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Sozialistischer Realismus auf dem Abstellplatz - im "Park der gefallenen Idole" in Moskau vor der neuen Tretjakow-Galerie. Dort wurden zahllose Büsten zum Beispiel von Karl Marx (im Bild), Engels, Lenin, Gagarin, Breshnew und anderen Leitfiguren der Sowjetunion lieblos deponiert.

Foto: Imago

Morgenluft und Schnee von gestern

Der Kalte Krieg nach 1945 hat Europa geteilt. Auch das Europa der Künste war davon betroffen. Fortschritt im Westen, Rückschrittliches dagegen im Osten - dem Sozialismus zugewandt? Von wegen. Eine große Schau in Moskau zeigt, dass dies nur die halbe Wahrheit ist.

Von Matthias Zwarg
erschienen am 21.03.2017

Moskau. Im März ist Moskau noch vom Winter gezeichnet. Unter den grell beleuchteten Bäumen und bunten Reklamen in der Innenstadt schmilzt langsam der schmutzige Schnee. So kann man sich das Tauwetter nach dem Kalten Krieg vorstellen. Da war viel Dreck zu beseitigen. Dass die Kunst auch in diesen Zeiten auf dem Weg zu einem einigen, miteinander und nicht gegeneinander agierenden Europa selbstbewusster Staaten vorangehen kann, möchte jetzt eine Ausstellung belegen, die es so noch nie gegeben hat.

Unter dem Titel "Facing the future" - etwa: "Im Angesicht der Zukunft" - "Kunst in Europa 1945 bis 1968" haben zwei deutsche Ausstellungsmacher in der russischen Metropole etwa 200 Werke von 150 Künstlerinnen und Künstlern aus Ost- und Westeuropa zusammengetragen. Eckhart Gillen (der für die Kunstsammlungen Chemnitz unter anderem eine Ausstellung zu Klaus Hähner-Springmühl kuratierte) und Peter Weibel (Direktor des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medientechnologie - ZKM) sind die beiden Kuratoren. Sie zeigen in sechs Abteilungen, dass die Künstler in Ost und West nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges, nach Auschwitz, nach der Atombombe, nach dem Gulag ganz ähnliche Antworten auf ganz ähnliche Fragen gefunden haben, dass das Europa der Künste sich näher war als das politische Europa jener Zeit - und wohl auch noch der Gegenwart.

Die mit großem Publikumsinteresse im Puschkin-Museum eröffnete Schau war zuvor schon in Brüssel und Karlsruhe zu sehen. Nun zeigt sie in Moskau, wie die Nachkriegskunst auf die Erfahrungen des heißen und des Kalten Krieges reagierte. Viele der Werke - etwa Filme und Fotografien des umstrittenen Österreichers und Aktionskünstlers Otto Muehl, Bilder der beiden Sachsen Georg Baselitz und A. R. Penck - sind erstmals in Russland zu sehen.

Zum Beginn der Ausstellung mahnt der "Gekreuzigte" des Wieners Alfred Hrdlicka aus dem Jahre 1959 an die bis heute nicht vernarbten Wunden der Kriegs- und Nachkriegsgenerationen in Europa. Der Torso eines ausgemergelten, geschundenen Mannes ohne Arme, Füße, mit nur einem Teil des Kopfes vereint in sich, was Menschen einander angetan und was Menschen von Menschen ertragen mussten. Und noch bevor die Politik darauf reagierte - die den Frieden eher als Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln betrachtete -, reagierten die Künstler. Es war, als suchten sie nach einer Antwort auf das Verdikt des Philosophen Theodor W. Adorno: "Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch."

In sechs Abteilungen zeigt die Ausstellung, wie sich die Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte und damit auf eine veränderte Welt reagierte. Im Prolog "Ende des Krieges" ist hinter einem "Gefallenen Krieger" - einer Plastik des Briten Henry Moore - die großformatige Collage "Stalingrad" des deutschen Dadaisten Hans Richter zu sehen, die den Schrecken des Krieges mit belanglosen Meldungen aus US-Tageszeitungen verbindet. Während in Stalingrad die Rote Armee den ersten großen Sieg über Hitlers Wehrmacht errang, wurden in den USA die Menschen auf ein langes Wochenende vorbereitet, wofür sie sich doch bitte mit einem größeren Einkauf rüsten sollten.

