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Der Oboist, Komponist und Dirigent Heinz Holliger hat am Freitag den Robert-Schumann-Preis der Stadt Zwickau 2017 entgegengenommen.

Foto: Andreas Wohland

"Bei Schumann finde ich täglich Neues"

Robert-Schumann-Preisträger Heinz Holliger über den großen Zwickauer, den Umgang von Dirigenten mit dessen Werk und den Klang von Asche

erschienen am 23.01.2017

Zwickau. Der Schweizer Oboist, Pianist, Komponist und Dirigent Heinz Holliger hat am Freitag aus den Händen der Zwickauer Oberbürgermeisterin Pia Findeiß den Robert-Schumann-Preis 2017 der Stadt Zwickau für seine Verdienste um den romantischen Komponisten entgegengenommen. Torsten Kohlschein hat sich mit dem 77-Jährigen unterhalten.

Freie Presse: Herr Holliger, Sie haben im Verlauf Ihrer Karriere zahlreiche Preise verliehen bekommen. Der Robert-Schumann-Preis der Stadt Zwickau ist Ihr erster, der im Andenken an und für die Verdienste um einen Komponisten steht. Das spricht für ein besonderes Verhältnis, das Sie zu dem Zwickauer pflegen.

Heinz Holliger: Deswegen ist der Preis für mich auch von besonders großer Bedeutung. Schumann steht seit meiner Jugend im Zentrum meines musikalischen Denkens. Bei ihm finde ich täglich Neues. Es ist ein ständiges Wachsen und Weiterwachsen, und ich bin glücklich, dass ich die Gelegenheit habe, ihn als Oboist und Dirigent auf Tonträgern zu interpretieren.

Wie sah Ihre früheste künstlerische Begegnung mit Robert Schumann aus?

Die eigentliche Initialzündung war ein Konzert, das ich mit 15 Jahren mit einem anderen Schumann-Preisträger erlebt habe, mit dem Schweizer Geiger Hansheinz Schneeberger (geehrt 1995, d. Red.).

Was macht für Sie seine Musik zu etwas Besonderem?

Er hat eine völlig eigene Art Musik zu formulieren, innerlich zu hören. Es ist ein Vorurteil zu sagen, er habe einfach Beethoven weiterentwickelt. Er hat etwa ein völlig anderes Konzept von der Sinfonie gehabt. Die Idee, ein ganzes Werk aus einer einzigen Keimzelle zu formen, dass alles aus allem herauswächst. Von tiefster Melancholie zum himmelhoch Jauchzenden hatte er das gesamte Spektrum menschlicher Gefühle im Repertoire, und er hat harmonisch ein Gleichgewicht gefunden zwischen polyphonem Denken, wie es damals nur bei Mendelssohn so zu finden war, und extrem gespannter Chromatik in der Harmonik. In der "Manfred"-Ouvertüre gibt es ein paar Takte, die mit funk tionaler Harmonielehre gar nicht mehr zu analysieren sind. In Wagners "Tristan" kann man alles analysieren.

Wie beschreiben Sie seine Arbeitsweise?

Er muss ganz einzigartige Empfindungen gehabt haben, wenn er Musik geschrieben hat. Er war in der Lage, ein Stück wie die 1. Sinfonie in drei, vier Tagen zu entwerfen, noch dazu ein Stück, das so genau durchgedacht ist - nicht als äußerliches, ekstatisches Getue. Da kam auch der Jurist in ihm zum Vorschein, der alles genau ausgearbeitet hat. Er war von seinen frühesten Stücken an entfesselt in seiner Fantasie, und wurde eigentlich in den Spätwerken, die mancher heute kritisch sieht, immer strukturierter.

Sie haben Schumann mal einen Revolutionär genannt.

Das war er, auch politisch. Nicht so ein Gelegenheitsrevolutionär wie Wagner als Freund von Bakunin, der sich dann bei allen Adligen Geld geliehen hat. Er hat auch während der Märzrevolution Märsche geschrieben. Auch seine Chorwerke wie "Das Glück von Edenhall" oder "Des Sängers Fluch" sind politische, gegen die Diktatur gerichtete Werke. Er hat sich damit nie so gebrüstet wie Wagner. Auch kompositorisch ist "Lohengrin" oder "Tannhäuser" geradezu kleinbürgerlich verglichen mit dem, was Schumann zur selben Zeit geschrieben hat.

