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Auf der Jagd nach dem Lieblingsbuch: Besucher spurten durch Leipzigs Messehallen. Der Andrang gestern war gewaltig.

Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Die Buchsauger

Leser können wie Vampire sein. Sie beißen sich fest. Werfen sich ihren Lieblingsbüchern an den Hals. Sie wollen sofort haben, was sie sehen. Auf der Buchmesse Leipzig ist das seit Donnerstag möglich. Ohne Blutvergießen.

Von Torsten Kohlschein und Tim Hofmann
erschienen am 24.03.2017

Leipzig. Hartmut Mangold ist sechzig Jahre alt - und ein begeisterter Leser, der "gern selbst Bücher schreiben oder verlegen würde", der Arbeit wegen aber keine Zeit hat. Denn Hartmut Mangold ist Staatssekretär, und zwar im Sächsischen Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr. Auf der Leipziger Buchmesse, die gestern begann, referiert er am Stand der Bundesregierung vor einer Gruppe Zwölfjähriger über die Vorzüge von Büchern: "Ich brauche das Haptische. In ein E-Book kann man keine Eselsohren machen!" Ein Junge mit Rucksack hat da einen Einwand: "Aber für E-Books müssten keine Bäume gefällt werden!" Der Herr Staatssekretär lächelt nachsichtig: "Keine Sorge. Die werden doch alle wieder angepflanzt. Das ist alles ganz nachhaltig!"

Bäume sterben. Bücher leben. Als vor rund dreißig Jahren die CD als Novität auf den Tonträgermarkt kam, da fanden sich viele Zukunftsdeuter, die der Vinyl-Schallplatte das Ende prophezeiten. Auf Dauer sollten sie nicht Recht behalten: Die schwarze Scheibe ist wieder da, mit Zuwachsraten. Ähnlich klang das Totenglöckchen, das vor einigen Jahren beim Aufkommen der ersten E-Books dem Buch aus Papier geläutet wurde. Doch wer sich gestern zum ersten Tag der Leipziger Buchmesse auf den Weg machte, der bekam bei der Masse der Menschen, die in den Norden der Messestadt pilgerten, rasch den Eindruck: Das Buch, zumal das gedruckte, ist lebendig wie eh und je.

Seine Beliebtheit scheint ungebrochen zu sein. Vielleicht liegt es daran, dass Bücher, im Gegensatz zu Tweets und Facebook-Einträgen, auf so altmodische Weise entstehen: Eine Frau oder ein Mann setzen sich auf den Hosenboden vor ein elektronisches Schreibgerät - oder oft gar noch ein weißes Blatt Papier - und nehmen ihr ganzes Wissen, ihren ganzen Gehirnschmalz zusammen, um sie in die Form einer Geschichte zu gießen, einer erfundenen oder einer wahren. Letztlich ist die Buchmesse nichts anderes als ein Fest, zu dem Tausende dieser ernsthaften Menschen ihren kleinen Beitrag leisten - in Zusammenarbeit mit Verlagen, die daraus ein Produkt machen, das die Leute haben wollen.

Und das im Idealfall gleich vor Ort in Leipzig auf der Messe. Eigentlich wider jede Vernunft, könnten sie doch die Bücher, die sie beim Rundgang für interessant befunden haben, auch später in einer Buchhandlung erwerben, statt sie den ganzen Tag durch die Hallen zu schleppen. "Ich denke, es ist die besondere Atmosphäre, das gewisse Etwas der Messe", sagt eine der acht Kassiererinnen, die in der turnhallengroßen Messebuchhandlung am hinteren Rand von Halle 4 Buch um Buch scannt und nach Bezahlung den Kunden in der Papiertüte reicht.

Doch es gibt auch viel pragmatischere Gründe: "Ich habe zu Hause keine Zeit, in die Buchhandlung zu gehen", erklärt die 16-jährige Schülerin Julia Wiedner aus Bautzen, die mit ihrer Schulklasse den ersten Messetag nutzt und zwei dicke Spannungsromane eingesackt hat. Natürlich geht auch hier gut, was sich draußen gut verkauft - die Kassiererinnen machen übereinstimmend die neuen Thriller von Jussi Adler-Olsen "Selfies" und Sebastian Fitzeks "Achtnacht" als Topseller aus. Aber es sind nicht unbedingt nur neue Bücher, die die Aufmerksamkeit erregen.

Das Phänomen etwa, dass George Orwells Zukunftsroman "1984" in den USA zurück auf den Bestsellerlisten ist, wiederholt sich in Deutschland - vielleicht in etwas schwächerem Umfang, so eine Sprecherin des Berliner Ullstein-Verlags. Im Februar ist das Buch in neuer Ausstattung bei Ullstein in die 41. Auflage seit 1949 gegangen.

Es beschreibt einen totalitären Überwachungsstaat - schwarz-weiße, grafisch stark zurückgenommene Einbandgestaltung zeichnet die Neuauflage aus, die Kreise der "8" sind so weit übereinandergeschoben, dass aus der Mitte der Ziffer ein Auge herausschaut. Der Schnitt des Buches ist schwarz eingefärbt und knistert, wenn man das Buch zum ersten Mal öffnet.

