Menü
 
Grenzgänger ohne Furcht vor seichtem Gewässer: Trompeter Till Brönner.

Foto: Ali Kepenek/Universal Bild 1 / 4

Jazz geht's wieder los!

Pop und Jazz sind musikalische Antipoden, die sich schon immer gegenseitig befruchtet haben - auch wenn das immer wieder Vorurteile und Oberflächlichkeit verstärkt hat. Doch aktuell herrscht so viel Frieden wie schon lange nicht mehr. Und der Profit für beide Seiten? Geht überraschend tief und kann sich hören lassen!

Von Johanna Eisner
erschienen am 04.03.2016

Wird dieser Tage über den verstorbenen David Bowie gesprochen, ist viel von Sternen die Rede, schmückt man Sätze mit Himmelsmetaphern. Nicht nur, weil sein aktuelles Chart-Album "Blackstar" heißt. Die Popwelt stilisiert Bowie als eine kosmische Lichtquelle der Inspiration, unter der bisher unzählige Genres und Künstler gediehen wie Gangsterkarrieren im Rotlichtmilieu: Folkrock, Glam, Pop, Hardrock, Wave, Indie, Funk und natürlich Mode - es gibt fast nichts, das nicht von ihm beeinflusst wurde.

Und nun, zum Abschluss, hat Bowie eine Jazz-Platte gemacht. Schon immer hatte er ein Auge darauf geworfen, Big Bands gemocht - und 2015 schließlich das New Yorker McCaslin-Quartett engagiert, um sich endgültig in ein fernes schwarzes Loch, den Blackstar, zu verabschieden. Und das kann nur eines bedeuten: Schon sitzen die Pop-Experten vor ihren Spiegelglaskugeln und orakeln über Jazz als mögliches nächstes großes Ding. Wobei in der Popkultur jedes Jahr ein anderes, nie aber wirklich neues großes Ding gibt - Recycling ist hier eine große Sache. Alles schon mal dagewesen? Aber klar - wenn es doch gut war, ist es eben auch noch gut.

Nun verfügt die Musik 2.0 in ihrer digitalen Diffusion über die Eigenschaft, dass nur noch wenig Neues entsteht, dafür jedoch vieles neu miteinander verschmilzt. Und so kramt man im Halbjahres-Takt neue alte Popgewürze aus dem Plattenschrank. Heute ist es der R'n'B. Und mit ihm jetzt auch der Jazz. Natürlich war Jazz niemals weg, steht er doch seit über hundert Jahren als Genre für sich und war bereits populär, als das Wort Popmusik noch in den Sternen geschrieben stand.

Jazz. Dass ist nun wirklich nicht gleich Jazz. In diversen Spielarten wie Swing, Modern- oder Free-Jazz flimmert er durch das Musikuniversum, und lässt sich dennoch auf einen Kern reduzieren: Auf seine schwarze Seele. Auf seine wütende, leiderprobte, weil über Jahrhunderte lang systematisch unterdrückte schwarze Seele. Entstanden als Fusion afrikanischer Rhythmus-Tradition, afroamerikanischen Ausdrucks, klassischer westlicher Harmonik und europäischer Instrumentierung, wurde er zum musikalischen Sprachrohr der Afro-Amerikaner, obwohl seine Wurzeln auch in Europa liegen.

Jazz ist ein europäisch-afrikanisches Mash-Up, und damit ziemlich zeitgemäß. Im Herzen aber ist Jazz immer schwarz geblieben, auch wenn er ausgerechnet einige weiße Männer - Frank Sinatra, Dean Martin, Tony Bennet - zu Weltstars machte. Ähnliches gilt auch für den blutsverwandten Blues, als die Rolling Stones erfolgreich im Mississippi-Delta wilderten. Was den Charakter des Jazz von "klassischer" Musik unterscheidet ist vor allem der Offbeat, also die Betonung der zweiten Zählzeit, Synkopen, also verschleppte Rhythmen, freie Improvisation und Blue Notes. Als der Jazz in den Zwanzigerjahren über den Atlantik nach Europa schwappte, galt er bei notorischen Wertebewahrern als amerikanischer Teufel, als Sinnbild der verdorbenen Jugend und des kulturellen Untergangs, den später auch Rock'n'Roll und das Internet bedeuten sollten..

Heute wirkt Jazz - abseits vom tanzbaren Swing - fast schon prätentiös. Was es schon wieder mutig für Szene-Stars wie den Trompeter Till Brönner macht, die leichten Seiten, als "Barmusik" verpönten Seiten des Genres auszuloten, um dort die verkannten Tiefen wieder zu entdecken.

Jazz ist oft nicht nur vermeintlich, was die Bohème hört, wenn sie vor der Xtausend-Euro-Stereoanlage auf dem Sofa liegt und Proust liest. Dass er für die schnelllebige, bunte, grelle Popkultur plötzlich wieder interessant ist, liegt dabei nicht nur an Bowie, sondern auch an Grammygewinner Kendrick Lamar, der in politisch turbulenten Zeiten von Rassenunruhen und Polizeigewalt als rappender, schwarzer Bürgerrechtler auf den Bildflächen erschienen ist, und dafür verehrt wird.