Warum haben Sie sich bei Ihrer Arbeit als Dirigent gerade so auf das Werk Schumanns konzentriert?

Er ist einer der am meisten missbrauchten Komponisten. Die Dirigenten spielen ihn mit riesigem Orchester, verdoppeln die Bläser und behaupten dann, Schumann könne nicht orchestrieren. Sie kümmern sich nicht um die Tempi, die Schumann angegeben hat, nehmen Retuschen vor, weil Schumann ja nichts verstanden hat. Das finde ich ziemlich extrem. Ich bin als Komponist, als Schüler von Pierre Boulez, ziemlich sensibel, was Orchestrierung angeht. Ich habe nie die kleinste Retusche in einem Schumann-Stück gemacht und für nötig befunden.

Eine Ihrer jüngsten Kompositionen sind die Romancendres für Cello und Klavier. Historische Grundlage ist, dass Clara Schumann 1893 das Manuskript der Cello-Romanzen, die Schumann 1853 kurz vor seinem Selbstmordversuch schrieb, verbrannt hat, weil es darin Hinweise auf die Liebesbeziehung zwischen seiner Frau und Brahms gegeben haben soll.

Letzteres ist eine Annahme. Man weiß nicht genau, was da war. Brahms und der Geiger Joseph Joachim haben die Romanzen bei ihrem Entstehen drei Jahre vor Schumanns Tod sehr gelobt. Plötzlich, nach 40 Jahren, war das nicht mehr der Fall, und Brahms zeigte seine Hochachtung vor diesem "Autodafé" Claras. Deswegen nimmt man an, dass es da persönliche Dinge gegeben hat, die aus dem Manuskript ersichtlich waren. Brahms hatte von Schumann an dessen Krankenbett in Endenich den Auftrag bekommen, die Romanzen kopieren zu lassen. Er hat es nicht getan. Obwohl er das Werk so gelobt hatte. Zudem haben Clara und Brahms später alle ihre Briefe an einander verbrannt.

Was war Ihr kompositorischer Ansatz bei den Romancendres?

Ich wollte hören, wie Musik aus Asche klingt. Wie alles, was da an Gefühlen drin war, völlig verwandelt und entmaterialisiert wieder hervorkommt. Mich hat fasziniert, wie bei Schumann in der Musik Texte zu entziffern sind, wenn man den richtigen Schlüssel findet ...

... und das haben Sie ihm nachgetan.

Ja. Ich habe Texte Wort für Wort in Rhythmen und Tonhöhen verwandelt. Es ist schon ein geheimnisvolles Stück. Nicht einfach ein Konzertstück, sondern ein Oratorium ohne Worte.

Wie sind Sie zu Ihrem Instrument, der Oboe, gekommen?

Ich war vom Klang dieses Instruments begeistert, vom Körperlichen, Sinnlichen, das der Sopranstimme, die ich damals gesungen habe, sehr ähnlich ist. Dort, wo ich aufgewachsen bin, war es aber sehr schwierig, das Instrument zu lernen, es überhaupt aufzutreiben. Erst musste ich ein Jahr Klarinette spielen. Man sagte mir, die sei auch schwarz und habe auch Klappen. Ich wusste damals nicht mal, wie eine Oboe aussieht. Schließlich durfte ich dann mit zehn Jahren nach Bern, dort das Instrument lernen. Mein Lehrer hat mich auch später sehr gefördert. Als ich 13 Jahre alt war, durfte ich etwa in Bern schon bei Beethovens "Pastorale" die außerhalb des Orchesters von fern erklingende Oboe spielen.

Der Schumannpreis ist mit 10.000 Euro dotiert. Wofür werden Sie das Geld verwenden?

Ich habe solches Geld bisher immer weggegeben. Wahrscheinlich fließt es in ein Schumann-Projekt. Wir haben ja jetzt mit dem WDR das Projekt der Aufnahme des Gesamtwerks für Orchester abgeschlossen. Im Februar beginnen wir mit den Chorballaden mit Orchester.

 
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