In seinem Soldbuch steht es schwarz auf weiß: Gerhard Bochmann aus Albernau wurde im Januar 1945 im Lazarett am Floßgraben behandelt, das heute von einem Geheimnis umgeben ist.
Foto: Publicpix
Zeitzeuge erinnert sich an seine Behandlung im alten Lazarett
Wurden in Niederschlema geheime Menschenversuche gemacht?
Albernau/Bad Schlema. Beim Rückzug der deutschen Wehrmacht im Westen fiel Gerhard Bochmann in ein Loch. Ein Spalt im Beton einer zerschossenen Straßenunterführung wurde dem damals 19-Jährigen zum Verhängnis. Er riss sich das Bein auf, bekam eine Blutvergiftung. "Vom Fuß bis zum Oberschenkel war alles total vereitert", erinnert sich Bochmann.
Der Senior wohnt in Albernau. Damals wurde er zur Genesung in ein Lazarett nahe seines Heimatdorfes verlegt. Am 10. Januar 1945 kam er ins "Teil-Lazarett Niederschlema", einem villenähnlichen Backsteinbau am Floßgraben, der heute von einem Geheimnis umgeben ist.
Forschen für die Bombe
Das Lazarett hatte eine Arbeitsbeziehung zum Radiumforschungsinstitut Oberschlema, wo seit 1940 die Heilkraft des Edelgases Radon untersucht wurde. Während des Zweiten Weltkriegs arbeiteten die Ärzte und Laboranten aber auch fürs Militär. Sie sollten herausfinden, wie sich radioaktive Strahlung auf den Körper auswirkt, ab welcher Dosis Krebs entsteht und wie sich Strahlen als Kampfmittel einsetzen lassen.
Der Schneeberger Heimatforscher Günter Eckardt behauptet, dass dabei gezielt Menschen verstrahlt worden sind. Die Versuche seien nicht im Institut selbst, sondern im Lazarett am Floßgraben vorgenommen worden - in einem unterirdischen Raum, der bei Kriegsende versiegelt und bis heute nicht wiedergefunden worden ist. Ein Lageplan der angeblichen Geheimkeller geistert seit Monaten durch die Schatzsucherszene. Dass die Eigentümerin des heute leer stehenden Gebäudes, eine Immobilienfirma aus Berlin, keine Suche zulassen will, bestärkte Eckardt in seiner Auffassung.
Nun gibt es also einen Zeitzeugen, der sich im Januar 1945 im Lazarett aufgehalten hat. Eckardts Theorie zufolge liefen die geheimen Versuche in dieser Zeit noch immer. Drei Wochen lang wurde Gerhard Bochmann hier behandelt. Aufgefallen ist ihm nichts. Keine unheimlichen Todesfälle, keine streng bewachten Bereiche. "Ich habe aber auch nicht versucht, in den Keller zu gelangen", räumt der 86-Jährige ein.
Interessantes Detail: Wie lautet die lilafarbene Unterschrift? Die "Freie Presse" sucht Leser, die diese Schrift entziffern können. Fotos:
Foto: Mario Ulbrich
Woran er sich erinnert, ist ein kleines Wunder: Nach zwei Wochen eiterte seine Wunde nicht mehr und heilte von Tag zu besser. "Dreimal täglich musste ich eine scheußlich schmeckende Flüssigkeit trinken", sagt Bochmann. "Was das war, weiß ich nicht." Der Biophysiker Dietrich Harder aus Göttingen glaubt, dass es sich um Radonlösung handelte, die für eine Verbesserung der Wundheilung sorgen sollte. Ein Experiment, das offenbar gelang. Harder, der Eckardts Todes-Thesen für Unfug hält, geht davon aus, dass die Ärzte des Radiuminstituts im Lazarett die Heilwirkung von Radon testeten.
Das schließt er aus der Form des Trinkgefäßes, das Gerhard Bochmann beschrieben hat. Allerdings schmeckt Radonlösung normalerweise nach gar nichts, und über die Gefäßform ist sich der Senior keineswegs sicher. Eine bemerkenswerte Spur ist es aber allemal, die der Albernauer hier ins Spiel gebracht hat.
Noch eine zweite Unterschrift des mysteriösen Mannes.
Foto: Mario Ulbrich
Ein weiteres interessantes Detail findet sich in seinem Wehrmachts-Soldbuch: Eine Unterschrift, die einem mysteriösen SS-Mann gehören könnte, der mit der angeblichen Atomwaffenforschung in Schlema in Verbindung gestanden haben soll, dessen tatsächliche Rolle jedoch ungeklärt ist. Hat dieser Mann womöglich im Lazarett gearbeitet?
"Leider kann ich die Unterschrift nicht lesen", bedauert Gerhard Bochmann. "Ich weiß auch nicht mehr, wie der Unterzeichner hieß."
Hinweise?
Wer kann die Unterschrift entziffern? Wie lautet der Namenszug? Hinweise bitte an die Lokalredaktion Aue. Telefon: 03771 594 13245. E-Mail: mario.ulbrich@freiepresse.de


