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Am 9. November 1938 von den Nazis in Brand gesetzt, der Abriss der Ruine erfolgte 1957/58: Dieses Bild von Alexander Dettmar zeigt die Neue Große Synagoge, die einst in Berlin-Charlottenburg an der Fasanenstraße stand.

Foto: Kusa

Gleich drei Ausstellungen steuern die Kunstsammlungen zu den Tagen der jüdischen Kultur in Chemnitz

Galerie der Erinnerungen

Von Matthias Zwarg
erschienen am 18.02.2013

Chemnitz. Allein die Menge der relativ kleinformatigen Bilder zerstörter Synagogen von Alexander Dettmar gibt den Gemälden in den Kunstsammlungen Chemnitz etwas Monumentales. Die meist warmen, rauen Brauntöne, in denen der 1953 in Freiburg im Breisgau geborene Künstler die zerstörten Synagogen fast ikonenartig gemalt hat, suggerieren eine Art Heilung, die es doch nicht geben kann nach dem Holocaust, nach dem millionenfachen Mord der Deutschen an den Juden.

Die Reihe der Bilder, die er 1994 mit der zerstörten Synagoge von Güstrow begonnen habe, habe danach ein Eigenleben entwickelt, erklärt Dettmar. "Ich habe die Synagogen so gemalt, als ob sie alt geworden wären." Die menschenleeren Gebäude, deren einstiger architektonischer Zusammenhang, ihr Eingebundensein in die Ortsbilder nur angedeutet wird, drängen aus den Bildern, wirken so wuchtiger und gleichen einer erdrückenden Schuld, ohne aber wirklich zu berühren.

Eine menschliche Komponente vermitteln die beiden anderen Ausstellungen, die ebenfalls zum Auftakt der Tage der Jüdischen Kultur am Wochenende in Chemnitz eröffnet wurden. Oskor Kokoschkas sechs Lithographien "Jerusalem Faces" aus dem Jahr 1973- eine anonyme Schenkung an die Kunstsammlungen - zeigen unter anderem Golda Meir, einstige Ministerpräsidentin des Staates Israel, und geben einen lebendigen Eindruck vom Leben in dem jungen Land.

Der beeindruckendste, überraschendste Teil der Ausstellungen ist wohl aber "Destination Schanghai", eine Sammlung von Dokumenten, Fotos und Objekten aus der Jüdischen Gemeinde der chinesischen Großstadt aus den Jahren 1936 bis 1949, die die Kunstsammlungen in Kooperation mit dem New Yorker Leo-Baeck-Institut zeigen.

Schanghai war in der Zeit des Nationalsozialismus für etwa 20.000 deutsche und österreichische Juden der "buchstäblich letzte Ort, für den man kein Visum brauchte", wie es im Katalog heißt. Vor der Ausreise in westliche Demokratien hatten die Flüchtlinge dagegen oft hohe bürokratische Hürden zu überwinden. In China allerdings erwarteten die Verfolgten eine fremde Kultur, ungewohntes Klima und schwierige Lebensverhältnisse.

"Das Leo-Baeck-Institut beherbergt die wohl wichtigste Quellensammlung zur deutsch-jüdischen Geschichte. Der Umfang dieser Sammlung belegt den Verlust, den Deutschland durch die Vernichtung seiner jüdischen Minderheit selbst verschuldet hat", so Caroline Kahn Strauss, Direktorin des Institutes, die zur Eröffnung der Ausstellung eigens aus New York anreiste.

Auch dies ist ganz sicher ein Zeichen der Würdigung der Bemühungen in Deutschland insgesamt und in Chemnitz, sich der Geschichte zu stellen und sich als weltoffen, tolerant und friedlich zu präsentieren, wofür bei den Tagen der Jüdischen Kultur viele junge Menschen mit ihren Aktivitäten sorgen.

Die Ausstellung selbst - gestalterisch mit ihren schlichten Vitrinen und Bilderrahmen eher etwas bieder - zeigt in mehreren Abteilungen, wie die Flüchtlinge in Schanghai ankamen, sich zum Teil in einem Ghetto einrichten mussten, sich dort aber auch um ein religiöses, wirtschaftliches und kulturelles Leben bemühten, das dennoch vielen Einschränkungen unterworfen war.

Einige Objekte in der Ausstellung - Ausstellungsplakate, Gemälde, Fotografien - zeugen davon, wie sich die Verfolgten in der Fremde einzurichten versuchten und soziale Netze knüpften. Unter den Flüchtlingen, die nach China auswanderten, waren auch Chemnitzer Juden. Am Beispiel des Ehepaars Elisabeth und Ludwig Gumpel wird eines dieser Schicksale geschildert - leider geschieht dies ohne weitere Sachzeugnisse, die es noch anschaulicher hätten machen können. Das Ehepaar hatte zunächst im vogtländischen Falkenstein gelebt, wo ihnen das Konfektionshaus "Vogtland" gehörte. Wegen des von den Nazis verhängten "Judenboykotts" mussten sie ihr Geschäft aufgeben, gingen 1935 nach Chemnitz, wo sie aber nicht heimisch wurden. Elisabeth Gumpel arbeitete im Kaufhaus Schocken, verlor aber im Zuge der "Arisierung" ihre Stelle.

Ihr Ehemann kämpfte ebenfalls erfolglos um das wirtschaftliche Überleben der Familie, so dass sich das Paar zur Auswanderung entschloss und 1939 in Schanghai eintraf. Erst Ende 1947 konnten sie die Stadt wieder verlassen, kehrten sogar wieder nach Aue zurück (während die meisten in die USA auswanderten), wo sie als Opfer des Faschismus und später als Verfolgte des Naziregimes anerkannt wurden. Ludwig Gumpel starb 1967 in Aue, zwei Jahre später seine Frau.

Letztlich sind es diese Schicksale und ihre Erforschung, die das Unrecht, die Not und die nie abgegoltene Schuld jener Jahre bis heute fassbar machen und der Galerie der Erinnerungen etwas ganz Gegenwärtiges geben.

 
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