Sachsen im Demokratie-Stress

Ein Sammelband zur Geschichte der Jahre 1918 bis 1933 zeigt, wie zerrissen die sächsische Gesellschaft schon damals war. Hat die innere Uneinigkeit eine Tradition, die bis heute anhält? Ein neuer Blick auf die Weimarer Republik zeigt auch die Chancen von damals - im Freistaat.

Die politische Debattenkultur in vielen westlichen Demokratien polarisiert sich seit Jahren immer stärker. Die Lagerbildung hat zu-, die Aussichten auf Mehrheiten abgenommen. Die jüngsten Landtagswahlen in Brandenburg und vor allem in Sachsen sind ein Beispiel dafür. Oft wird der Begriff von den "Weimarer Verhältnissen" als Warnung, aber auch als Erklärungsmuster für die zunehmende Fragilität herangezogen, die sich durch alle Gesellschaftsschichten zieht. Drohen heute diese Verhältnisse, die 1933 in der Machtergreifung der Nationalsozialisten endeten? Da lohnt ein genauer Blick in die Geschichte.

Der neue Sammelband "Der gespaltene Freistaat" tut genau das für Sachsen. Der von Konstantin Hermann, Mike Schmeitzner und Swen Steinberg herausgegebene Band vereint Aufsätze und Fallstudien, die für die Jahre von 1918 bis 1933 den Blick dafür schärfen wollen, wie vielgestaltig und facettenreich, zuweilen auch direkt widersprüchlich, die Entwicklungen in der sächsischen Gesellschaft verlaufen sind. Die Weimarer Republik in ihrer Ambivalenz zwischen verlorenem Krieg und staatlichem Neubeginn wird nicht nur unter den Blickwinkel des Scheiterns betrachtet.

Rückblick: Die Landtagswahl in Sachsen 1926 endete für die Demokratie in einem Desaster. Die bürgerlichen Parteien, die Deutsche Demokratische Partei (DDP) und die Deutsche Volkspartei (DVP), aber auch die oppositionellen Deutschnationalen, die der Weimarer Republik feindselig gegenüberstanden, mussten schwere Verluste einstecken. Deutlich geringer waren die Verluste der SPD, aber auch die Sozialdemokraten verloren neun von 40 Mandaten. Die Wahlgewinner waren die neuen Interessenparteien des "radikalisierten Mittelstandes", die Wirtschaftspartei (10,1 Prozent) und die Reichspartei für Volksrecht und Aufwertung (4,2 Prozent). Die beiden staatstragenden bürgerlichen Parteien DDP und DVP bekamen zusammen nur noch 17,1 Prozent der Stimmen. Der Zerfall der bürgerlichen Mitte hatte mit dem Einzug von Klientel- und Kleinstparteien in den Landtag begonnen. Zudem war fast ein Drittel der Wahlberechtigten erst gar nicht zur Wahl gegangen. Die Nationalsozialisten zogen zwar erstmals in den Landtag ein, waren aber mit 1,6 Prozent der Stimmen lediglich eine Splitterpartei, wie Clemens Vollnhals in seiner Studie "Die völkische Bewegung und der Aufstieg der NSDAP in Sachsen" festhält.

Ganze drei Jahre später war die NSDAP eine Massenpartei, eine Volkspartei des Protests, die ihre Wählerschaft aus allen sozialen Schichten rekrutierte. Vollnhals schildert, wie es dazu kam, wie die Partei erst den Kampf um die Hegemonie im völkischen Lager für sich entschied und dann den bürgerlichen Parteien das Wasser abgrub.

Das linke Lager war relativ stabil im "roten Sachsen": Vollnhals zeigt jedoch, dass die NSDAP auch für Arbeiter zunehmend attraktiver wurde. Hatten bei der Reichstagswahl 1930 etwa zehn Prozent der Arbeiter für die NSDAP gestimmt, so lag zwei Jahre später der Anteil bei einem Drittel. Es gab sie aber noch, die roten Bastionen, vor allem, wenn ein fest gefügtes sozialistisches Vereinsmilieu bestand. Etwa in Freital, das mit rund 35.000 Einwohnern Mitte der 1920er-Jahre die neuntgrößte Stadt Sachsens und die einzige mit einem SPD-Oberbürgermeister an der Spitze war. Das "Tal der Arbeit" blieb auch dann noch rot, als in den alten Industrierevieren Sachsens dem Sozialismus die Leute in Scharen davonliefen. In Freital war die sozialistische Welt in Ordnung, während der Wahlkreis Chemnitz-Zwickau früh eine Hochburg der NSDAP geworden war. Dazu gehörte auch Plauen im Vogtland.

Die viel beschworene Arbeiterklasse war auch nach der gewaltsamen und unter Einsatz der Reichswehr beendeten Episode des "linksrepublikanischen Projekts" von 1923 kein homogener Block, sondern sozial ausdifferenziert und in unterschiedliche Milieus fragmentiert. Perspektivisch konnten letztlich die Nationalsozialisten von den tiefen Lagergräben profitieren. Ihr Versprechen, mit Hilfe einer "Volksgemeinschaft" diese Gräben zu überwinden, war ungemein populär.

