaut, das die Vision des nachwachsenden Herzen verfolgt. In Berlin ist die Forschung zur Stammzell-Immuntherapie konzentriert, in Dresden legt man den Fokus auf Diabetes, Knochenmark und Netzhaut, in Leipzig auf die Schlaganfall-Behandlung, in Hannover auf Haut- und Herzklappen. Mediziner vieler Gebiete haben die Vision, weg zu kommen von der Transplantations- hin zur Regenerationsmedizin. "Die Transplantation war Standard im 20., die Regeneration wird die Medizin des 21. Jahrhunderts sein", so Steinhoff.

Die Hoffnung der Mediziner ist gestiegen, seit nachgewiesen wurde, dass sich nicht nur embryonale Stammzellen in alle Zelltypen entwickeln können. Ihr Einsatz galt als problematisch, entstammten sie doch abgetriebenen oder bei künstlicher Befruchtung übrig gebliebenen Föten. Der Brite John Gurdon und der Japaner Shinya Yamanaka hatten gezeigt, dass gereifte Körperzellen in Stammzellen zurückverwandelt werden können - wofür sie 2012 den Nobelpreis erhielten.

Tropfen, in denen sich Mäusestammzellen befinden.
 

"Wir können also jeden ausgewachsenen Zelltyp in eine pluripotente Zelle zurückprogrammieren, in eine Zelle, die sich in alle möglichen Gewebearten differenzieren kann", wiederholt Steinhoff. Er weiß selbst am besten, wie beschwerlich der Weg noch sein wird. Sein Kollege etwa, Robert David, hat es weltweit als Erster geschafft, jene Muskelzellen wachsen zu lassen, welche die Erregung am Herzen bilden, koordinieren und weiterleiten. Der Professor hat also den Schrittmacher des Herzens aus Stammzellen gebildet - allerdings waren es embryonale Mäusestammzellen.

David arbeitet nun daran, die Methode, die er für Mäuse entwickelt hat, auf den Menschen zu übertragen. Wann dieser "biologische Herzschrittmacher" Realität sein wird, darauf gibt David genauso wenig eine Prognose ab wie Steinhoff die Frage beantworten kann, wann es das erste, aus Stammzellen gebildete Organ geben wird.

Es ist die Vision.

In zehn Jahren, schätzt Steinhoff, wird es etwa 100 bis 150 Therapien geben, die auf Gen- und Stammzelltechnik basieren. Das erfordere zum einen ein Umdenken in der Ärzteschaft - die sich mit stammzellbasierten Therapien befassen und sie nutzen muss. Zum anderen gilt es zu fragen, ob die Art der Zulassung der Stammzelltherapien diesen angemessen ist. "Diese Therapien werden nach dem Arzneimittelgesetz zugelassen", sagt Steinhoff. Natürlich müsse auch bei diesen Therapien garantiert sein, dass sie wirksam, sicher und genormt sind. Für diesen Nachweis braucht es Testreihen. Bei einer Zulassung eines Arzneimittels findet man relativ leicht Hunderte Probanden, die für eine Aufwandsentschädigung an einer Analyse teilnehmen. Stammzellmediziner können dagegen keine Tests mit tausenden Patienten präsentieren. Steinhoff hat seit 2001 erst rund 200 Patienten Stammzellen in deren schwache Herzen gespritzt. "Es wird ein langer Prozess sein, die Stammzelltherapie zu implementieren." Ein Prozess "from bench to bedside", "vom Labortisch zum Krankenbett".

Er bedauert, so scheint es, dass andere Länder mehr in die Erforschung der Stammzelltherapie investieren als Deutschland - und dafür schneller vorankommen. China, Korea, Japan und die USA nennt er als Länder, die sehr stark sind auf diesem Gebiet. Und während in Deutschland Krankenkassen Briefe verschickten und die Bürger aufforderten, sich mit Organspende zu befassen, avancierte in Amerika medizinische Forschung zum Wahlkampfthema. Die Kalifornier entschieden per Volksentscheid, dass sich ihr Bundesstaat mit drei Milliarden Dollar verschuldet, um ein einziges Forschungsgebiet zu fördern: die Stammzelltherapie.

