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Kolja "Koljah" Podkowik (rechts) sowie die Brüder Tobias "Panik Panzer" Pongratz (links) und Daniel "Danger Dan" Pongratz machen als Antilopen Gang deutschen Rap mit linken Texten.

Foto: Robert Eikelpoth

Das Schlimme nicht schlimmer machen

Rapper Koljah von der Antilopen Gang über politischen Rap, Außenseitertum und Gerichtsprozesse als Promo-Kampagnen

erschienen am 20.01.2017

Chemnitz. Deutschrap mit Punk-Attitüde, so lässt sich die Musik der Antilopen Gang auf den Punkt bringen. Auf poppigen Beats liefert das Trio gesellschaftskritische Gedanken, Selbstironie und krawallige Parolen. Mit ihrem Debütalbum "Aversion" brachte die Gang vor gut zwei Jahren die kritische Auseinandersetzung mit Rechtspopulisten und Kapitalismus in die Charts. Ausverkaufte Konzerte und ein "New Music Award" waren die Folgen. Heute erscheint ihr neues Album "Anarchie und Alltag". Lea Becker sprach darüber mit Rapper Koljah alias Kolja Podkowik.

Freie Presse: Deutscher Rap war in den letzten Jahren so politisch wie lange nicht. Woran liegt das?

Kolja "Koljah" Podkowik : Politischen Rap gab es immer. Es hat bloß eine Zeit lang niemanden interessiert. Heute gibt es viele politische Themen, an denen man nur schwer vorbeikommt. Als "Aversion" rauskam, ging es gerade mit den Pegida-Demos los, und die AfD hat sich von einer Anti-Euro-Partei hin zum Rechtspopulismus entwickelt. Zu dem Zeitpunkt waren wir und einige andere gerade mit Platten am Start und haben das thematisiert. Die Presse hat dann den Stempel draufgedrückt: Deutschrap ist wieder politisch. Was wiederum dazu geführt hat, dass auch andere politische Rapper mehr Gehör gefunden haben.

Heute spielen Sie ausgedehnte Touren, sind für Festivals gebucht und in den Medien präsent. Warum gerieren Sie sich auf "Anarchie und Alltag" trotzdem noch als ewige Außenseiter?

Natürlich müssen wir aufpassen, dass das nicht albern wird. Wir wollen ja nicht zur Eigenkarikatur werden. Aber unsere Texte sind nach wie vor nicht unbedingt mehrheitsfähig. Im Musikgeschäft sind wir noch immer das unterste Glied in der Nahrungskette. Aber wir haben es trotzdem weiter gebracht, als wir je gedacht hätten.

Vermitteln Sie auf dem neuen Album deshalb den Eindruck, dass Sie mit Ihrem Erfolg hadern?

Wir freuen uns schon, dass unsere Konzerte ausverkauft sind und dass wir Platten verkaufen. Aber wir neigen dazu, das ironisch zu thematisieren. Für mich ist es immer noch absurd, wenn wir zum Beispiel auf Preisverleihungen eingeladen werden. Oft denke ich: Haben die nicht gehört, was wir rappen? Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir Narrenfreiheit genießen, weil wir die Rolle der kritischen, frechen Revoluzzer ausfüllen.

Sie üben in Ihren Songs viel Kritik an den herrschenden Verhältnissen. Alternativen bleiben Sie jedoch schuldig. Warum?

Wir leben in sehr traurigen, finsteren Zeiten. Da kann ich keine positive Utopie formulieren. Man muss auch nicht genau ausformulieren können, was man will, um zu wissen, was man nicht will. Natürlich kann ich sagen, dass ich mir eine friedliche, herrschafts- und klassenfreie Gesellschaft wünsche. Aber das steht eben realpolitisch gerade nicht zur Debatte.

In "Patientenkollektiv" geht es darum, dass unsere Gesellschaftkrank mache. Wie kommen Sie darauf?

Das war im Prinzip die These des Sozialistischen Patientenkollektivs, einer realen Bewegung aus den Siebzigern. In dem Song schildern wir eigene Erfahrungen, die damit zu tun haben, an der Gesellschaft zu verzweifeln. Den Slogan der Gruppe, "Aus der Krankheit eine Waffe machen", haben wir dann noch im Refrain verwurstet.

Sehen Sie in unserer Gesellschaft denn gar nichts Gutes?

Grundsätzlich lebe ich nicht gerne im Kapitalismus, weil sich alles nur um Profitmaximierung und um die Ausbeutung von Arbeitskraft dreht. Aber es gibt Leute, die das Schlimme noch schlimmer machen wollen, ob das nun Nazis oder Islamisten sind. Gegen solche Leute muss man sogar die aktuelle Gesellschaft verteidigen.

Als 2014 gegen eine Flüchtlingsunterkunft in Freital demonstriert wurde, haben Sie dort ein Solidaritätskonzert für die Flüchtlinge gespielt. Wie waren die Reaktionen?

Seit wir vor zwei Jahren den Song "Beate Zschäpe hört U2" veröffentlicht haben, sind wir ins Visier von Neonazis und der neurechten Bewegung gerückt. Das geht von wüsten Beschimpfungen bis hin zu Morddrohungen. Wir halten mit unserer Meinung allerdings auch weiterhin nicht hinterm Berg und gehen auch schon mal dahin, wo es weh tut.

Der ehemalige Radiomoderator Ken Jebsen ist gegen besagten Song sogar gerichtlich vorgegangen ...

Das hat uns damals unheimlich viel Aufmerksamkeit verschafft. Ich hoffe wirklich, dass irgendjemand diesen Fehler wiederholt und uns noch mal so eine kostenlose Promo-Kampagne schenkt. Auf der neuen Platte werden schon ein paar Leute angesprochen.

Lutz Bachmann zum Beispiel?

In diesem Lied, in dem es um einen Lutz geht, wird ja kein Nachname genannt. Da kann jeder seine eigenen Schlüsse ziehen. Vielleicht gibt es ja den ein oder anderen Lutz, der sich bei uns meldet. Am Ende des Tages ist die Platte aber gut genug, um auch ohne Klage zu funktionieren.

 
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