Auf seinem hochgepriesenen Album "How to Pimp a Butterfly", rappt er konsequenterweise und im Sinne kultureller Identitätsbewahrung hauptsächlich auf Jazz-Versatzstücke. Und hat damit nicht nur Tony Visconti, den Produzenten von "Blackstar", erhellt, sondern auch eine Art Jazz-Gang mit einer Straßenkredibilität von zehn Beatniks um sich versammelt, die nun den Ton im Trendbarometer anzugeben scheint.

Dazu zählen unter anderem Bassist Thundercat und Producer Flying Lotus, die für eine (instrumentale) Fusion aus Jazz, R'n'B und elektronischer Musik stehen. 2016 planen sie eine Kooperation mit Legende Herbie Hancock. Tenorsaxofonist Kamsai Washington, für die Arrangements auf Lamars Album zuständig, brachte mit "The Epic" ein von der Kritik als Meilenstein zeitgenössischer Jazzmusik gefeiertes, wahrhaft episches Album heraus. Auch das ist nicht neu, zitiert er darauf doch eifrig die Musik der 60er und 70er Jahre und illustriert mit fast schon galaktischen Sounds Herkunft und Identität. Neu ist, dass sich dieses Album in den Popmainstream schlich, in dem Jazz etwa so oft stattfindet wie Platten der Amigos. Im jazzigen, manchmal seichten Fahrwasser von Lamar & Co. schwimmen jetzt Newcomer wie Anderson Paak und selbst ernannte Rap-Götter wie Kanye West und verschmelzen Rap und Jazz mit Kritikerherzen.

Die Verwandtschaft von Jazz und Hip Hop indes ist so klar wie ein europäischer Viervierteltakt: Es ist die gemeinsame musikalische Sprache der Unterdrückten, vereint in der Ohnmacht, im Kampf gegen soziale Exklusion, Rassismus und gesellschaftliche Stigmata, mit denen moderne Gesellschaften, nicht nur die der USA, immer noch ringen.

Die Ereignisse in Ferguson stehen symbolisch dafür. Sie könnten ein Grund dafür sein, dass der Jazz jetzt "zurück" ist, dass er immer noch da ist, sich jetzt gemeinsam mit dem Hip-Hop stark macht und dank Bowie vielleicht auch bald wieder mit anderen Musikstilen. In seinem musikalischen Kern steht er für ein hohes Ideal der Kultur: Für die gelungene, gerechte Verschmelzung vieler Welten.

Dieser Beitrag erschien in der Wochenendbeilage der "Freien Presse".

 
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
Lesen Sie auch:
  • 15.06.2016
  • freiepresse.de
  • Deutschland
Oliver Berg/Archiv
Innenminister rät zu erhöhter Wachsamkeit1

Washington/Paris (dpa) - Nach den jüngsten Anschlägen in den USA und Frankreich hat Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) die Bevölkerung zu erhöhter ... weiter lesen

  • 08.06.2016
  • freiepresse.de
  • Aue
Dostmann
Oben Mensch, unten Fisch  

Aue/Schwarzenberg. Der Nachwuchs bei den Rettungsschwimmern übt das Tauchen jetzt mit Flossen. Bei den Mädchen kommt die Idee gut an - die Jungs sind skeptisch. weiter lesen

  • 02.06.2016
  • freiepresse.de
  • Kultur
Black Sabbath: Die Urväter des Heavy Metal treten ab 

Berlin (dpa) - Black Sabbath: Vier unbedarfte Jungs aus England werden mit düsterer Musik zu einer der größten Bands des Planeten. Sie begründen das Genre ... weiter lesen

  • 20.05.2016
  • freiepresse.de
  • Kultur
Vi Khoa
Bob Dylan geht noch einmal auf Nostalgie-Trip 

Berlin (dpa) - Es bedarf keiner großen Fantasie, sich die langen Gesichter der zahllosen Dylan-Deuter und -Versteher vorzustellen. Da wird ihr Held, der ... weiter lesen

 
Kommentare
0
(Anmeldung erforderlich)

 
 
 
 
 
 
am meisten ...
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Onkel-Max-Frage
Warum spielen einst sowjetische Teams in Ligen Europas?
Onkel Max
Tomicek

Warum spielen Fußballmannschaften aus ehemaligen Republiken der einstigen Sowjetunion, die eigentlich in Asien liegen, in europäischen Ligen mit? Das betrifft auch nicht allein den Fußball, sondern auch andere Sportarten. (Die Frage stellte Ulrich Schäfer aus Niederwiesa.)

Antwort lesen
 
 
 
 
Unsere Top-News bei Whatsapp & Co.

MorePixels/istockphoto.com

Weitere Informationen finden Sie hier

 
 
 
 
 
 
 
 
 
|||||
mmmmm