Im zweiten Teil, "Trauer und Erinnerung", ist das so schlichte wie verstörende Objekt "Schwarzer Stacheldraht" des Niederländers Ar-mando zu sehen, aber auch Willi Sittes "Massaker" aus dem Jahr 1959 und Pablo Picassos "Massaker in Korea" von 1951. Diese Offenheit - auch gegenüber umstrittenen Künstlern wie dem DDR-Verbandsfunktionär Willi Sitte - ist eine der Qualitäten der Schau und ganz sicher dem Kunsthistoriker Eckhart Gillen zu danken, der sich seit Jahrzehnten für eine vorurteilslose Betrachtung ostdeutscher und osteuropäischer Kunst vor 1989 einsetzt.

Es schließt sich der "Kalte Krieg" an. Eingeleitet mit dem schlichten "Fleisch" des Russen Vladimir Tatlin, einem Stück rohen Fleisches, das mit einem Messer bearbeitet wird - so, wie der Mensch nun "bearbeitet" werden würde: im Westen konditioniert für ein "Wirtschaftswunder" auf Kosten des ärmeren Teils der Welt, im Osten für einen "Realsozialismus", der mit dem tatsächlichen Ideal einer freien, ausbeutungsfreien Gesellschaft nichts zu tun hat.

Eine krude Mischung, die etwa der sowjetische Künstler Jewgeni Michnow-Woitenko 1959 mit zahllosen Strichmännchen darstellt. Das ist weit entfernt vom sozialistischen Realismus, der in jener Zeit im Osten Staatsdoktrin war und den man noch immer auf einem Abstellplatz vor der neuen Tretjakow-Galerie in Moskau besichtigen kann: Dort wurden zahllose Büsten von Marx, Engels, Lenin, Gagarin, Breshnew und anderen Leitfiguren der Sowjetunion lieblos in Reih und Glied platziert - so wie die Sowjetbürger früher an ihnen in Reih und Glied vorbeimarschiert sind.

Die Ausstellung im "Puschkinski" aber wartet mit einigen Überraschungen auf. So sagte ZKM-Chef Peter Weibel in einem Interview: "Wenn ich anfangs geglaubt habe, dass der Westler früher dran war, habe ich manchmal gesehen, dass das stimmt, und manchmal, dass es nicht stimmt." Zum Beispiel habe etwa der polnische Theatermacher Jerzy Grotowski mit seinem "armen Theater" einen Anstoß für die "Arte Povera" (arme Kunst) in Italien gegeben. Auch der Rückzug aus der gegenständlichen Kunst war keineswegs auf den Westen beschränkt.

Der sowjetische Künstler Dmitri Plawinski verweigerte sich mit seinen "Fliegenden Scheiben" ebenso dem sozialistischen Realismus wie der Ungar Lajos Kassák. Und selbst gegenständliche Bilder wie die des 1929 in Bautzen geborenen Harald Metzkes entzogen sich der DDR-Apologetik. Seine "Schwere Stunde" aus dem Jahr 1957, die einen traurigen, schmalen Mann am Bett einer Frau in einem kargen Raum zeigt, kann Krankenzimmer wie Gefängnis sein - im Osten und im Westen.

So wie auch schon der 1963 entstandene "Übergang" des Dresdners A. R. Penck, den er auf einem brennenden Drahtseil zeigt, für Transformationen der Gesellschaften hier wie da geht und steht. Und das bis heute: Der russische Übergang in die Marktwirtschaft, der sich optisch in den teuren, glamourösen Geschäften in der Moskauer Innenstadt einerseits und heruntergekommenen Außenbezirken andererseits manifestiert, hat noch immer etwas von einem Drahtseilakt.