Professor Steffen Mitzner. Er ist Nieren- und Leberspezialist und war maßgeblich an der Entwicklung eines Verfahrens zur Leberdialyse beteiligt. Steffen Mitzner wurde 1965 in Crivitz geboren. Von 1985 bis 1990 studierte er Medizin an der Universität Rostock. 1991 folgte ein Forschungsaufenthalt an der Brown University Providence (USA). Im selben Jahr promovierte er in Rostock. Titel der Arbeit: Entwicklung eines selektiven Endotoxinadsorbers. Noch während der Facharztausbildung (Innere Medizin) entwickelte er von 1993 bis 1997 das Leberunterstützungsverfahren Mars (Molecular Adsorbent Recirculation System). Seit 1995 ist er Leiter der Arbeitsgruppe Extrakorporaler Organersatz an der Klinik für Innere Medizin an der Universität Rostock. 1997 gründete er die Medizintechnikfirmen Teraklin und Biopure. 1998 folgte die Gründung der Medizinproduktfirma Celltect, zudem übernahm er die Leitung der Sektion Nephrologie an der Klinik für Innere Medizin II an der Universität Rostock. Seit 2006 ist er Professor für Nephrologie und Dialyse.

Foto: Dietmar LilienthalBild 1 / 8

Das geht an die Nieren

Forscher arbeiten mit Hochdruck daran, die Dialysetechnik zu verbessern und eine Annäherung an die Effektivität natürlicher Organe zu erreichen.

Professor Steffen Mitzner ist Internist und Experte auf dem Gebiet künstlicher Organe. Er war an der Entwicklung eines Verfahrens beteiligt, das zum Einsatz kommt, wenn die Leber versagt. Mit ihm sprach Eva Prase.

Freie Presse: Immer, wenn es Unregelmäßigkeiten bei Organtransplantationen gibt, ist die Empörung groß. Man wäre längst aus dem Dilemma, gäbe es hochwertige künstliche Organe. Warum kommt die Medizintechnik nicht schnell genug voran?

Steffen Mitzner: Die Entwicklung künstlicher Organe wie etwa der Leber liegt in der Hand kleiner Medizintechnikfirmen. Diese sind im Vergleich zu Pharmakonzernen unterfinanziert. Nur ein Bruchteil dessen, was in der Pharmabranche in die Entwicklung neuer Medikamente fließt, wird in Medizintechnik investiert.

Warum wird die medizintechnische Entwicklung nicht forciert?

Tatsächlich wäre der stärkere Ausbau der organunterstützenden Medizintechnik eine sinnvolle Ergänzung zur Transplantationsmedizin und mehr Engagement in diesem Bereich deshalb sehr wünschenswert. Allerdings handelt es sich auch um eine kostenintensive Form der Medizin.

Frei nach dem Motto: Künstliche Hüfte und Herzschrittmacher sind schon teuer genug...

Diese Diskussion gab es ja schon. Das alles heißt aber nicht, dass in den vergangenen Jahren bei der Entwicklung künstlicher Organe keine Fortschritte erzielt wurden. Die Medizintechnik hat gerade in Deutschland einen weltweit anerkannten Stand. Wir sind heute soweit, dass jeder Mensch, der eine Nierendialyse braucht, sie bekommt. Das war nicht immer so und ist nicht überall so. In vielen Ländern kann diese Therapie überhaupt nicht angeboten werden. In Hamburg wurde 1948 erstmals das Verfahren zur künstlichen Blutwäsche bei Nierenversagen angewandt. Es geht auf Curt Moeller zurück, der einen Zellophanschlauch, also einen künstlichen Wurstdarm, für die Dialyse benutzte. Das Gerät sah aus wie eine Obstpresse. Das war strapaziös für die Patienten und sie überlebten nicht lange. Heute gehen viele Patienten in eine Praxis oder ins Krankenhaus, meist dreimal in der Woche mehrere Stunden. Aber es gibt auch die Möglichkeit, zu Hause Dialysen durchzuführen mit Heimgeräten oder der so genannten Bauchfelldialyse. An transportablen Geräten, Dialysegürtel und Dialyse-Rucksack, wird derzeit geforscht. Die Überlebenszeit ist erhöht, die Lebensqualität hat sich verbessert. Der Trend, diese mobilen Gerätetechniken zu nutzen, steigt. Wenn man so will, haben wir heute keine Obstpresse mehr, sondern können eine Minibar zu Hause nutzen. Es hat also deutliche Qualitätsverbesserungen gegeben, aber keinen Quantensprung.

