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Von Bergbau bis Lebenshunger: Eine Oper, die mitten ins Heute trifft und eine Geschichte, die uns alle bewegt!

Eine Oper über und für die Region: "Rummelplatz" kommt mit voller Wucht in Zeitlupe

Einstige Bergbau-Schicksale der Wismut werfen auf der Chemnitzer Opernbühne universelle Fragen auf - Premiere am 20. September.

 

Nachts auf dem Rummelplatz entlädt sich, was tagsüber verborgen bleibt: der Wunsch nach Ausbruch, nach einem Moment der Leichtigkeit, nach einem kleinen Stück Freiheit. Dieses Gefühl kennen wir alle. Vor 70 Jahren - wenige Jahre nach Kriegsende - fühlte sich dieses Stück Freiheit noch intensiver an: Für die Bergarbeiter der Wismut AG war die Überschlagschaukel ein Gegenentwurf zum Alltag voller Schufterei, ein Ort, an dem das Leben für einen Augenblick Kopf steht. Die neue Oper "Rummelplatz", die am 20. September 2025 im Opernhaus Chemnitz ihre Uraufführung erlebt, greift dieses Bild auf. Komponist Ludger Vollmer und Schriftstellerin Jenny Erpenbeck haben den gleichnamigen Roman des Chemnitzer Schriftstellers Werner Bräunig für die Bühne adaptiert und setzen damit ein Werk in Szene, das tief in die Geschichte der Region eintaucht und zugleich universelle Fragen stellt.

Ein unvollendetes Meisterwerk 

Im Zentrum steht die Welt der frühen DDR, geprägt vom Uranabbau in Sachsen und Thüringen, harter Arbeit und einem Klima zwischen Aufbruchsideen und Instrumentalisierung. Bräunig, 1934 in Chemnitz geboren, hatte diese Realität in den sechziger Jahren literarisch verdichtet. Sein Roman, von den Machthabern der DDR früh gestoppt und erst 2007 veröffentlicht, ist ein unvollendetes Meisterwerk geblieben. Für Regisseur Frank Hilbrich liegt gerade in diesem offenen Ende eine große Stärke: "Für den viel zu früh gestorbenen Autor war es tragisch, sein Werk nicht vollenden zu können. Für die Leserinnen und Leser ist es dagegen eine Einladung zum Weiterdenken. Im Kern geht es um die Frage, wie Gesellschaftssysteme aussehen müssen, damit Menschen in ihnen glücklich werden können."

Die Kraft der Zeitlupe

Die Inszenierung von Frank Hilbrich übersetzt diesen Gedanken in eine ganz eigene Spielweise, denn viele Szenen der Oper entfalten sich in Zeitlupe. "Nehmen wir den Handschlag als Beispiel", erklärt Frank Hilbrich. "In der Zeitlupe sehen wir besser, von wem er ausgeht, wie die andere Person reagiert, wer sich vielleicht unwohl fühlt und wer den Handschlag zuerst wieder löst. Die Wucht der Situation verstärkt sich. Eine Prügelei im Wirtshaus wird so zu einer Szenerie, die jede Geste sichtbar macht." Die große Besetzung mit Chor, Kinderchor und aller Robert-Schumann-Philharmoniker unterstreicht diese Wucht sogar noch. Für die Darsteller auf der Bühne gelte dabei eine einfache, aber herausfordernde Regel: Immer in Bewegung bleiben, keine Sekunde innehalten. Es ist ein Spiel, das vom Fluss lebt - ein Prinzip, das schon in Bräunigs Erzählweise angelegt ist und sich auch in Ludger Vollmers Musik für die neue Chemnitzer Oper widerspiegelt. 

Zwischen Pflicht und Selbstverwirklichung

Für Etienne Walch, der die Rolle des Christian Kleinschmidt übernimmt, bedeutet das eine besondere Herausforderung: "Dein Körper bewegt sich in Zeitlupe, während du im Normaltempo singst - auf Opernlänge ist das eine ganz neue Herausforderung", lacht der 32-Jährige, der beim Gesang alle Register ziehen muss. Die Arbeit mit Frank Hilbrich schätzt er sehr, der Regisseur bringe eine klare Vision mit, lasse aber auch Raum für Improvisation. Und zu seinem Charakter Christian Kleinschmidt, der zwischen  Pflichtbewusstsein und dem Bedürfnis nach Selbstverwirklichung schwankt, sieht er durchaus persönliche Anknüpfungspunkte. Es sei kein Stoff, der nicht weiß, was er sagen will - im Gegenteil. "Sehr Konkret und dadurch berührend", beschreibt Etienne Walch den Kampf aller Protagonisten, das Beste aus ihrem Leben herauszuholen. "Jeder auf seine ganz eigene Weise und im Bergbau-Schicksal doch vereint - das macht es so spannend."  

Aktuelle Fragen einer geteilten Geschichte

Dass der Stoff nicht in der Vergangenheit stehen bleibt, ist Frank Hilbrich ein besonderes Anliegen: "Auch 35 Jahre nach der Wiedervereinigung sind viele Fragen zwischen Ost und West ungeklärt geblieben. Bräunigs Figuren sind Suchende, die nach ihrem Platz in der Gesellschaft ringen. Diese Suche ist heute genauso aktuell." Deshalb versteht der Regisseur die Oper nicht nur als historische Aufarbeitung, sondern als Aufforderung zum Gespräch. Passend dazu werden im Anschluss an jede Aufführung - außer der Premiere - Nachgespräche mit Expertinnen und Experten stattfinden.
"Gerade hier in Chemnitz kann man stolz darauf sein, dass dieser Stoff auf die Bühne gebracht wird", sagt Frank Hilbrich. "Bräunig war ein Sohn dieser Stadt. Wer ‚Rummelplatz‘ sieht, erlebt nicht nur eine Oper, sondern auch ein Stück Reflexion über die eigene Geschichte." 

 

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