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Ventil statt Krawalle: An der Straße des 18. Oktober ließ die Polizei Proteste gegen die rechte Demo in Sicht- und Hörweite zu.

Foto: Michael Trammer/Imago

Leipzig: Polizei lässt Proteste in Sichtweite zu - Ausschreitungen bleiben aus

Nach zuerst befürchteten Krawallen lobt die Polizei die Ordnung der Demos gegen den rechten Aufmarsch in Leipzig. Alle hätten dazugelernt - auch sie selbst.

Von Jens Eumann
erschienen am 19.03.2017

Leipzig. Nicht alle ließen sich von düsteren Polizei-Prognosen abhalten: Ein Tross von rund 1000 Menschen zog Samstagvormittag vom Leipziger Zentrum die Karl-Liebknecht-Straße Richtung Connewitz. Dort hatte die Partei "Die Rechte" zum Aufmarsch aufgerufen, der von der Stadt aber verboten und auf eine andere Route gelenkt worden war. Den Einspruch der Rechten lehnte das Oberverwaltungsgericht ab.

"Gut so, sonst käme es wirklich zu Problemen", urteilt Dietmar Rauch, an dessen Haushaltswarenladen an der Liebknechtstraße nun die Banner der Gegen-Demonstranten vorbeiziehen: "Am achten Tag schuf Gott den Antirassismus, und er sah, dass er gut war", steht auf einem, "Der Weg von 'Sorge' zu Gewalt ist kürzer als von Dresden nach Heidenau" auf einem anderen. Am Straßenrand imitiert ein Mann einen Hitlerbart. Er hält zwei Finger an die Oberlippe. Das ist nicht verboten wie jener Hitlergruß, den die Polizei zuvor schon hatte ahnden müssen, dennoch wird der Provokateur von Polizisten zur Seite genommen. Polizeisprecher Andreas Loepki hatte im Vorfeld vor Ausschreitungen durch die rechtsextreme "Brigade Halle" gewarnt. Die hatte bei einem ähnlichen Aufmarsch 2015 angekündigt, den linksalternativen Stadtteil Connewitz "in Schutt und Asche" zu legen. In der Tat kam es damals zu Ausschreitungen von rechter wie linker Seite.

Jetzt ist aus Halle statt der Neonazis das Bündnis "Jugend gegen Rechts" in Leipzig. Sprecherin Anna Luca sagt über Lautsprecher, es sei wichtig, "dass sich Jugendliche zusammenschließen, um sich gegen den Rechtsruck zu wehren, weil wir alle davon betroffen sind". Ein Mann schiebt ein Fahrrad mit zwei Kindern in Sitzen an Lenker und Gepäckträger. Die Warnungen der Polizei kenne er, sagt der 29-jährige Florian. "Man muss halt aufpassen, wo man sich aufhält." Die Kinder mitzunehmen, sei ihm wichtig angesichts der Trends in Europa und der Welt, die ja auch sie beträfen. Der 64-jährige Winfried Güldner bläst Seifenblasen über die Menge. Ein Symbol für Friedfertigkeit, erklärt er. Schon zu DDR-Zeiten habe er als Bausoldat bei der NVA den Dienst an der Waffe verweigert. Logische Folge, sich heute gegen Rechtsextreme einzubringen.

Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) dankt am Mikro allen, die "seit Monaten" dafür sorgen, dass Leipzigs Straßen "nicht von Rassisten und Neonazis beherrscht werden". Nahe dem Start des rechten Aufmarsches löst sich die erste der vielen Gegendemos auf. Massen strömen zu anderen Kundgebungen entlang der rechten Route. An einigen Stellen unterbindet die aus sieben Bundesländern verstärkte sächsische Polizei Versuche, ihren Kordon zu durchbrechen. Bei rund 2500 Beamten ist das kein Problem.

Gegen 13 Uhr marschieren rund 150 rechte Demonstranten los - und werden prompt gestoppt. Manche haben sich vermummt. Erst als Kapuzen und Schals abgelegt sind, geht es weiter. An der Nationalbibliothek schallt von fern der Protest der Gegner über Polizeisperren hinweg. Auch entlang der Straße des 18. Oktober wird protestiert. Ein älteres Paar hat Lautsprecher auf den Fenstersims einer Wohnung im ersten Stock gestellt, spielt afrikanische Rhythmen und tanzt im Zimmer, während beide den Rechten den Mittelfinger hinrecken. Einige 100 Meter weiter hat die Polizei Gegendemonstranten bis auf zehn Meter an den Aufmarsch herangelassen. Hier fliegen, wie die Polizei später meldet, zwei Steine und wassergefüllte Ballons, die nach einem Platzregen zuvor aber kaum ins Gewicht fallen. Durch einen Böller, behauptet ein rechter Demonstrant, habe er ein Knalltrauma erlitten. Polizeisprecher Andreas Loepki erklärt später, das Zulassen der nahen Gegenproteste habe vieles kanalisiert. Aus den Ereignissen von 2015 habe man gelernt. "Aber in Sicht- und Hörweite heißt auch in Wurfweite."

Nach überwachter Abreise der Rechten bilanziert die Polizei alles in allem 20 Straftaten, 15 Festnahmen und zwei Verhaftungen. "Angesichts der Größe des Geschehens sehr moderat", lobt Loepki. Nur abseits der Demos griffen Täter Polizisten an und versuchten, Barrikaden zu errichten. Mit Hilfe von Anwohnern wurden diese geräumt.

 
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