Späteres Dialysegerät.
 

Warum ist das so?

Die zwei Nieren, die 24 Stunden am Tag arbeiten, sind noch deutlich besser als unsere Technik. Diese vermag es nicht, all jene Stoffwechselprozesse zu übernehmen, für die die Nieren zuständig sind. So wird zwar Harnstoff aus dem Blut gefiltert, aber es bleiben immer noch viele Giftstoffe im Kreislauf, und die schädigen langfristig das Herz. Das kardiovaskuläre Sterberisiko ist bei Dialysepatienten erhöht. Wie gesagt, wenn wir ähnliche Forschungsmöglichkeiten hätten wie die Pharma- und Transplantationsmedizin, wären wir weiter.

Sie und Ihre Kollegen haben vor Jahren Schlagzeilen gemacht, als Sie ein Verfahren für eine künstliche Leber entwickelt haben. Könnte man auch damit weiter sein?

Ja. Eine künstliche Leber zu entwickeln, ist eine viel größere Herausforderung als die Verbesserung der künstlichen Niere.

Warum?

Die Leber ist die Stoffwechselzentrale des Körpers. Während die Niere - grob gesagt - "nur" den Wasserhaushalt des Körpers und damit den Blutdruck reguliert und Stoffe wie Harnsäure, Harnstoff, Kreatinin und giftige Substanzen ausscheidet, hat die Leber deutlich mehr Funktionen. Sie erfüllt auch eine Entgiftungsfunktion, synthetisiert und lagert Eiweiße, speichert Energie, bildet Hormone und ist für den Fettstoffwechsel zuständig. Seit den 1950er-Jahren wurde immer wieder versucht, eine künstliche Leber zu entwickeln. Man nahm sogar die gleichen Geräte wie bei der Niere. Wir haben in den 1990er-Jahren ein Verfahren entwickelt, mit dem das Bilirubin, der gelbe Farbstoff, und andere Toxine herausgefiltert werden.

Können Sie das Verfahren kurz beschreiben?

Das Bilirubin ist an ein Transporteiweiß gebunden, an Albumin. Bei der Leberdialyse wird genau dieses Albumin als Giftfänger, als Dialysator, nach dem Schloss-Schlüssel-Prinzip eingesetzt. Das Blut, in dem sich der Bilirubin-Albumin-Komplex befindet, wird an einer halbdurchlässigen Membran vorbeigeleitet. Auf der anderen Seite der Membran befindet sich die Albuminlösung; sie zieht die Bilirubin-Moleküle an sich, bindet sie im Dialysator und transportiert sie aus dem Körper.

Wie gut ist die künstliche Leber heute?