Während der völkische Block und die Arbeiterbewegung in Sachsen relativ gut erforscht sind, gibt es noch große Forschungslücken für das bürgerliche Lager, das eine zentrale Rolle in den 1920er-Jahren gespielt hatte, wie Swen Steinberg in seiner Einleitung schreibt. Sachsen wies infolge der Industrialisierung nicht nur eine spezifische Wirtschafts- und Sozialstruktur auf, die sich in einem vergleichsweise hohen Anteil an Erwerbsarbeit sowie an klein- und mittelständischen Betrieben zeigte. Infolge des Fehlens einer starken dritten politischen Kraft wie sie etwa in Preußen mit dem katholischen Zentrum zu finden war, prallten in Sachsen nach 1918 auch die politischen Lager besonders deutlich aufeinander - stärker als in anderen Teilen des Reiches, etwa im Südwesten der Republik.

"In die Mitte und damit zwischen die teils extrem weit auseinander liegenden politischen Pole der sächsischen Gesellschaft der Zwischenkriegszeit tastet sich die Forschung eigentlich erst jüngst vor", so Steinberg. Er lenkt den Blick auf die Grauzonen inmitten der sächsischen politischen Landschaft und auf die feinen Schichtungen von Reichtum, Status und Einfluss in dem Milieu, das wir heute "die Mitte" nennen würden.

Hochinteressant dazu ist der Beitrag des Briten James Retallack ("Rotes Königreich oder Hort des Konservatismus") über die politische Entwicklung Sachsens im späten Kaiserreich: Retallack arbeitet heraus, dass die sächsische Regierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts und die nichtsozialistischen Parteien darin übereinstimmten, dass kein neues Landtagswahlrecht erlassen werden könne, welches die Mehrheit der Roten im Parlament ermögliche. "Diese Lähmung des politischen Reformprozesses setzte sich bis zum Ende des Krieges 1918 fort."

Retallack: "In Sachsen der Jahre 1890 bis 1918 hatte die Polarisierung zwischen Sozialdemokraten und ihren Gegnern Vorrang vor jeder anderen politischen Entwicklung. Und sie wurde nie aufgelöst. Der antidemokratische Ballast der Bismarckzeit wurde dabei durch sächsische Bürger verstärkt, die weitgehende Reformen als Bedrohung und nicht als Chance ansahen." Retallacks These: "Sachsens politische Kultur war zu unmodern, um im 20. Jahrhundert zu überleben."

Janosch Pastewka ("Der Landtag als Ort der Verständigung") sieht hingegen durchaus positive Momente. Der sächsische Landtag sei lange Zeit ein Ort der Verständigung gewesen: "Hier bildeten sich Vertrauensräume, in denen sich politische Gegner näher kommen konnten, als irgendwo sonst." Der Landtag war seiner Ansicht nach ein Ort des offenen pluralistischen Diskurses und möglicherweise demokratischer als die Gesellschaft der Weimarer Republik um ihn herum.

Ab 1933 wurde auch, aber nicht nur mit Mitteln der Diktatur eine Art "Zwangseinheit" der sächsischen Gesellschaft forciert. Nach 1945 wurde diese Einheit unter umgekehrten Vorzeichen bis 1989 fortgesetzt - auch wenn sich die sächsische Gesellschaft durch die Kriegserfahrungen und sozialistische Erziehung verändert hatte. Die Risse wurden zum Teil nur überdeckt, die zwischen Bürgertum und Linken sogar noch vertieft. Das wirkt bis heute nach. Das Trennende ist in einer demokratischen Gesellschaft übrigens Normalität. Die Demokratie muss das, wenn sie denn funktioniert, durch Kompromisse zusammenführen. Ausgleich statt Polarisierung - das vor allem lehrt die Entwicklung der Weimarer Republik.

Die will Mike Schmeitzner vom Hannah-Arendt-Institut in Dresden nicht nur vom Scheitern her beurteilen. Er erkennt ähnlich wie Pastewka im Landtag einen wichtigen Teil der Demokratiegeschichte Sachsens. Schmeitzner sieht vor allem die Chancen des Neuanfangs mit der Herausbildung des ersten sächsischen Freistaats. "1919/20 hat es zwischen Sozialdemokratie und größeren Teilen des liberalen Lagers ja auch einen Brückenschlag gegeben. Ein längerfristiger Ausgleich schien möglich. Das vorläufige Grundgesetz 1919 und die sächsische Landesverfassung 1920 hatten eine breite Mehrheit. Damit wurde erstmals in Sachsen die parlamentarische und die direkte Demokratie verankert und so die Teilhabe der Bürgerinnen und Bürger erheblich erweitert. Das könnte auch eine Anregung für die Gegenwart sein, kluge politische Kompromisse zu schmieden statt extremen Polarisierungen Raum zu geben."


Buchtipp

Konstantin Hermann, Mike Schmeitzner, Swen Steinberg (Hg.): "Der gespaltene Freistaat. Neue Perspektiven auf die sächsische Geschichte 1918 bis 1933", 2019, Leipziger Universitäts-Verlag, 29 Euro.

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