Roland Wöller, Kultusminister (CDU) Roland Wöller, Kultusminister (CDU)

Foto: Sebastian Willnow/dapd

"Ich will keinen Vorschlag vom Tisch wischen"

Kultusminister Roland Wöller möchte die Integration behinderter Kinder verbessern und notfalls Gesetze ändern

Das gemeinsame Lernen von behinderten und nicht behinderten Schülern gehört zu den Zielen der UN-Behindertenrechtskonvention. In Sachsen lernen die meisten Kinder mit Behinderungen separat an Förderschulen. Der Freistaat steht in der Kritik, kaum etwas für die gemeinsame sogenannte inklusive Bildung zu tun. Mit Kultusminister Roland Wöller (CDU) sprach darüber Jörg Telemann.

Freie Presse: In Sachsen gibt es im Vergleich zu den meisten anderen Bundesländern relativ viele lernbehinderte Kinder. Wie erklären Sie sich das?

Roland Wöller: Das betrifft alle neuen Bundesländer, nicht nur Sachsen. Gesicherte Erkenntnisse darüber haben wir nicht. Es gibt aber Vermutungen und die haben wohl mit Einstellungen aus DDR-Zeiten zu tun. Damals hielt man einen Teil der behinderten Kinder für nicht bildungs- oder förderfähig. Diese Kinder wurden dann zuhause betreut oder in spezielle Kliniken abgeschoben.

Freie Presse: Worauf wollen Sie hinaus? Dass im Osten öfter mal eine Behinderung diagnostiziert wird, die keine ist?

Roland Wöller: Bei der Diagnostik sehe ich in der Tat Defizite. Da müssen wir genauer hinschauen. Es ist wichtig, so früh wie möglich zu erkennen, ob und welchen Förderbedarf ein Kind hat. Vorrang hat hier aber immer die Integration. Es muss der Bedarf des Kindes im Vordergrund stehen, nicht der Bedarf der Förderschule. Auch die Zusammenarbeit zwischen Regel- und Förderschulen muss verbessert werden.

Freie Presse: Das Institut für Menschenrechte beobachtet die Umsetzung der UN-Konvention und wirft dem Freistaat vor, "die Glocken nicht läuten zu hören".

Roland Wöller: Ich höre die Glocken der Dresdner Frauenkirche jeden Tag. Aber ernsthaft: Es ist doch viel passiert: Kinder mit geistigen Entwicklungsstörungen sind im Gegensatz zu DDR-Zeiten heute Schulkinder, die gefördert werden. Der Anteil von Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf, der an Regelschulen lernt, hat sich im Freistaat verdoppelt. Wir begrüßen die UN-Behindertenrechtskonvention. Sie bedeutet aber ein Paradigmenwechsel für die ganze Gesellschaft. Wir reden immer noch über Defizite Behinderter, anstatt Vielfalt als Bereicherung und Chance zu sehen. Die Integration von behinderten Menschen muss zur Selbstverständlichkeit werden. Das ist ein Prozess und der lässt sich auch im Bereich der Schulen nicht von heute auf morgen umsetzen. Wir möchten da mehr Fortschritte erreichen und packen es auch an.

Freie Presse: Was wollen Sie bis wann erreichen?

Roland Wöller: Wir wollen, dass Sonderpädagogik so schnell wie möglich zum festen Bestandteil der Ausbildung aller Lehrer und Erzieher wird: als prüfungspflichtiges Lehrfach und im Rahmen der schulpraktischen Übungen. Hier sind wir im Gespräch mit den Universitäten, die darüber entscheiden müssen. Um den erheblichen Bedarf an Fachkräften zu decken, bieten wir für mindestens 50 Prozent der Referendare für Grund-, Mittel- und Förderschulen eine Übernahmegarantie in den öffentlichen Schuldienst. Die Regelung soll ab 2012 greifen. Außerdem haben wir seit 2008 eine Offensive zur sonderpädagogischen Aus- und Weiterbildung gestartet, die jedem Lehrer angeboten und auch sehr gut angenommen wird.

Freie Presse: In einem Experten-Gutachten wird Sachsen empfohlen, die Sonderpädagogen der Förderschulen an den Regelschulen einzusetzen bzw. die barrierefreien Förderschulen zu Regelschulen umzufunktionieren. Dadurch entfiele die teure Doppelstruktur von Regel- und Förderschulen. Was halten Sie davon?

Roland Wöller: Ich will keinen Vorschlag vom Tisch wischen. Aber für mich geht es in erster Linie um die Zukunft von Kindern und nicht um Fragen der Wirtschaftlichkeit. Das Prinzip lautet: So viel Integration wie möglich und so viel Förderschule wie nötig. Es gibt viele Eltern, die mit ihren Kindern gute Erfahrungen an Förderschulen machen. Deshalb werden wir die Förderschulen nicht abschaffen. Wir brauchen beides. Förderschulen und Integration an Regelschulen.

Freie Presse: Noch ist Integration Ausnahme und Förderschule Regel. Sachsen lässt keinen zieldifferenzierten Unterricht ab Klasse 5 an Regelschulen zu. Die Abweichung von den Regellernzielen brauchen eine Reihe behinderte Kinder aber.

Roland Wöller: Wenn Anpassungen nötig sind, wird auch das Schulrecht geändert. Wir wollen aber zunächst mit allen Betroffenen über das inklusive Lernen reden - mit Eltern und Lehrern insbesondere Sonderpädagogen. Gesetzesänderungen stehen am Ende des Diskussionsprozesses.

 
erschienen am 31.03.2011
 
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