Die menschliche Leber regeneriert sich, sie wächst auch nach. Wie sie sich regeneriert, ist von der Gesamtkonstitution des Patienten abhängig. Unter dem Strich gibt es viele gute Einzelberichte von Patienten, die schon auf der Transplantationsliste standen und bei denen sich nach der Leberdialyse das Organ wieder so erholt hat, dass sie von der Liste gestrichen werden konnten. Studien konnten das nicht immer belegen. Bei Patienten mit völligem Leberversagen reicht die künstliche Leber zur Überbrückung der Zeit bis zur Transplantation. Wir entwickeln diese Technik weiter, andere Verfahren werden parallel getestet - insgesamt also work in progress. Alles in allem gab es noch nie so viele hoffnungsvolle Ansätze wie in den vergangenen zehn Jahren. Aber wir wissen noch nicht, warum bei dem einen Patienten die Leber wieder "anspringt" und bei einem anderen nicht. Wir müssen insgesamt noch mehr wissen, was in der Leber abläuft, welcher Mechanismus dem Patienten etwa bei einer Viruserkrankung zu schaffen macht und was beim Abbau von Medikamenten vor sich geht. Bisher wurde auch hier zu wenig in die Forschung investiert, deshalb ist noch viel Luft nach oben. Wenn die Pharmaindustrie ein neues Medikament einführen will, hat sie schnell 8000 Patienten getestet. Bei der Kunstleber umfasst die größte Studie 200 Patienten. Ich wäre froh über eine Studie mit 500 Kranken, weil ich weiß, dass der Verfahrens-Ansatz gut und stimmig ist, die Systeme sind sehr gut. Aber letztlich befinden wir uns bei der Leber auf dem "Niveau Fruchtpresse", weil nicht investiert wird.

Bleibt also nur die Transplantation mit der unbefriedigenden Tatsache, dass es immer zu wenige Organe geben wird?

Die Nieren- wie die Lebertransplantation wird auf absehbare Zeit der Goldstandard bleiben. Daher unterstütze ich die Transplantationsmedizin, es ist das beste, was wir heute Patienten mit komplettem Organversagen bieten können. Es gibt aber eine Alternative, über die deutlich mehr gesprochen werden muss.

Einer der frühen Hämodialysatoren.
 

Welche Alternative meinen Sie?

Bleiben wir bei der Niere. Jedes Jahr verzeichnen wir deutschlandweit eine Zunahme der dialysepflichtigen Patienten um fünf Prozent. Die Ursachen hierfür kennen wir. Die Zuckerkrankheit, Bluthochdruck, das metabolische Syndrom schädigen die Nieren und können zu Nierenversagen führen. Es gilt, frühzeitig gegenzusteuern. Die Niere kann bereits die Hälfte ihrer Funktionsfähigkeit eingebüßt haben, ohne dass der Betroffene Beschwerden bemerkt. Aber so weit darf man es nicht kommenlassen. Insbesondere die Früherkennung der häufigsten Ursachen für ein Nierenversagen liegt uns daher sehr am Herzen.

Woran erkennt man, dass Nieren ihre Funktion verlieren?

Jeder Mensch sollte seinen Blutdruck und Blutzucker-Wert kennen. Eine Hochdruck- oder Zuckerkrankheit muss konsequent behandelt werden: durch Umstellung der Ernährungs- und Lebensgewohnheiten oder auch durch medikamentöse Behandlung. Die Nierenerkrankung etwa bei Diabetikern kann man häufig durch einen einfachen Urinstreifentest früh erkennen.

Wie das?

Befindet sich Eiweiß im Urin, ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass die Niere nicht richtig arbeitet. Wichtig ist die Aufklärung der Bürger. Etwa 40 Prozent der Diabetiker sind anfällig für eine chronische Niereninsuffizienz. Weiß der Betroffene das, hat er viele Jahre Zeit, gegenzusteuern. Wenn dagegen die an und für sich gut behandelbare Zuckerkrankheit schlecht behandelt wird, ist die Dialysepflicht leider sehr wahrscheinlich. Ähnliches Augenmerk muss man dem Bluthochdruck schenken. Die Patienten über gesunde Lebensweise aufzuklären und gegebenenfalls medikamentös einzustellen, ist kein Hexenwerk. Den Menschen deutlich vor Augen führen, was auf sie zukommt, wenn sie sich falsch ernähren oder Medikamente nicht nehmen - damit wäre viel erreicht.

 
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