So stellt die zeitgenössische Kunst im Moskauer Puschkin-Museum sich die Zukunft Europas vor: Das von einem Ventilator zum Wehen gebrachte "Blaue Segel" des Kölner Künstlers Hans Haacke aus dem Jahr 1965 erinnert an Meer und Himmel zugleich, an eine ewige Sehnsucht auf wankendem Boden.

Foto: Matthias Zwarg

Ein "Neuer Realismus", so heißt die nächste Abteilung, hatte dann schon wenig mit der alten Gegenständlichkeit zu tun. Stattdessen wurden reale Objekte zu Kunst erklärt und verarbeitet, gab es Happenings und den fließenden Übergang des Lebens in die Kunst und umgekehrt - Fluxus. Auch dies im Osten wie im Westen, wie etwa Arbeiten des Westdeutschen Wolf Vostell und des kaum bekannten Ungarn Gábor Altorjay dokumentieren.

Dem folgenden "Neuen Idealismus" ist eine der schönsten Arbeiten der Ausstellung gewidmet: das "Blaue Segel" des Kölner Künstlers Hans Haacke aus dem Jahr 1965, ein durch einen Ventilator zum wogenden Wehen gebrachtes blaues Tuch, Meer und Himmel zugleich, ewige Sehnsucht auf wankendem Boden.

Mit dem Jahr 1968 und einem Fragezeichen endet die Schau. Die Kapitelüberschrift lautet: "Ende der Utopie?" Der Deutsche Timm Ulrichs (auf dessen Tassenbrunnen Chemnitz leider verzichtet hat) stellte lediglich noch den "Tuschekasten für potenzielle Meisterwerke" zur Verfügung, während der Objektkünstler Günter Uecker schon die überdimensionalen Nägel für eine kommende "Barrikade" bereit legte. In Ungarn, Polen und der CSSR hingegen probten Künstler wie Tamás St. Auby, Tadeusz Kantor, Miklós Erdély mit ihren Aktionen schon den Aufstand, der 1968 auf die Straßen getragen wurde.

Die Ausstellung postuliert überzeugend eine in all ihren nationalen Unterschieden gemeinsame europäische Kunstgeschichte - einen Vorschlag, den auch Marina Loschak, die Direktorin des Puschkin-Museums, gern annahm, zumal die Idee für die Ausstellung von einem Moskauer Künstler ausging.

"Die Idee war von Anfang an, Europa zusammenzuhalten", sagte auch Eckhart Gillen in einem Interview. Er verwies darauf, dass in den Jahren nach 1945 der Blick zurück weder im Osten noch im Westen politisch gewollt war: "Man wollte in die Zukunft sehen." Aber "die Voraussetzung, ein neues Europa zu gestalten, zu denken, zu imaginieren, ist, erst einmal eine Bilanz zu ziehen über das Geschehene".

Die Zeit dafür ist günstig. Zwar ist die Verfolgung der Moskauer Aktionsgruppe Pussy Riot noch in guter Erinnerung, zwar beantragen nach wie vor Russen wie der Aktionskünstler Pjotr Pawlenski Asyl im Ausland. Andererseits ist in der Tretjakow-Galerie gerade eine Ausstellung unter dem Titel "Tauwetter" zu sehen, die den Aufschwung der sowjetischen Kunst nach Stalins Tod und Chruschtschows Machtübernahme zeigt. Die Ausstellung ist ebenso ein Publikumsmagnet wie "Facing The Future" im Puschkin-Museum. Vielleicht auch deshalb, weil die Kunst "mich atmen lässt", wie die Museumsbesucherin Jana Rafalskaja sagt. Im "Business" des russischen Turbokapitalismus habe sie diese Luft zum Atmen nicht.

Auch in dieser Hinsicht dürfte sich das kulturelle Europa einiger sein als das politische. Aber man braucht den Schnee von gestern für den Frühling von morgen. So, wie der schmutzige Moskauer Schnee dann doch taut und zahllose Frauen und Männer die Winterreste beseitigen, können die Menschen in Europa sich schließlich doch aneinander wärmen und zueinander finden. Ausstellungen wie die im Puschkin-Museum helfen dabei.

 
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Onkel-Max-Frage
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