Farbige Schnitte, anspruchsvoll gestaltete Einbände mit Struktur, Prägung, liebevoll ausgearbeitete Typografie, opulent und mit künstlerischem Anspruch illustrierte Neuausgaben allgemein bekannter Werke - all das sind Dinge, die das Buch als realer Gegenstand der digitalen Literatur voraushat, betont auch Andrea Doberenz vom Berliner Aufbau-Verlag. Wichtig sei die verlegerische Kompetenz zu spüren, welche Bücher den Nerv der Zeit treffen. Ein Beispiel aus ihrem Haus ist die Wiederauflage des Romans von Sinclair Lewis "Das ist bei uns nicht möglich", im Original "It can't happen here" von 1935: Eine vom Nationalsozialismus in Deutschland inspirierte Negativutopie über ein totalitär-populistisches Regime in den Vereinigten Staaten - ein Buch, das in der DDR ins Deutsche übersetzt bereits Mitte der 1980er-Jahre erschienen ist.

Leipzigs Buchmesse ist wohl auch deshalb ein Erfolg, weil man eben gleich kaufen kann, was man sieht. Leser beißen sich fest. Werfen sich ihren Lieblingsbüchern an den Hals. Sie sind wie Vampire. Kaufen können Buchsauger Bücher von Autoren, die auf der Messe oder in der Stadt lesen und signieren - und das nicht nur in der Messebuchhandlung, sondern auch bei zahlreichen jungen Damen in hellgrünen Shirts mit Bauchtasche und mobilem Quittungsdrucker, die sich über die Hallen verteilen. Es ist eben etwas anderes als bei anderen Messen, bei denen es reicht, eine Neuheit wie ein Küchengerät oder ein Musikinstrument mal in die Hand zu nehmen.

Und ob des vergleichsweise geringen Preises eines Buches fällt die Kaufentscheidung leichter. Ob die grundsätzliche Erhältlichkeit aller ausgestellten Bücher allerdings die Zahl der im Verlauf so einer Messe geklauten Bücher verringert hat, dürfte schwer zu ermitteln sein. Obgleich: Geklaut, so stellte einst der Frankfurter Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld fest, würden Bücher auf der Messe sowieso nicht: "Sie werden nicht gestohlen. Sie werden nur wegbewundert." Ein großer Verleger, der sich wie ein Kind über wirklich jeden Leser freute.

Wenn es richtig kindlich wird auf der Leipziger Buchmesse, prallen Welten aufeinander. Oder besser gesagt: aneinander vorbei. Und das nicht nur, weil aus irgendeinem Grund in Halle 2, wo die meisten Kinderbuchverlage versammelt sind, irgendwer allerlei Institutionen wie die Agentur für Arbeit, den Bundestag oder die Bundesbank dazwischenstreuselte. Vor allem könnten die Blickwinkel auf das Buch als Objekt der Begierde kaum unterschiedlicher sein: Klar, Kinder lieben Bilder, Geschichten, Spannung, Fantasie - und Eltern wollen oft nichts sehnsüchtiger, als den Nachwuchs schmökern zu sehen.

Doch gerade, weil das scheinbar so leicht zusammenpasst, kommt es so selten zusammen: Zwischen einer Flut aus Kitsch, Glitzer, ulkigen Tieren und riesengroßen Augen (niedlich!) auf der einen und pädagogischem Anspruch auf der anderen Seite klafft eine Lücke, in der man verblüffend selten Kinderbücher entdeckt, die in beiden Welten funktionieren. Denn die Kleinen haben oft ihren eigenen Geschmack.

Sie fahren auf Unfug wie "Die Olchies" ab - eine anspruchslos gezeichnete und grob zusammengesetzte Reihe rund um dreckige Müllwesen, deren Reiz allein darin besteht, dass sie voller Genuss pupsen. Noch nie über solche Witze gelacht, Mama? Und dann wieder sind Mädchen und Jungen sich verdammt sicher und finden dröge Bilder und Geschichten, deren einziger Daseinszweck die Vermittlung von "Werten" oder "Inhalten" ist, so stinklangweilig wie sie gemacht sind - Kunst hin oder her.

Doch die Suche nach gelungenen Beispielen lohnt sich. Da ist zum Beispiel der kleine Peter-Hammer-Verlag aus Wuppertal, der etwa mit dem Gruselgedicht-Buch "Unterm Bett liegt ein Skelett" perfekt die Witz-Welt von vier- bis Achtjährigen trifft und dabei auch für Erwachsene höchst erquicklich schreibt. Und dann ist da noch der Stand des Leipziger Vereins "Buchkinder", schlicht einer der besuchenswertesten der ganzen Messe.

Dort tragen Erwachsene lediglich dafür Sorge, dass Kinder, und zwar vollkommen ernsthaft und nicht als Gaga-Bastelanleitung, ihre eigenen Bücher machen können. Schreiben, illustrieren, drucken und binden. Das Gratis-Vereinsmagazin zitiert nicht ohne Grund aus dem Werk des neunjährigen Laurin: "Falls Sie dieses Buch in 1000 Jahren in irgendeiner Grabkammer oder etwas anderem finden sollten, haben sie ein Beispiel der Literatur unserer Zeit gefunden!" Auch die Preise der nach allen Regeln der Buchkunst gestalteten Werke in Mini-Auflage sind so ernst gemeint wie gerechtfertigt: "Monster unter sich" vom achtjährigen Bruno kostet 36 Euro. "Der nervt! (Oder wenn meine Mutter einen neuen Freund bekommt)" von der elfjährigen Charlize schlägt im Pixi-Format mit 6,50 Euro zu Buche. Die Geschichten sind köstlich, nicht weil sie so authentisch, sondern weil sie wirklich cool sind. (mit uh)

Die Buchmesse Leipzig hat bis 26. März geöffnet - täglich von 10 bis 18 Uhr. Mehr Informationen dazu gibt es am Freitag in der Literaturbeilage sowie im Internet unter: www.freiepresse.de/buchmesse

 
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Tomicek

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