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Was beim NSU-Banküberfall 2006 in Zwickau passierte

Terrorist Uwe Böhnhardt soll extrem brutal vorgegangen sein. Bei diesem letzten von zehn Raubzügen in der Region wurde ein Mann angeschossen.

Von Christoph Lemmerund Gabi Thieme
erschienen am 18.02.2016

München/Zwickau. Als extrem brutal haben Zeugen im Münchner NSU-Prozess gestern den Überfall auf eine Sparkasse in Zwickau geschildert, der den Rechtsterroristen zugeschrieben wird. Der Täter habe dabei im Oktober 2006 auf Angestellte eingeschlagen, wild um sich geschossen und laut gebrüllt, hieß es vor dem Oberlandesgericht. Offenbar handelte es sich um Uwe Böhnhardt, der diesen Überfall allein verübt haben soll. Beute machte er nicht. Am schwersten getroffen wurde ein Mann, der damals als Auszubildender in der Filiale arbeitete.

Er sagte als Zeuge vor Gericht, er habe versucht, den Räuber zu packen und zu überwältigen. Der Täter habe gebrüllt: "Bist du verrückt?" Dann sei ein Schuss gefallen, und der Täter sei geflohen. Der Zeuge habe erst bemerkt, dass er von einer Kugel getroffen wurde, als er sich an den Bauch fasste. Er habe auf einmal Blut an den Händen gehabt. Der Mann wurde nach der Tat 14 Tage im Krankenhaus behandelt. Die Ärzte entfernten ihm die Milz. Aus überwiegend psychischen Gründen war er in den Jahren danach meist krankgeschrieben. Später ließ er sich zum Tischler umschulen.

Eine andere Sparkassen-Mitarbeiterin berichtete, der Täter sei "wie auf Drogen" gewesen. "Ich hatte das Gefühl, dass das alles brutal, hektisch und laut ablief." Der Mann habe schon losgebrüllt, als er mit einer Sturmhaube maskiert in die Filiale geeilt sei. Eine Kollegin habe er mit einem Tischventilator geschlagen.

Dann habe er fliehende Mitarbeiter in den Pausenraum verfolgt, wobei mindestens ein Schuss gefallen sei. In einer anderen Situation habe er seine Pistole im Anschlag gehalten. Jemand habe seinen Arm nach unten gezogen, worauf ein Schuss in den Fußboden gegangen sei. Die Zeugin sagte, der Täter habe ihr die Pistole vor die Stirn gehalten. Sie habe sich panisch gefürchtet, sie könne in den Tresorraum zitiert werden, weil ihr der Code zum Öffnen in dieser Situation nicht eingefallen wäre.

Der bewaffnete Raubüberfall auf die Zwickauer Sparkassenfiliale in der Kosmonautenstraße im Stadtteil Eckersbach in den Mittagsstunden des 5. Oktober 2006 war der letzte in einer Serie von insgesamt zehn Überfällen auf Sparkassen und Postfilialen in Chemnitz und Zwickau ab Oktober 1999. Alle trugen dieselbe Handschrift. Dreimal waren Geldhäuser in Zwickau betroffen, darunter auch die Post in Eckersbach und eine Sparkasse in Zwickau-Auerbach. Die Täterbeschreibungen der Mitarbeiter stimmten immer mit den Angaben aus vorangegangenen Fällen überein. Außer in der Kosmonautenstraße waren stets zwei Täter am Werk. Fast immer waren sie mit Tüchern maskiert, trugen Basecaps, mehrmals dieselben Turnschuhe, und stets gingen sie arbeitsteilig vor: Einer forderte mit vorgehaltener Waffe die Herausgabe allen Bargeldes. Der andere behielt mit einer Pumpgun die Mitarbeiter und den Eingangsbereich im Blick. "Sie gehen nicht zimperlich vor, da fliegen auch mal Computer durch die Gegend", berichtete ein Ermittler damals. Auch Warnschüsse gab es. Mehrmals wurden die Männer gesehen, wie sie auf Fahrrädern flüchteten. Doch den Ermittlern war klar, dass in der Nähe ein Kleintransporter oder Pkw auf sie gewartet haben musste. Mit Beate Zschäpe am Steuer?

Ein System für die Überfälle war nur insofern zu erkennen, als die Männer wohl immer dann zuschlugen, wenn sie wieder Geld brauchten. Warum sie im November 2006 Stralsund als neuen Tatort wählten, ist unklar. Dort wurde ein und dieselbe Sparkasse am 7. November und noch einmal am 18. Januar 2007 geplündert. Die hiesigen Ermittler wurden auf den Fall aufmerksam, als die Kollegen von der Ostsee die Fahndungssendung "Kripo live" einschalteten. Trotz 22.000 Euro Belohnung für Hinweise zu den Tätern und trotz zahlreicher Bilder von Überwachungskameras tappte die Polizei bis November 2011 im Dunkeln. Bis dahin hatte es noch Banküberfälle in Thüringen - in Arnsfeld und Eisenach - gegeben, die wieder nach demselben Schema abliefen. Erst als sich im November 2011 in Eisenach in einem Wohnmobil zwei Männer erschossen, war rasch klar, dass es sich um die seit 1999 gesuchten Bankräuber handelte - Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, die dem Trio "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) angehörten.

Der gestern in München vor Gericht rekonstruierte Sparkassenüberfall ereignete sich genau sechs Monate nach dem letzten der neun sogenannten "Ceska"-Morde des NSU. Diese wurden alle mit derselben Pistole vom Typ "Ceska" begangen. Die Opfer waren Gewerbetreibende mit türkischen oder griechischen Wurzeln. Die Taten gelten als rassistisch motiviert. 2007 später sollen Mundlos und Böhnhardt in Heilbronn eine Polizistin ermordet haben. Verantworten für die Taten muss sich Beate Zschäpe, die einzige Überlebende des Trios. (mit dpa)

 
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